• Potsdamer Theaterschiff eröffnet Corona-Spielzeit: Eine Geschichte vom Überleben

Potsdamer Theaterschiff eröffnet Corona-Spielzeit : Eine Geschichte vom Überleben

Wie eine Naturgewalt ereilte die Corona-Pandemie das Theaterschiff in der Schiffbauergasse.„Überleben“ lautet das Motto der neuen Spielzeit. Diese eröffnet nun unter Corona-Bedingungen: mit einem lebensbejahenden Stück über Krebs.

Astrid Priebs-Tröger
In der freien Spielstätte Theaterschiff Potsdam mussten coronabedingt 70 Vorstellungen abgesagt werden. Jetzt beginnt die neue Spielzeit.
In der freien Spielstätte Theaterschiff Potsdam mussten coronabedingt 70 Vorstellungen abgesagt werden. Jetzt beginnt die neue...Foto: PROMO

Potsdam - „Blitzschlag“ heißt die neue Inszenierung des Theaterschiffs, die am 4. September zur Premiere kommt. Und wie ein Blitz hat auch die Corona-Pandemie in das freie Theater in der Schiffbauergasse Mitte März eingeschlagen. „Wir mussten 70 Vorstellungen absagen“, sagt die künstlerische Leiterin Martina König - und dass die freien Künstler, die bei ihnen spielen, zu fünfzig Prozent das Risiko bei den Einnahmen mittragen. „Sie bekommen dafür keinen Schadenersatz“, so König. Für sie ist diese Situation immer noch und nicht nur moralisch unerträglich. 


Die Premiere war für März geplant    


Dennoch: Unterkriegen lassen haben sich Martina König und ihr engagiertes Team trotzdem nicht. „Überleben“ ist das Motto der neuen Spielzeit, dessen Auftakt „Blitzschlag“ sein wird. Seit März bereiten sie das Stück für die Premiere vor. Der Abend, den König erdachte und schrieb, kreist um das Thema Krebs. Von dem so viele Menschen in unserer Gesellschaft betroffen sind. Ursprünglich sollte das Stück im März zur Premiere kommen, drei Tage nach dem allgemeinen Lockdown. Ein krebskranker Mann und eine krebskranke Frau treffen hierin in einem Fitnessstudio aufeinander. Eine Nacht lang sind sie dort eingesperrt und beider Welten im Umgang mit der Krankheit prallen aufeinander. 

Der Mann, der von Dietmar Nieder gespielt wird, vertraut zuallererst auf die Errungenschaften der modernen Medizin, er absolviert diszipliniert und verbissen sowohl Chemotherapie als auch Bestrahlung und hofft, damit den Status Quo erhalten zu können. Die Frau, die Andrea Brose verkörpert, hört zuerst und vor allem in sich hinein, versucht herauszufinden, was ihr jetzt gerade wirklich gut tut und begibt sich unter anderem auf einen Pilgerweg.  

Wie schwer es ist, im Vertrauen auf das Leben zu bleiben

In „Blitzschlag“ geht es Martina König, die auch Regie führt, jedoch nicht um eine Polarisierung von sogenannter Schul- und Alternativmedizin. „Das bringt nichts“, sagt sie im Vorgespräch. Es gehe vielmehr darum, „wie wichtig und wie schwer es ist, im (Selbst-)Vertrauen auf das Leben zu bleiben.“ Zur Unterstützung ihres Teams im Probenprozess hat sie deswegen auch die Onkologin Hannelore Seibt hinzugezogen. Diese konnte unzählige Geschichten beisteuern, wie unterschiedlich Menschen mit so einer Diagnose umgehen. Eine Diagnose, die die meisten Betroffenen zum ersten Mal mit der eigenen Endlichkeit, dem eigenen Sterben konfrontiert.  

„Blitzschlag“ ist trotzdem oder gerade deswegen kein todtrauriges Stück. Denn die beiden Protagonisten, die anfangs nicht wissen, dass sie erkrankt sind, entwickeln, als sie es wissen,  eine große Empathie füreinander. „Wenn es um Leben und Sterben geht, ist die Menschlichkeit wieder - stärker als sonst - am Start“, so Martina König. „Beide reden übers Sterben, aber auch sehr offen über Sexualität“, so die Regisseurin, und das Publikum wird dabei einbezogen. Genauso wie in die Gespräche, die nach jeder Aufführung dazu angeboten werden. Damit hat sie schon bei ihrer Inszenierung „Der alte Mann und die Zeit“ sehr gute Erfahrungen gemacht, sagt Martina König.  

In den Austausch mit dem Publikum treten

Viele Menschen wollen sich angesichts der widersprüchlichen, unübersichtlichen Entwicklungen in der Gegenwart wieder verstärkt austauschen. Das jedenfalls erlebte König, als sie mit „Der alte Mann und die Zeit“ im vergangenen Jahr in Brandenburg und Rathenow unterwegs war. Und die Regisseurin, die jetzt seit zehn Jahren das Potsdamer Theaterschiff leitet, will sich mit ihrer Kunst positionieren und Menschen einladen, auch über gesellschaftliche Zustände und Veränderungen nachzudenken. Dabei gehe es ihr auch immer um Eigenverantwortung. 

Auch bei einer Krebsdiagnose geht es darum. Der Mann in „Blitzschlag“ ist lange nicht bereit, diese Eigenverantwortung zu übernehmen. Er denkt, wenn er minutiös alle Vorschriften befolgt, wird er seinen Status Quo – vor allem Lohnarbeit und Eigenheim – erhalten können. Eine Annäherung der beiden sehr unterschiedlichen Verhaltensweisen beziehungsweise der Protagonisten geschieht im Stück über eine Choreografie. Erdacht hat diese der multitalentierte englische Künstler Joe Ryan, der außerdem für die opulenten und maßgeschneiderten Kostüme verantwortlich zeichnet. 

Ein Königinnenkleid mit 140 Rollen Tüll

Martina König gerät ins Schwärmen, als sie erzählt, wie Ryan den Probenprozess bereichert und inspiriert hat. Sein Königinnenkleid, in dem er 140 Rollen Tüll und 1200 LEDs verarbeitet hat, sei ein echter Augenschmaus und eine wirkliche Erweiterung des Abends, sagt sie.  Der Wiedereinstieg in die Öffentlichkeit ist für sie nach den einsamen Probenprozessen indessen noch angstbelastet, bekennt die Regisseurin, auch wenn der Besucherzuspruch schon jetzt ermutigend ist. Coronabedingt werden pro Vorstellung nur 29 bis 30 Plätze auf dem Theaterschiff vergeben; für die Premiere am Freitag gibt es nur noch wenige Restkarten. 


„Blitzschlag“ hat am 4.9. um 19.30 Uhr Premiere, die nächsten Vorstellungen finden am 5. und am 18.9. statt.  
 

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