• Potsdams letzte Premiere vor Corona-Schließung: Majestätisch in den Lockdown

Potsdams letzte Premiere vor Corona-Schließung : Majestätisch in den Lockdown

Janine Kreß und Kristin Muthwill sind die Antagonistinnen in Schillers "Maria Stuart", der letzten Premiere am Hans Otto Theater, bevor das Haus coronabedingt wieder schließen muss. Wie fühlt sich das an?

Lena Schneider
Antagonistinnen. Janine Kress spielt in Potsdam Schillers Maria Stuart, Kristin Muthwill ihre Peinigerin Elisabeth I. 
Antagonistinnen. Janine Kress spielt in Potsdam Schillers Maria Stuart, Kristin Muthwill ihre Peinigerin Elisabeth I. Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Eigentlich sollte es ein Gespräch über Macht werden. Über Frauen, Männer, Schiller. Kurz davor dann macht sich die Nachricht von dem erneuten Teil-Lockdown breit. Erst eine Vermutung, dann ein Gerücht, wenige Minuten vor dem anberaumten Termin dann die Gewissheit: Ab 2. November bleiben die Theater zu. Statt um Macht muss es da zunächst um Ohnmachtsgefühle gehen. Wie reagiert man als Schauspielerin auf ein Virus, das einem verbietet, seine Arbeit zu machen?

Der erste Eindruck: fassungslos, ja. Aber auch geradezu majestätisch besonnen. Kristin Muthwill und Janine Kreß sind keine, die Panik schlagen. Sie reagieren ganz in der Rolle, könnte man sagen. In der für Freitag anberaumten Premiere von "Maria Stuart" sind sie die beiden Königinnen. Janine Kreß, neu im Potsdamer Ensemble, ist Maria, die schottische Herrscherin in englischer Gefangenschaft im Exil. Kristin Muthwill spielt Elisabeth, Königin von England. Am Freitag hat das Stück in der Regie von Alice Buddeberg Premiere, Samstag und Sonntag wird nochmal gespielt. Am Montag ist das Theater zu.

Berufsverbot? Nein, das hier ist keine Diktatur

Von einem "Berufsverbot" für sie als Schauspielerin möchte Janine Kreß angesichts des Teil-Lockdowns nicht sprechen. "Das ist ein Begriff, der in eine Diktatur gehört. Wir befinden uns in einer Pandemie, das ist eine besondere Situation." Diese Situation sei bitter, ja - aber sie vertraut den Maßnahmen, die ergriffen wurden. "Ich möchte keine Bilder wie die aus Italien oder New York bei uns sehen. Das macht mir viel mehr Angst." 

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Kristin Muthwill sieht das anders. "Ich finde die Schließung tragisch. Für uns als Künstler. Für das Theater. Wir haben so ein ein striktes Hygienekonzept entwickelt. Ich finde, man kann sich im Theater sicher fühlen", sagt sie. "Dass man den Menschen jetzt wieder nimmt, wonach sie so gehungert haben, finde ich gemein. Und nicht nur traurig, sondern tatsächlich unangebracht."

Erstmals auf Potsdams Bühne

Kristin Muthwill konnte in dieser, der von Corona geprägten Spielzeit, in Wajdi Mouawads "Vögel" immerhin schon wieder auf der Bühne stehen. Janine Kreß hingegen, von 2010 bis 2013 unter der Intendanz von Sebastian Hartmann im Ensemble des Centraltheaters Leipzig und danach freischaffend, konnte sich noch gar nicht in Potsdam zeigen. 

Wer ist diese Maria für Janine Kreß? Jedenfalls keine, die sich über Schwäche definiert. Auch wenn Schiller sie sich als "ungelehrtes Weib" bezeichnen lässt, ihr Sätze wie diesen in den Mund legt: "Seine Künste waren keine andere / Als seine Männerkraft und meine Schwachheit.“ "Schwach, weil sie verliebt war!", sagt Janine Kreß. "Weil sie sich, anders als Elisabeth, die Freiheit genommen hat, aus Liebe zu heiraten." Für Janine Kreß ist Maria vor allem eine, die um ihr Recht kämpft, darum in Schottland vor Gericht gestellt zu werden - nicht am Ort ihrer Gefangenschaft, in England.

Schiller notfalls auch gegen Schiller verteidigen

Vor einigen Jahren war in Potsdam eine Inszenierung von Petra Luisa Meyer zu sehen, die Schillers Stück auf jene Konkurrenz zwischen den beiden Frauen verkleinerte: hier die sinnliche, männerbetörende Maria im Gefängnis; dort die wesentlich ältere Elisabeth, die der anderen deren sexuelle Reize neidet. Diese Art der Konkurrenz ist das, was Janine Kreß und Kristin Muthwill am wenigsten an dem Stück interessiert. Wie überhaupt, da sind sie sich einig, Schiller ein ganz schön problematisches Frauenbild offenbart. "Diese große Betonung der äußerlichen Reize, die Eifersucht, die es bei Schiller gibt, klammern wir aus", sagt Janine Kreß.

Und Elisabeth? "Sie wird von Schiller als kühl, unterkühlt beschrieben", sagt Kristin Muthwill. "So zeigen wir sie gar nicht. Es geht eher darum, wie sehr man sich in so einer Machtposition gehen lassen kann." Eher ein Donald Trump als eine Angela Merkel. Was sie eint, Elisabeth und Maria: Sie sind fest entschlossen, Schiller zu verteidigen. Notfalls auch gegen Schiller.

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