• Potsdams Winteroper in der Friedenskirche Sanssouci: „Die Bibel ist kein Schmankerl“

Potsdams Winteroper in der Friedenskirche Sanssouci : „Die Bibel ist kein Schmankerl“

Der Dirigent Konrad Junghänel, Spezialist für Alte Musik, spricht im PNN-Interview über Händel, das Regietheater und Potsdams Winteroper „Theodora“.

Babette Kaiserkern
Der Dirigent Konrad Junghänel.
Der Dirigent Konrad Junghänel.Foto: Thomas Brill

Herr Junghänel, wie sind Sie zur Musik gekommen?
 

Ich bin in einer Alte-Musik-begeisterten Familie als Jüngster von fünf Geschwistern groß geworden. Da wurde jedem ein Instrument in die Hand gedrückt, bei mir war es die Laute. Also ganz prosaisch.

Kommen Sie aus einem Pfarrhaushalt?

Nein, mein Vater war Architekt und in der Zeit gehörte Hausmusik noch zum bildungsbürgerlichen Kanon dazu. Die Alte Musik war das große Hobby von meinen Eltern. Wir haben Musik vom 14. bis 16. Jahrhundert gespielt. Das war schon damals sehr exotisch.

Also ist die Laute quasi zu Ihnen gekommen?

So kann man das sagen. Ich habe angefangen, Laute zu spielen in einer Zeit, 1963, als es noch nicht einmal Gitarrenunterricht an der Musikschule gab – geschweige denn die Laute.

War es dann ganz normal für Sie, die Alte Musik zu Ihrem Beruf zu machen?

Überhaupt nicht! Das war ein komplizierter Weg dahin. Eigentlich wollte ich Kapitän werden, zur Probe bin ich auch mal acht Wochen auf einem Stückgutfrachter gefahren. Ich hatte so eine romantisch-verklärte Vorstellung davon und wollte die Welt sehen, aber das war eine Illusion. Dann wollte ich Ingenieur werden, Brückenbau-Spezialist, aber das habe ich erst einmal nicht angefangen. Ich hatte schon mit 17 Jahren Abitur gemacht und musste nicht zum Militärdienst, aber ich wollte nicht gleich studieren. Dann bot mir mein Lautenlehrer an, stattdessen für anderthalb Jahre zu ihm an die Hochschule zu kommen.

Also übergangsweise?

Genau. Doch kaum war ich zwei Monate dort, bekam mein Lehrer ein Angebot für eine zweimonatige Tournee mit einem Musikensemble durch Südamerika. Weil er nicht reisen wollte, durfte ich an seiner Stelle mitfahren. Da dachte ich: Ja, wenn man so schön reisen kann als Musiker, dann ist das vielleicht auch nicht das Falscheste! Tatsächlich bin ich dann dabei geblieben – und bin auch wirklich sehr, sehr viel durch die ganze Welt gereist.

Was bedeutet der Begriff Alte Musik für Sie?

Natürlich beschäftige ich mich nur mit alter Musik, wie übrigens 95 Prozent aller Musiker, denn alle Musik, die nicht von heute ist, ist alte Musik. Ob die von vor 50 Jahren ist oder von vor 500 – aber wir lieben es ja, in Schubladen zu denken. Der Begriff Alte Musik ist für mich okay, wenn man auch die romantische Musik dazu rechnet. Er bezieht sich ja vor allem auf Fragen der Aufführungspraxis. „Spezialist für Alte Musik“ ist halt eine schwammige Kategorisierung. Aber ich habe letztlich auch kein Problem damit. Mein Spektrum reicht vom 15. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Das ist für mich ausreichend.

Sie waren 40 Jahre Lehrer an der Hochschule. Was hat sich für Sie verändert?

Es gibt drei musikalische Lebensabschnitte: Zuerst als Lautenist, solistisch und im Ensemble, dann habe ich 1987 Cantus Cölln gegründet, mein musikalisches Lieblingsprojekt. Wir hatten gerade letzte Woche ein wunderschönes Konzert in der Kölner Philharmonie. Am Anfang waren wir nur zu sechst. Wir machen ja alles nur solistisch – wir sind kein Chor, sondern ein solistisches Vokalensemble. Dann habe ich im Jahr 1999 erstmalig eine Oper dirigiert.

Wie kam es zu der Opernaufführung?

René Jacobs, der Countertenor und Dirigent, und ich kennen uns seit den 1970er-Jahren und haben sehr lange eng zusammengearbeitet, als Duo und im Bereich Oper. Dann gab es noch eine sehr wichtige Figur: Der Regisseur Herbert Wernicke, der in Basel mit dem dortigen Opernhaus quasi sein privates Experimentierhaus hatte, war auch ein großer Fan von Cantus Cölln. Mit ihm zusammen habe ich ein szenisches Programm gemacht mit geistlicher Musik von Heinrich Schütz: „Wie liegt die Stadt so wüste“. Das war mein Einstieg in szenische Produktionen.

Welches war Ihre erste Händeloper, die Sie dirigiert haben?

