• Potsdamerin auf der Berlinale 2020: Die Aufbrecherin

Potsdamerin auf der Berlinale 2020 : Die Aufbrecherin

Um ihr Abitur am Filmgymnasium absolvieren zu können, zog sie von Bayern nach Potsdam  - und blieb. Nun hat Melanie Waeldes Langfilmdebüt „Nackte Tiere“ auf der Berlinale Premiere.

Ihre Drehbücher schreibt Melanie Waelde meist mit der Hand, um nicht stundenlang auf einen Bildschirm starren zu müssen. 
Ihre Drehbücher schreibt Melanie Waelde meist mit der Hand, um nicht stundenlang auf einen Bildschirm starren zu müssen. Foto: Manfred Thomas

Potsdam - So richtig fassen kann es Melanie Waelde selbst noch nicht: Dass sie mit einem eigenen Film auf der Berlinale sein wird, der dazu noch gleich am zweiten Tag des Festivals Weltpremiere feiert: Am 21. Februar ist ihr Langfilmdebüt „Nackte Tiere“ im Berliner Cinemaxx das erste Mal auf der großen Leinwand zu sehen. „Als ich erfahren habe, dass wir dabei sind, habe ich erstmal fünf Nutellabrote gegessen“, sagt sie und lacht.

Ein herzliches Lachen ist das und es hallt genauso nach wie ihr ernster Blick. Den setzt die 27-jährige Potsdamerin vor allem auf, wenn sie über ihre Arbeit spricht. Mit konzentrierter Ernsthaftigkeit zeigt sie, wie wichtig ihr das Filmemachen ist.

Gewusst hat sie das schon früh. Um ihr Abitur am Babelsberger Filmgymnasium zu absolvieren, zog sie im Alter von 17 Jahren allein aus Bayern nach Potsdam. Mit manchen ehemaligen Mitschülern arbeitet sie immer noch zusammen:  Maskenbildnerin Franziska Mayntz und Marcel Bonewald, der Production Design an der Babelsberger Filmuni studiert, haben auch bei „Nackte Tiere“ mitgearbeitet. Nach dem Abi entschied Waelde sich für ein Drehbuchstudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, das sie 2017 abschloss. Danach arbeitete sie eine Zeit lang für die Potsdamer Castingagentur von Jaqueline Rietz und durfte an „Into the Wild“ teilnehmen, einem einjährigen Mentoring-Programm für junge Filmemacherinnen. „Das war total toll, weil ich einfach ein Jahr Stoffe entwickeln konnte“, sagt Waelde. 

Melanie Waelde hat ihre ersten Kurzfilme bereits zu Schulzeiten gedreht. 
Melanie Waelde hat ihre ersten Kurzfilme bereits zu Schulzeiten gedreht. Foto: Manfred Thomas

Eine Geschichte über Brandenburger Jugendliche

Die Geschichte zu „Nackte Tiere“ entstand allerdings schon vorher im Studium, in Form eines Abschlussdrehbuchs. „Tatsächlich arbeitete die Idee schon sehr lange in mir, hat sich weiterentwickelt, das hier ist jetzt die siebte Fassung.“ Die Regie hat sie selbst übernommen, weil sie ihre Bilder authentisch umgesetzt sehen wollte.

„Nackte Tiere“ erzählt von fünf Teenagern, die in Brandenburg kurz vor ihrem Abitur stehen. Im Mittelpunkt steht Katja (Marie Tragousti), die wie die meisten ihrer Freunde zu Hause Probleme hat, die Clique ist die Familie. Im Ju Jutsu kann sie sich ausdrücken, kämpft hart im eigenen Training und motiviert ihre Schüler mit spielerischer Strenge. Ihre Kampfleidenschaft teilt sie mit Sascha (Sammy Scheuritzel), mit dem sie sich auch privat öfter mal kabbelt. Die zarte Gewalt ist ihr Ausdrucksmittel, was nicht immer nur Respekt, sondern auch Angst bei ihren Freunden auslöst. Bei Benni (Michelangelo Fortuzzi) zum Beispiel, der in der Welt der Heranwachsenden verloren scheint.

