• Potsdamer Winteroper in der Friedenskirche: Moderne Wunder

Potsdamer Winteroper in der Friedenskirche : Moderne Wunder

Innovative Premiere der Potsdamer Winteroper mit Franz Schuberts „Lazarus“ und Claude Viviers „Lonely Child“.

Babette Kaiserkern
Während seine Schwester Maria (l., Dorota Szczepanska) das Leid ihres darniederliegenden Bruders (M., Toby Spence) beklagt, singt dessen Freund Nathanel (Angelo Pollak) Loblieder auf den Sterbenden. 
Während seine Schwester Maria (l., Dorota Szczepanska) das Leid ihres darniederliegenden Bruders (M., Toby Spence) beklagt, singt...Foto: Stefan Gloede

Potsdam - Er liegt die ganze Zeit im Bett und singt wie ein junger Held. Was Toby Spence, der erste Sänger in Franz Schuberts Oratorium „Lazarus“ gelingt, ist erstaunlich. Doch ein Wunder ist es nicht. In der Inszenierung der diesjährigen Potsdamer Winteroper in der Friedenskirche Sanssouci steht ein Bett im Zentrum des Blickfelds. Während in den Vorjahren ungewöhnliche Perspektiven auf Werke wie „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy oder auf Georgs Friedrich Händels „Theodora“ geworfen wurden, orientiert sich die Szenerie diesmal ganz sachlich am Text. Getreu den Versen des „im Palmenschatten“ mit dem Tode ringenden Lazarus fehlen selbst zwei Palmen nicht auf dem Podium inmitten des Kirchenschiffs.

Platz genug für die beiden Schwestern Martha und Maria, um ihren darniederliegenden Bruder zu bejammern, zu trösten und zu beklagen. Dazu kommt noch der Freund Nathanel, um Loblieder auf den Sterbenden zu singen. So herrscht kein Mangel an Emotionen für eine emphatische Vertonung. Dass Franz Schubert dennoch die Arbeit an diesem Werk mitten im zweiten Satz abbrach, gab Anlass zu vielen Fragen. Es heißt, dass ihm womöglich die Vorstellung der Auferstehung nicht lag, die gemäß dem Libretto von August Hermann Niemeyer im dritten Akt stattfindet. Schließlich mied Schubert dieses zentrale christliche Wunder bereits in einigen Messkompositionen. Vielleicht gefielen ihm auch die blumig-erbaulichen Verse im „religiösen Drama“ des protestantischen Theologen aus Halle nicht.

Das Geschehen ist etwas zäh

So blieb Schuberts „Lazarus“ ein Fragment. In der Inszenierung von Frederic Wake-Walker wird es jetzt mit der Kantate „Lonely Child“ von Claude Vivier verbunden. Doch bis dahin ist das Geschehen auf dem Podium etwas zäh. Anstatt sich mit der Lazarusgeschichte in der Version von Niemeyer kritisch auseinanderzusetzen, betont die Regie die historische Distanz. So sieht man die Sängerinnen und Sänger wie auf einer Guckkastenbühne agieren, inklusive kummervoller Mienen und leidvoller Gesten. Das geht zu Lasten der wunderbaren Musik, die gerade bei einem Komponisten wie Schubert sehr gut ohne Bilder und Worte auskommt. Wenn auch ohne ganz große melodische Würfe, so besticht der „Lazarus“ mit frei zwischen Rezitativ und Arie fluktuierenden Gesangslinien. Doch wenn Lazarus, der als kraftvoller junger Mann erscheint, von seinem Bett aus dazu ansetzt, wirkt das einfach bizarr. Dabei meistert Toby Spence seine liegend gesungene Partie mit leuchtendem Tenor bravourös. Nur haftet ihm dabei so gar nichts Brüchiges, Totgeweihtes an.

In der Rolle der Maria blitzt Dorota Szczepanskas heller Sopran gleißend hervor und malt in der dramatischen Arie „Gottes Liebe“ subtile Nuancen. Als Martha glänzt Johanna Winkel, doch ihre mächtige, glattpolierte Stimme kommt erst im „Lonely Child“ überzeugend zur Geltung. Rund und weich, klar und seelenvoll singt Lauryna Bendžiunaite die Partie der Jemina. In der Rolle der auferweckten Tochter des Jairus stürmt sie hinzu, legt sich kurz aufs Bett, bevor sie zur lieblichen Arie „So schlummert auf Rosen die Unschuld ein“ den Sterbenden textgetreu mit einem Blumenkranz schmückt – und dieser sich tatsächlich noch einmal in seinem Todeslager aufrichtet.

Eine gute Prise Aufruhr und Zweifel

Die Rolle des treuen Freundes Nathanael, gekleidet in ein Kuhfell mit einer Art Lorbeerkranz auf dem Haupt, gestaltet Angelo Pollak mit lyrischem Wohlklang. Eine gute Prise Aufruhr und Zweifel trägt Simon der Sadduzäer hinein. In einer veritablen Opernszene verleiht Bassbariton Ashley Riches diesem Ungläubigen mit grabestiefer Stimme den sinistren Reiz eines Beelzebubs aus der Unterwelt. Trotz nur zweier Auftritte bleibt der Vocalkreis Potsdam mit reinstem Wohlklang in bester Erinnerung. Unter der sensiblen Leitung von Trevor Pinnock spielt die Kammerakademie Potsdam engelsgleich mit zart aufblühenden Holzbläsern, harmonisch schwingenden Streichern und drei dräuenden Posaunen – passend zum Todesthema. Die Schläge eines japanischen Gongs leiten nahtlos in die Solokantate von Claude Vivier über.

„Lonely Child“ ist eine Art modernes Melodram für eine Stimme (Johanna Winkel) und Orchester. Zu schwebend- vibrierenden Klangclustern, Gongschlägen und punktuellen instrumentalen Soli geben die Sängerin und die vorigen Darsteller, jetzt in geometrischen Glitzerkostümen (Linda Triebel), eine Ballettgroteske in retardierten Bewegungen. Die außerirdische Szenerie gipfelt mit der Erscheinung eines kugeligen Wesens in goldener Hülle. Was dann wie aus dem Ei schlüpft, entpuppt sich als kleiner Junge (Milo Josefsohn). Da geschieht dann doch noch das Wunder: Lazarus erhebt sich aus der Gruft, folgt den Bewegungen des Kindes und geht schließlich aufrecht davon.

Mit diesem Bild der Auferstehung oder wahlweise der Wiedergeburt in einer neuen Generation endet die innovative Symbiose von Schuberts „Lazarus“ und Viviers „Lonely Child“ unter starkem Beifall des Premierenpublikums in der Friedenskirche.

>>Weitere Aufführungen am 26., 27., 29. und 30. November.