Das muss auch in Basel gewesen sein – zusammen mit Karin Beier, Anfang der 2000er-Jahre, Händels Oratorium „Semele“. Dann kam später unter anderem auch die wunderbare Inszenierung von Xerxes an der Komischen Oper in Berlin, die dort nun schon seit sechs Jahren läuft. In der letzten Saison gab es dort auch eine Produktion von Semele unter meiner musikalischen Leitung in der Regie von Barry Kosky.

Bitte erzählen Sie etwas über die Musik von Händel.

Er ist ein unglaublicher Dramatiker, der auch wunderbare Melodien schreiben konnte. Und wundervolle Chöre, deshalb liebe ich besonders die Oratorien. Durch die Chöre wird quasi eine zusätzliche Person eingeführt, das ergibt eine neue Spannung. Das szenisch auf die Bühne zu bringen ist nicht einfach. Auch nicht in Deutschland, dem Land, das das Regietheater erfunden hat.

Kann man das so sagen?

Ja, gehen Sie mal in England, Frankreich oder in New York in die Oper, da hätte unser Regietheater doch größere Akzeptanzschwierigkeiten. Aber gerade durch das Regietheater hat man immer einen neuen Blick auf die Werke. Allerdings muss man auch sagen, wir führen die Opern ja heute nicht in erster Linie wegen der Libretti, sondern wegen der genialen Musik auf. Aber es ist deshalb auch sehr wichtig, dass uns die Regie neue Sichtweisen auf diese Libretti gibt.

Spielen Sie jetzt auf Theodora an?

Nein, gar nicht. Es ist ja eine quasi biblische Geschichte und das sind schon die besten Geschichten, die wir haben. Die Bibel ist nun mal kein Schmankerl, sondern eine Auseinandersetzung mit den fundamental wichtigen Dingen, die die Menschen schon immer beschäftigt haben. Ich finde, dass die Texte von Oratorien häufig viel tiefer gehen als die im Vergleich dazu manchmal fast etwas seichten Opernlibretti. In Theodora gibt es sehr viel Anrührendes und Langsames – die Hälfte der Nummern ist überschrieben mit Largo oder Larghetto – Musik, die emotional sehr tief geht.

Was ist das Besondere an der Potsdamer Winteroper?

Wir führen hier ein szenisches Oratorium in einer Kirche auf. Wo gibt es das sonst? Hier sitzt man quasi im Klang, man kann darin baden. Man ist auch visuell ganz dicht dran. Das sind Alleinstellungsmerkmale, die man kaum sonst irgendwo noch finden kann.

Wie denken Sie über die Zukunft der klassischen Musik?

Es gab auch mal bei mir eine Zeit, wo ich zweifelte, wie lange der klassische Musikbetrieb so noch weitergeht. Aber das dachte man schon vor fünfzig Jahren und es gibt ihn immer noch. Es gibt einen Abschnitt im Leben eines Menschen, vielleicht so zwischen 20 und 45 Jahren, wo man weder genügend Zeit noch Geld hat, um am kulturellen Leben teilzunehmen, und damit auch an der Oper. Aber dann kommt eine Zeit, wo die Kinder aus dem Haus sind, man beruflich einigermaßen stabil ist und man wieder mehr Zeit und Interesse für solche Dinge hat.

Die Zahl älterer Menschen wächst ja auch.

Die Oper und die klassische Musik sind sicher nicht unbedingt in erster Linie das, was junge Menschen hinter dem Ofen hervorlockt. Doch inzwischen steigen die Zuhörerzahlen in den großen Konzerthäusern Europas wieder, auch was das jüngere Publikum betrifft. Die klassische Musik ist ein großer Schatz, ein unglaublicher Reichtum, den wir da haben. Ich bin gar nicht mehr pessimistisch, was das anbelangt, sondern denke im Gegenteil, dass wir sogar noch Zuhörer dazu gewinnen können.

Trotz großer Konkurrenz.

Natürlich muss man sich vor Augen halten: Ins Konzert oder die Oper gehen ist eine relativ anspruchsvolle Freizeitbeschäftigung. Es gibt heute ja ein riesiges Freizeitangebot, Sport jeder Art und anderes mehr – aber dafür hält sich die klassische Musik erstaunlich gut.


Premiere der Winteroper ist am 22. November, 19 Uhr, in der Friedenskirche. Weitere Vorstellungen sind am 23. und 24. sowie am 29. und 30. November, jeweils um 19 Uhr.


Konrad Junghänel, geboren 1953 in Gütersloh, ist Lautenist und Dirigent. Er begann im Alter von 17 Jahren sein Studium an der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Als 20-Jähriger begleitete er den Countertenor René Jacobs. Auch mit Alfred Deller arbeitete er zusammen. Als Solist und Kammermusiker konzertierte er in Europa, Japan, Australien, Südamerika, Afrika und in den USA. Er musizierte gemeinsam mit den Ensembles Les Arts Florissants, La Petite Bande und Musica Antiqua Köln. 1987 gründete er das Ensemble Cantus Cölln, mit dem er mehr als 30 CDs einspielte. Mehrfach wirkte er als Dirigent bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.