Autorin und Regisseurin Melanie Waelde im Gespräch.
Autorin und Regisseurin Melanie Waelde im Gespräch.Foto: Manfred Thomas

Figuren jenseits der Klischees

Wie sich Brandenburger Jugendliche verhalten und bewegen, musste sie den Schauspielern erst einmal erklären, erzählt Waelde. „Das war ihnen so fremd“, sagt sie. „Im Prenzlauer Berg ist das halt ganz anders, schon in Bezug auf den Kleidungsstil.“ Jede Szene wurde deshalb intensiv geprobt, die wenigen Dialoge sind nicht improvisiert. Der eigentliche Dreh ging allerdings sehr schnell: Nur 19 Tage hatte Waelde dafür Zeit, Aufnahmen sind unter anderem in Rehbrücke und Am Schlaatz entstanden.

Ursprünglich hatte die Filmemacherin vor, einen fröhlichen Familienfilm à la „Little Miss Sunshine“ zu machen, doch sie merkte bald, dass das nicht funktionierte. Zu wichtig war ihr der zerrissene Gefühlszustand der Jugendlichen. „Die treibt eben auch etwas um, sie beschäftigen sich mit der Welt“, sagt die Filmemacherin, die selbst Kampfsport betreibt. „Und es ist ganz und gar keine einfache Zeit.“ Besonders wichtig war ihr, ihre Figuren in keine Schubladen zu stecken und auf klischeebeladene Geschlechterzuweisungen zu verzichten. „Menschen funktionieren nicht in Schubladen“, sagt sie. „Jeder hat seine Risse, ist vielschichtig.“ Und so eine Figur wie Katja zu zeigen, die sich erst nach und nach entblättert, darauf habe sie große Lust gehabt. 

Viel zu oft ordnen Filme oder Serien Teenager einfach nur irgendwelchen Stereotypen zu. „Das regt mich wirklich auf“, sagt Waelde. Ein positives Gegenbeispiel nennt sie aber: Der Netflix-Serie „Sex Education“ gelänge es gut, alle Charaktere vielschichtig darzustellen. „Sie ist sehr konventionell vom Look, aber ich hatte großen Spaß beim Gucken.“

Programm

Sie 70. Berlinale findet vom 20. Februar bis zum 1. März statt und kommt auch nach Brandenburg. Sowohl das Babelsberger Thalia als auch die Kleinmachnower Neuen Kammerspiele zeigen im Rahmen von „Berlinale Goes Kiez“ Beiträge des Filmfestivals. Das Babelsberger Thalia-Kino wird am Sonntag, dem 23. Februar, die Filme „Mignannes“ („Die Süßen“), „Paris Calligrammes“ und „Persian Lessons“ zeigen. Die Kleinmachnower Kammerspiele haben am Freitag, dem 28. Februar, drei Episoden der Serie „Freud“ und den Film „Schlaf“ im Programm. Tickets sind – wie für alle Berlinale-Filme – am Montag erhältlich. Im Anschluss an das Festival in Berlin, zeigt das Potsdamer Filmmuseum vom 3. bis 8. März sechs Filme der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“. Sowohl hier als auch beim Kiezkino werden Filmcrewmitglieder dabei sein. 

www.berlinale.de

Waelde verfasst Drehbücher handschriftlich

Waelde, die inzwischen von ihrer Arbeit als freie Autorin leben kann, schreibt selbst seit drei Jahren Folgen für die Jugendserie „Schloss Einstein“. Eine ganz eigene Serie zu kreieren, kann sie sich allerdings nicht vorstellen. „Ich finde es beeindruckend, wenn Kolleginnen und Kollegen so lange an einem Stoff bleiben“, sagt sie. „Aber mich würde das langweilen und ich möchte nicht gelangweilt sein.“ Filme hingegen würden bedeuten, immer wieder etwas zu entdecken und das reize sie. Ansätze zu neuen Drehbüchern schwirren bereits in ihrem Kopf. „Ich bin im Denkprozess.“

Regie führen möchte sie auf jeden Fall auch wieder. „Aber ich muss mir genau überlegen für welches Projekt“, sagt sie. Denn: „Es kostet unglaublich viel Energie, das Set zusammenzuhalten, du musst immer erreichbar sein.“ Sie brauche aber auch die ruhigen Momente für sich. Wenn sie schreibt, bleibt das Handy aus, der Computer meist auch. „Ich arbeite tatsächlich viel handschriftlich, streiche, verteile die Blätter kreuz und quer“, sagt sie und lacht wieder. Jedes Autorenklischee sei halt auch irgendwie wahr.

>>„Nackte Tiere“, Weltpremiere am 21. Februar um 18.15 Uhr im Cinemaxx 7. Weitere Vorstellungen am 22. Februar um 17.15 Uhr im Cubix 6, am 23. Februar um 22 Uhr im International und am 1. März um 20 Uhr im Urania. Kinostart am 17. September

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