• "Viel gut essen" von Sibylle Berg in Potsdam

Premiere am Hans Otto Theater : Die eigentlich Glücklichen

Woher kommen Wut und Hass in einem Land, dem es so gut geht?, fragt das Hans Otto Theater mit Sibylle Bergs Stück „Viel gut essen“. Aktuell, fein gearbeitet, hoch musikalisch.

Lena Schneider
Der Chor ergibt in der Potsdamer Inszenierung von Marc Becker das vielköpfige Erzähler-Ich in Sibylle Bergs „Viel gut essen“.
Der Chor ergibt in der Potsdamer Inszenierung von Marc Becker das vielköpfige Erzähler-Ich in Sibylle Bergs „Viel gut essen“.Foto: Thomas M. Jauk

„Ich bin ein glücklicher Mensch. Eigentlich“, sagt der namenlose Protagonist in Sibylle Bergs „Viel gut essen“ zu Beginn einmal. Er, das ist ein Mittelständler, weiße Hautfarbe, guter Job, trautes Heim, Typ gediegener Großstädter. In der Potsdamer Inszenierung von Marc Becker ist er schick gekleidet, Ton in Ton, und das gleich siebenfach: Der, dem Sibylle Berg ihren gnadenlosen, hochkomischen Biedermann-Monolog in den Mund gelegt hat, tritt hier als Chor auf. Sieben Biedermänner- und frauen, die in nur knapp anderthalb Stunden zu Wutbürgern werden, und bevor Sie sich wundern: Ja, durchaus nur in der männlichen Form. Das ist sie nämlich, die hier sezierte Wut: männlich.

In dem „Eigentlich“ dieses biedermännischen Glücks also liegt die Crux dieses Abends – und um das vorwegzunehmen, hier liegt Bergs Interpretation zufolge auch die politische Misere dieses Landes begründet. Die Misere eines Landes, dem es gut geht, das von anderen beneidet wird um seine Wirtschaftskraft und niedrige Arbeitslosenquote, und das es dennoch einer rechtspopulistischen Partei ermöglicht, die drittstärkste Kraft zu sein – in manchen Regionen gar die zweitstärkste. Woher kommen die Unterstützer für Rassismus, Ausgrenzung, Wut gegen alles, was anderes ist, in einem Land, das glücklich sein könnte – eigentlich? 

„Ich habe/ Ähm, also – Gefühle/ für meine Frau“

Sibylle Berg gibt ihre Antwort in Form dieses namenlosen Jedermanns, der über dies und das, sich und die Welt, laut nachdenkt, während er in seiner schicken, leider noch nicht abbezahlten Küche ein Mehrgängemenu, Biozutaten natürlich, zubereitet. Für Frau und Sohn. Sympathisch, oder? Wäre er nicht so arg stolz auf seine Witze, man würde gerne mit ihm drüber lachen, und als er seinen Lieblingshit schmettert, siebenstimmig, begleitet am Klavier, gibt es Szenenapplaus: „It’s a  final Countdown“. Einer von zwei Ohrwürmern, die den Abend durchwehen, je nach Stimmungslage melancholisch, luftgitarrenbegleitet, als frustierte Kampfansage. Der andere Song: „Heute beginnt der Rest deines Lebens“ von Udo Jürgens. 

Die Songs (am Klavier: Moritz von Treuenfels) werden musikalisch lupenrein und in pennälerhaft disziplinierter 1A Mehrstimmigkeit dargebracht,  vergnüglich nahe zur Karikatur, ohne die Figuren gänzlich an die Überzeichnung abzugeben. Wie überhaupt alles hier feinstens, selbst in den Textpassagen hoch musikalisch, gearbeitet ist. Das gibt der Text vor, vor allem da, wo die Erzählung ins Stolpern gerät, in der Art von: „Ich habe/ Ähm, also – Gefühle/ für meine Frau./ Ich kann sie nur nicht/ adäquat/ also ...“ 

