• Sibylle Bergs "Viel gut essen" im HOT in Potsdam

Premiere am Samstag im Hans Otto Theater : "Viel gut essen" von Sibylle Berg in Potsdam

Sibylle Bergs „Viel gut essen“ hat am Samstag im Hans Otto Theater Premiere. Wie hält es die Autorin mit Europa, AfD-Anhängern und Pessimismus?

Sibylle Berg
Sibylle BergFoto: Jens Kalaene/dpa

Potsdam - Bevor das Stück „Viel gut essen“ von Sibylle Berg im Hans-Otto-Theater Premiere feiert, haben wir mit der Autorin gesprochen.

Frau Berg, Ihr Stück „Viel gut essen“ über einen frustrierten Mittelstandsmann erschien 2014 – vor der „Flüchtlingskrise“. Würden Sie es heute genauso schreiben?

Ich befürchte, es hat sich am Inhalt des Stückes und seiner Aktualität nicht viel geändert. Was die Person im Stück antreibt, sind die gleichen Beweggründe, die man heute als Ursachen von Fremdenfeindlichkeit, nationalkonservativem, populistischem Denken und Handeln ermittelt hat. Es sind selten wirklich Nöte, sondern ein Unwohlsein, was zum Teil in der Globalisierung und dem neoliberalen Kampfsystem seine Quellen hat. Nur ist es rechten Kräften durch Big Data Manipulation, unverfrorene Lügen und Angsterzeugung gelungen, die vorher Unzufriedenen zu mobilisieren. Und es sind mehrheitlich Männer, die nach etwas suchen, das ihnen wieder ein Gefühl von Stärke gibt. Und die sich leider nicht gegen Banken, Korruption, Panama-Papers-Verbrecher wenden, sondern – wie so oft – gegen vermeintlich Schwächere.

Das Stück entstand, als die Pegida-Bewegung gerade bekannt wurde. Was gab den konkreten Auslöser? Gab es ein Erlebnis, eine Begegnung, eine Lektüre?

Es war die teilweise Eroberung europäischer Parlamente durch Rechtsnationale, Trump, der Brexit, die Ahnung, dass die Form der Demokratie, in der wir leben, gerade auf dem Spiel steht. Das Stück sucht einmal mehr nach Gründen. Und das würde ich heute, um zu Frage eins zurückzukehren, anders machen. Es wurde seit Jahren analysiert, diskutiert. Viele, und ich möchte meinen, die Mehrheit der Menschen weiß, dass das System des gefräßigen Kapitalismus nicht gut ausgehen kann, aber dass die Lösung sicher nicht in einer autokratischen faschistoiden Diktatur bestehen kann. Und immer noch wird versucht zu verstehen, statt sich geschlossen eine Antwort zu überlegen.

Eine viel diskutierte Frage 2018: Sollte man mit Pegida-Demonstranten und AfD-Wählern, mit Leuten wie Ihrem Protagonisten, reden oder bringt das ohnehin nichts?

Wer sollte denn dieses Reden übernehmen? Diskussionen im kleinen Kreis: immer. Ich denke, man muss unterscheiden zwischen Menschen, die irgendwie sauer sind, das sind wir alle, und überzeugten Rassisten, Menschenhassern. Ich vermute ferner, dieses sogenannte Reden im großen Maß hätte von den in Deutschland gewählten Politikern erfolgen müssen. Ich finde nach wie vor die Haltung der Kanzlerin richtig, Hilfesuchenden Hilfe zu gewähren, nur wäre es ihre Aufgabe, dem Volk, für das sie spricht, ihre Pläne mitzuteilen, wie das berühmte „Wir schaffen das“ zu schaffen ist. Ich befürchte auch, dass es vielen, die heute populistischer Propaganda glauben, nicht um konkrete Verbesserungen ihrer Lebenssituation geht. Denn es finden sich nicht sehr viele alleinerziehende Frauen, Pflegepersonal, Altenbetreuer oder DHL-Boten unter den Demonstranten, was den Schluss nahelegt, dass es vornehmlich darum geht, gegen etwas zu sein. Was ja bislang auch das einzige Parteiprogramm der AfD ist. Wut ist viel einfacher zu befeuern als Liebe, Anteilnahme, Besonnenheit.

Sie werden oft als zynisch beschrieben – ein Missverständnis?

Ja, ein wenig albern.

„Ich belästige ja alle Randgruppen, als weißer, normaler Mann“, schnauft der Protagonist in „Viel gut essen“. „Ich belästige die Ausländer, die nicht ungestört in meinen Garten kacken können.“ Wie viel Spaß macht so eine Figur beim Schreiben?

Um die Person zu verstehen, genügen ja Gespräche, das Lesen von Foren, Kommentaren, das Besichtigen rechter Diskussionen. Aber auch die eigenen Gefühle. Es war mir wichtig, die Person nicht als alberne Karikatur zu zeichnen, sondern als einen von uns, einen der auch nicht weiß, wie es geht mit dem Leben.

