• Premiere am Hans Otto Theater Potsdam: Bananen in verstopften Kehlen

Premiere am Hans Otto Theater Potsdam : Bananen in verstopften Kehlen

Das Hans Otto Theater setzt seine Auseinandersetzung mit der DDR fort: Mit einer gelungenen Bühnenadaption von Peter Richters Roman "1989/90".

Lena Schneider
Jörg Dathe als einer von acht Darstellern in "1989/90" nach Peter Richter in der Reithalle des Hans Otto Theaters Potsdam.
Jörg Dathe als einer von acht Darstellern in "1989/90" nach Peter Richter in der Reithalle des Hans Otto Theaters Potsdam.Foto: Thomas M. Jauk/Stage Picture

Potsdam - Eine Banane lässt sich auf vielerlei Art essen. Man kann sie genießen, Biss für Biss. Wer Schmatzgeräusche mag, wird daran seine Freude haben. Zumal wenn diese Geräusche mikroverstärkt sind und man das klangliche Monopol über einen Theatersaal hat. Man kann sie auch spielerisch als Colt anbieten. Aber wenn keiner mitspielt, wird man sie doch essen. Dann wird sie im Mund kleben. Breiig und süß, im Abgang verstopfen sie fast die Kehle.

Fanny Brunners Bühnenadaption von Peter Richters Roman „1989/90“ in der der Reithalle des Hans Otto Theaters nimmt sich für die Banane viel Zeit. Statt in die 400 Romanseiten zu eilen, lässt Brunner zu Anfang Philipp Mauritz (Schmatz-Monopol) und Hannes Schumacher (Colt) ein stummes Bananenduell ausführen. Und fragt damit auch: Ist 30 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht schon alles gesagt? Seitdem die „Zonen-Gaby“ in der „Titanic“-Ausgabe vom November 1989 eine geschälte Gurke mit den Worten „Meine erste Banane“ kommentierte, ist die Frucht zum Inbegriff ostdeutscher Misere geworden. Freude, Hoffnung, Naivität, Enttäuschung: alles war in der Banane drin. Rückblickend.


Die Stärke des Romans, die Stärke der Regie


Auch in dieser ersten Szene der Inszenierung ist bereits alles drin. Zum Einen die Stärke der Vorlage, die das Stück übernimmt: Erinnerung über prägnante Bilder einzufangen, banalen Dingen große Gedanken zu entlocken. Zum Anderen die Stärke der Regie von Fanny Brunner, die zeigt, dass Romanadaptionen für die Bühne funktionieren, wenn man sich von der Vorlage nicht hetzen lässt. Dass noch nicht alles gesagt ist. Und auch der Kloß in der Kehle ist gewissermaßen schon da, den man am Ende in der eigenen Kehle spürt.

Zunächst geht es lustig zu. „Not in Kansas anymore“ hat Bühnenbildner Daniel Angermayer in großen Buchstaben auf der Bühne platziert. Daneben liegt denkmalgroß Lenins Kopf. Hinten ein goldener Vorhang wie  im Zirkus. Später werden alle als  Clowns verkleidet Halskrausen tragen. 

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Erstmal aber trägt das achtköpfige Ensemble biederes Ocker: die Farbe, mit der der 15-jährige Ich-Erzähler aus dem Roman die Musik des Oktober-Clubs beschreibt. Die Farbe der DDR. Oktober-Club ist die Musik, die seine angebetete L. (Alina Wolff) hört – eine  Exotin im Freundeskreis des Erzählers. Eine echte Sozialistin. Sonst zählt eher The Cure oder Kaltfront, Dresdener Punk. Unter Hocheinsatz vorgebracht von Jörg Dathe: "Stürze dich vom Zug vor der nächsten Station/ Als Teil einer glücklichen Generation".


Renft singen, dass die Zeit stehen bleibt 


Im Roman mäandert der Erzähler durch  verschiedene Milieus der späten DDR-Gesellschaft. Punks, „Schimmel-Menschen“ (Normalos in stonewashed Jeans), Friedenskreis, Staatsbürgerkundler in der Schule, Trans-Oppositionelle – und unterwandert sich selbst, durch ziemlich besserwisserische und ziemlich lustige Fußnoten. Fanny Brunners Regie folgt einem ähnlichen Prinzip. Sie lässt das Erzähler-Ich durch das Ensemble wandern. Ich ist viele: jung und alt,  Mann und Frau,  jeder hat sein Lied. Philipp Mauritz hibbelt „Are you looking for freedom“, dass man Tränen lachen möchte. Wenn Hannes Schumacher Renfts „Als ich wie ein Vogel war“ singt, bleibt die Zeit stehen.

Aber sie bleibt nicht stehen. 1989 geht zu Ende, 1990 kommt, Auftritt der Clownskostüme. Kohl wird imitiert. Zum Lachen ist das  nicht.  Die Welt dreht sich nicht mehr um Bands und Mädchen, sondern darum, wer wen aufmischt. Cliquen brechen auf, die Politik schlägt neue Schneisen. Der Erzähler verliert L., den besten Freund und  den Überblick. Irgendwann setzt jemand eine Spieluhr auf Lenins Kopf und spielt „Die Internationale“. Es klingt  hohl.

Die kommenden Vorstellungen im Oktober und November im Hans Otto Theater sind bereits alle ausverkauft.


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