• Potsdamer Winteroper 2018: Angst, Mitleid, Zuversicht

Potsdamer Winteroper 2018 : Angst, Mitleid, Zuversicht

Malerisch, bisweilen kitschig, aber musikalisch überzeugend: Die Potsdamer Winteroper ist mit Händels „Theodora“ letztmalig in der Friedenskirche zu Gast.

Eher introvertiert. Mit „Theodora“ ist in diesem Jahr wieder ein Händel-Oratorium zur Potsdamer Winteroper auserkoren worden. 
Eher introvertiert. Mit „Theodora“ ist in diesem Jahr wieder ein Händel-Oratorium zur Potsdamer Winteroper auserkoren worden. Foto: Stefan Gloede

Die Kammerakademie Potsdam und das Hans Otto Theater haben sich in diesem Jahr für eine stille Heldin entschieden. Zur Potsdamer Winteroper 2018 auserkoren wurde Georg Friedrich Händels Oratorium „Theodora“ aus dem Jahre 1749, die Geschichte einer christlichen Märtyrerin. Im 3. Jahrhundert nach Christus weigert sie sich, die römischen Götter zu verehren und wird deshalb vom Statthalter Valens zur Vergewaltigung durch Soldaten verurteilt.

Seit 2005 wird das kulturelle Leben in den Novembertagen der Landeshauptstadt durch die Winteroper belebt. Der Aufführungsort Friedenskirche wird mit „Theodora“ wohl zunächst letztmalig bespielt, da das Schlosstheater im Neuen Palais nach Sanierung und Restaurierung im November 2019 wieder zugänglich ist. Aus Veranstaltungskreisen ist immer wieder vernehmbar, dass man die Friedenkirche als Spielstätte nicht aus dem Auge verlieren möchte, allein der Akustik und der Atmosphäre wegen. Dennoch ist es gut, wenn das November-Opern-Angebot nach sechs Jahren künftig wieder an seinen „Stammsitz“ umziehen kann, da man für den sakralen Raum nicht umfangreich aus dem vielfältigen Musiktheater-Schatzkasten greifen kann. Schon allein aus Pietätsgründen.

Das Porträt einer Frau, die sich nicht von ihrem Glauben abbringen lässt

Die vergangenen sechs Jahre brachten spannende Begegnungen mit szenischen Oratorien und Opern, die sich mit einem Thema aus dem Alten Testament beschäftigten, drei Inszenierungen allein mit Werken von Händel. Nach „Jephta“, „Israel in Ägypten“ nun also „Theodora“. Abgesehen vom „Messias“ ist „Theodora“ das einzige englische Oratorium des Komponisten, dem ein christliches Sujet zugrunde liegt – und gleichzeitig das einzige englische geistliche Werk des 18. Jahrhunderts, das auf eine Heiligenlegende zurückgeht.

Händel schuf mit seinem Oratorium das Porträt einer Frau, die sich auch durch perfide Gewalt nicht von ihrem christlichen Glauben und ihren Tugenden abbringen lässt und schließlich freiwillig Erniedrigung und Tod erleidet. Zur Darstellung kommt vor allem das Beziehungsgeflecht der Hauptfiguren und deren Innenleben: auf der einen Seite Theodora, auf der anderen Seite der sadistische Statthalter Valens. Und dazwischen einige Einzelgestalten aus dem Volk, die vor der Wahl zwischen Obrigkeitsangst und Freiheitsstreben stehen: Septimus, der schwankende Offizier, sein Kollege Didymus, der zum Christentum konvertiert, Theodora zur Flucht verhilft und am Schluss mit der Geliebten in den Tod geht. So steht es bei Händel und seinem Librettisten Thomas Morell.