Sie schreiben Prosa, Stücke, Hörspiele, Kolumnen, sind auf Twitter aktiv. Wann waren Sie das letzte Mal nach einer Veröffentlichung nicht mehr einverstanden mit sich?

Alte Arbeiten sind alt. Ich behaupte ja nie im Besitz der Wahrheit zu sein, sondern eher versuche ich für mich Aktuelles zu verstehen, zu spiegeln, hinzuweisen, und natürlich zu unterhalten. Ich kann aber nicht klüger sein als der aktuelle Stand der Wissenschaft. Ich lerne. Das ist ja das Großartige an meinem Beruf. Ich werde fürs Lernen bezahlt, im besten Fall. Also solange Menschen meine Bücher lesen und meine Stücke sehen wollen.

Sie sind gebürtige Weimarerin, verließen in den 1980er Jahren die DDR. Wie viel Thüringen ist noch in Ihnen?

Ha, ich kann den Dialekt noch 1A. Aber das war es auch schon. Um sich zu Hause zu fühlen, muss man die Todesanzeigen interessiert studieren. Ich kenne in Weimar niemanden mehr. Ich lebe unterdessen die längste zusammenhängende Zeit meines Lebens in der Schweiz, und es ist die Zeit meines Erwachsenenlebens.

Sie gingen als Mitte-20-Jährige in den „Westen“. In einem Interview sagten Sie: „Beide Systeme sind bravourös gescheitert.“ Kann man mit dieser Erkenntnis nur leben, indem man düstere Bücher, Stücke und Kolumnen schreibt?

Düster? Serious? Ich finde, wenn schon, realistisch ein gültigeres Adjektiv. Ich denke nicht, dass genau unsere Zeit besonders schrecklich ist, auch wenn es vielen so vorkommt. Wir leben in Europa, dem Ort, nach dem sich Millionen sehnen, weil es hier keine Kriege gibt, keine Folter, wir haben immer noch ein Gesundheitssystem, das funktioniert, kostenlose Schulbildung und eine im Vergleich zu vielen Ländern auf der Welt funktionierende Infrastruktur. Und wir haben noch eine Demokratie, also die Macht, uns an politischen Prozessen zu beteiligen, viel mehr geht ja kaum. Wenn mich etwas pessimistisch sein lässt, dann die nie verheerende Freude der Menschen daran, andere zu hassen und abzuwerten.

„Einen Menschen außerhalb sich selber zu lieben ist das einzige, was irgendwie sinnvoll ist in unserem Leben“, sagten Sie auch. Und das Schreiben? Passt das nicht auch in die Kategorie „irgendwie sinnvoll“?

Unbedingt. Ich bin sehr glücklich mit dem, was ich tue, und mir würde nichts anderes einfallen.

Sie leben in Zürich, verbringen viel Zeit in Israel. Wurde Ihnen Zürich zu gemütlich?

Nein, ich bewege mich sehr gerne und gleiche Realitäten ab. Ich gehe nie davon aus, dass es allen Menschen so geht wie mir, dass alle Länder sind wie die Schweiz, über die, glaube ich, auch nicht sehr viele Bescheid wissen. Vielleicht einmal eine gute Gelegenheit, um mit einem viel zitierten Irrtum aufzuräumen. Nein, wenn man als erfolgreiche, aber nicht reiche Künstlerin in der Schweiz lebt, dann tut man das nicht wegen der Steuer. Das wäre doof, denn alles andere hier ist zwei- bis viermal so teuer wie in Deutschland. Kassen, Lebenshaltung, Miete. Ich lebe seit über zwanzig Jahren hier, weil ich die Menschen in der Schweiz sehr gerne habe, und man ja auch irgendwo wohnen muss.

Eine Frage noch an die Pessimistin in Ihnen: „Viel gut essen“ wurde schon vielfach gespielt, morgen auch in Potsdam. Was ist das Schlimmste, das bei einer Inszenierung des Textes schiefgehen kann?

Ich weiß nicht, warum Sie mich pessimistisch und düster nennen. Verraten Sie mir das bitte, bitte!

Der letzte Satz in „Viel gut essen“ lautet: „Steht auf, ihr Bürger – es ist Krieg“.

Sind Sie denn optimistisch? Glauben Sie, dass die Welt ein Ort der Freude, Nächstenliebe und des Verstandes ist? Ich hätte gerne Lösungen, und arbeite auch politisch, um minimal etwas zu verbessern. Aber mitunter denke ich, ach je, die Welt will gar nicht gerettet werden. Bei Inszenierungen kann so gut wie alles schiefgehen, denn Theater ist ein mühsames Live-Ergebnis des Zusammenwirkens vieler Faktoren. Nicht so gut ist es immer, wenn viel geschrien wird, wenn der Humor vollkommen weginszeniert wird. Aber sonst wünsche ich allen toi, toi, toi. Und liebe Grüße nach Potsdam, was nebenbei sehr, sehr schön ist.

Die Fragen stellte Lena Schneider

Autor