Feinstens, selbst in den Textpassagen hoch musikalisch gearbeitet

Solche Textschwanker muss man sich sekundengenau verteilt auf die sieben Sprecher vorstellen: Ulrike Beerbaum, Marie-Therése Fischer, Kristin Muthwill, Mascha Schneider, Philipp Mauritz, Andreas Spaniol und Moritz von Treuenfels. Als ein Schwarm von ineinandergreifenden, aneinander vorbeistreifenden Quallenarmen vielleicht, jeder Arm ein Sprecher: Mal folgen alle der gleichen Strömung, dem gleichen Atem, dann wieder verwirren und verknoten sie sich oder streben ganz auseinander, zeitweise verschwindet jemand durch eine der Türen im Bühnenhintergrund oder drängt sich vorlaut nach vorne. Aber letztlich kommen die auf der Bühne voneinander nicht los, finden immer wieder in strengen chorischen Elementen zusammen, und bilden so gemeinsam gewissermaßen die blubbernde, fragmentierte Existenz jenes namenlosen Mannes in seiner schicken Küche.

Und der entfaltet nach und nach die weniger appetitlichen Facetten seiner bürgerlichen Existenz. Beschwert sich über die Asylanten, die in sich auf seinen Rosen erleichtern, über die wohlhabenden Zugezogenen, die seine Gegend gentrifizieren, über Schwule, die zu laut klassische Musik spielen, über den eigenen Sohn, der sich nicht „für normale Dinge“ interessiert, sondern für Bach – und über Frauen, die heute nicht mehr wissen, wo ihr Platz ist. Seine eigene, die sich jahrelang dem Kindgroßziehen widmete, hat ihn nämlich verlassen, erfahren wir. 

Orientierung weg, Sinn weg. Wut da. Wut wohin?

Er als Verdiener, sie am Herd, lange ging das gut, bis seine Frau plötzlich etwas Eigenes wollte. „Was, bitte, kann eigener sein als eine Familie?“, fragt er sich jetzt. „Der Geruch nach Kind und Frau, nach Essen und Reinigungsmitteln waren mir immer Signal für Entspannung“, sagt er auch. Genau die ist ihm offenbar mit der Frau abhanden gekommen, ebenso mit dem Wichtigsten: einem Gefühl der Existenzberechtigung. „Dass Menschen von einem abhängen, ist sehr sinnstiftend. Es macht einen stärker, als man vielleicht ist“ ist einer jener Sätze aus „Viel gut essen“, die hängen bleiben. 

Das ist, verkürzt, die Gedankenkette, die Sibylle Bergs Stück verfolgt: Orientierung weg, Sinn weg. Wut da. Wut wohin? Auf die vermeintlich Glücklicheren. Ausländer, die ein Bleiberecht haben, Frauen, die Beruf und Kinder zugleich schaffen, Homosexuelle, die ihre Liebe offen leben können. Hass als Reaktion auf die eigene Schwäche. Das mag simpel klingen, ist aber im Monolog des Protagonisten in „Viel gut essen“ vielstimmig aufgefächert. Und auch die Analyse leuchtet ein. 

Nach viel Feinschliff ein Holzhammer 

Ganz neu ist das nicht, was es freilich nicht weniger wichtig macht. „Viel gut essen“ entstand 2014, vor der „Flüchtlingskrise“ und dem Aufstieg der AfD, insofern ist die Aktualität des Stückes erstaunlich. Wenn man dieser in Potsdam so fein gearbeiteten, fein gespielten Inszenierung dennoch etwas vorhalten kann, dann, dass sie in der Ist-Beschreibung steckenbleibt, nicht wirklich eine Haltung zum Erzählten einnimmt – was vielleicht mit einem aktuelleren Text anders wäre. Vielleicht hat die Regie das auch erkannt und sich deshalb für einen deutlichen Fingerzeig in Richtung Potsdam (Oha, hier und Heute!) im Finale entschieden. Statt Feinschliff kommt so doch noch der Holzhammer zum Zug – ein bisschen schade. Aber nichts für ungut, denken wir lieber nochmal an Neo Rauch und sein Gemälde „Gewitterfront“ von 2016, das die ganze Zeit über im Bühnenhintergrund zu sehen ist – eine Nuss, die sich nicht ganz so leicht knacken lässt. 

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„Viel gut essen“, wieder am 13. und 21.12. sowie am 12.1.2019. je 19.30 Uhr in der Reithalle des Hans Otto Theaters