In Potsdam geht Theodora freiwillig in den Tod

Regisseurin Sabine Hartmannshenn, erfolgreich an Opernhäusern in ganz Deutschland (zuletzt inszenierte sie Wagners „Siegfried“ in Chemnitz), erzählt die Geschichte etwas anders. Theodora, die den Vergewaltigungsorgien der Prostituierten entgehen will, geht freiwillig in den Tod, Didymus kann sie davon nicht abbringen. Sie erscheint als Trost spendender „Geist“, als Heilige mit Heiligenschein, jedoch nur den Christen erkennbar. Didymus folgt seiner Geliebten schließlich in den Tod und wird ebenfalls ein Heiliger. Der lange Steg, der vom Altar in das Kirchenschiff hineinragt, wird wirklich zum Laufsteg, auf dem Volk als Model-Gesellschaft die neueste Mode kreiert (Kostüme: Edith Kollath). Nur Theodora und ihre Freundin Irene lehnen das oberflächliche Gehabe ab. Sie werden dafür verachtet und beleidigt.

Erstmals in der Geschichte der Winteroper kann der Aufführungsort mit seiner Symbolik genutzt werden (Bühnenbild: Matthias Müller). Das kostbare venezianische Mosaik mit Christus als Weltenrichter aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wird sichtbar, wenn der rote Vorhang, der die Apsis verdeckt, aufgezogen wird. Nur Theodora und später Didymus können ihren Herrn erblicken.

Wie barocken Bildern im südeuropäischen Raum entsprungen

Die Orgelempore wird ebenfalls eingebunden. Dort singt Theodora, die in den Himmel aufgestiegen ist, den Zurückgebliebenen Mut zu. Das Ganze wirkt dann doch ein wenig kitschig-malerisch, wie barocken Bildern im südeuropäischen Raum entsprungen. Das Christsein 2018 ist in manchen Gegenden dieser Welt alles andere aber als erfreulich. Kein Zuckerschlecken. Die Vertreibung und Verfolgung von Christen von heute spielt in dieser Inszenierung kaum eine Rolle. Anders als in Händels früheren Opern, die mit Zornesarien und schmachtenden Liebesbekenntnissen das pralle Leben feiern, dominiert in diesem Oratorium ein eher introvertierter Tonfall. Das Drama des auf seiner inneren Freiheit beharrenden Menschen findet seinen Widerhall in abgedunkelten Farben und differenzierten Mollregistern.

Die Gefühle von Angst, Mitleid und Zuversicht und die damit verbundenen Gewissenskonflikte schildert die Musik mit großer psychologischer Einfühlung. Dirigent Konrad Junghänel, ein gern gesehener Gast der Winteroper, gibt mit der glänzend disponierten Kammerakademie Potsdam, dem 18-köpfigen Chor der Winteroper und den Solisten ein beeindruckend musikalisches Format. Es wird zart, innig und verhalten (allerdings alles andere als spannungsarm) und auch kontrastreich musiziert.

Die Titelpartie ist ein Glücksfall, der Chor bewundernswert

Die Sopranistin Ruby Hughes in der Titelpartie ist insgesamt ein Glücksfall. Agilität und Stimmfarben in den lyrischen Passagen ergänzen sich bei ihr wunderbar. Der amerikanische Countertenor Christopher Loowrey verfügt als Didymus über ein breites stimmtechnisches und ausdrucksmäßiges Spektrum, was auch auf den englischen Tenor Hugo Hymas in der Partie des Septimus und die deutsche Mezzosopranistin Ursula Hesse von den Steinen als Irene zutrifft. Neal Davies punktet als Despot Valens durch seine stimmliche Autorität.

Die Solisten und der wunderbar singende Chor (ein paar Sängerinnen und Sänger mehr könnte Händel vertragen) stellten sich auch szenisch ganz in den Dienst der Inszenierung. Bewundernswert ist vor allem, wie der Chor seine Aufgaben als arrogante, spöttische und aggressive Heiden sowie als leidende und hoffnungsvolle Christen mit großem Engagement zur Schau stellt.

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Die kommenden Vorstellungen von „Theodora“ sind bereits ausverkauft