• Potsdamer Sehsüchte 2020 küren Gewinner: Erbarmungsloser Blick auf Mexiko

Potsdamer Sehsüchte 2020 küren Gewinner : Erbarmungsloser Blick auf Mexiko

Die 49. Sehsüchte sind mit der Auszeichnung von Gewinnern in insgesamt zehn Kategorien zu Ende gegangen. Prämiert für den besten Spielfilm wurde Carlos Lenin Treviño.

Lena Schneider
Der mexikanische Regisseur Carlos Lenin Treviño gewann den Preis für den besten Spielfilm für "La Paloma Y El Lobo".
Der mexikanische Regisseur Carlos Lenin Treviño gewann den Preis für den besten Spielfilm für "La Paloma Y El Lobo".Foto: Promo

Potsdam - Die 49. Ausgabe des Stundenfilmfestivals Sehsüchte ist am Sonntagabend zu Ende gegangen - die erste, die in großen Teilen analog und auch digital zu verfolgen war. So auch die Preisverleihung, die traditionsgemäß am letzten Festivaltag stattfand. In insgesamt elf Kategorien wurden Preise vergeben, mit einem Preisgeldvolumen von insgesamt 32 500 Euro.

Dass nichts wie immer war in diesem Jahr, zeigte die Verleihungszeremonie im Kinosaal der Filmuniversität: ein spärlich besetzter Saal, die Sieger wurden von einer Studentin mit Mundschutz verkündet, die Preisträger und Jury-Statements online dazugeschaltet. Und doch kann die Tatsache, dass die Sehsüchte überhaupt stattfanden, als Triumph gewertet werden. Zhenia Kazankina, die Regisseurin von "Rio", dem Gewinnerfilm in der Sektion Jugendfilm, sprach von einer "heroischen Arbeit" der Festivalmacher angesichts des Coronajahrs 2020.

Der Spielfilm "La Paloma Y El Lobo" ist einer von elf Gewinnern bei den Sehsüchten 2020.
Der Spielfilm "La Paloma Y El Lobo" ist einer von elf Gewinnern bei den Sehsüchten 2020.Foto: Promo

Intime Dialoge im Ohr, kalte Distanz im Blick

"20:20 Vision" hatte das Motto der diesjährigen Sehsüchte gelautet: Klarheit. Die Anfangsszene des Gewinnerfilms in der Sektion "Spielfilm" wirkt wie ein Echo darauf. Prämiert hatte ihn eine mit Schauspieler Burghart Klaußner und Regisseur Burhan Qurbani prominent beste Jury. "La Paloma Y El Lobo" von dem mexikanischen Regisseur Carlos Lenin Treviño beginnt tief schwarz. Aus dem Schwarz schält sich ein Körperumriss heraus, aus dem Off eine Stimme. Was ist passiert?, fragt eine Frau. Weinst du? Fragen ohne Antwort. Minutenlang folgt die Kamera dem Körper im Wasser, zieht sich dann zurück in die Totale. Ein See wird erkennbar, zuletzt ein Panorama, in dem der Körper kaum mehr zu erkennen ist.

Das Nebeneinander zwischen intimen Dialogen in der Tonspur und kalten, oft Distanz vermittelten Bildern macht "La Paloma Y El Lobo" zu einem eindrücklichen Ereignis. Eine Liebesgeschichte, die mehr ist: nämlich das Porträt einer verhärteten Gesellschaft. Der Kamera-Blick zeigt: Fabrikgelände, Bahngleise, und immer wieder ruinöse, graffity-beschmierte Gebäude, in denen eine Jugendgang das Paar drangsaliert. Klar ist das, erbarmungslos. Wie vom Sehsüchte-Motto gefordert. 

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Die Gewinner*innen in den einzelnen Sektionen:

Spielfilm lang: "La Paloma Y El Lobo" (2019, Mexico, Regie: Carlos Lenin Treviño)

lobende Erwähnung in der Sektion Spielfilm lang: "Das melancholische Mädchen" (2019, D, Regie: Susanne Heinrich)

Spielfilm kurz: "The lost Scot" (2019, UK, Regie: Julien Cornwall)

Dokumentarfilm: "Fonja" (2019, Madagascar, Regie: Lina Zacher)

lobende Erwähnung in der Sektion Dokumentarfilm: "Puberty" (2019, Russland, Regie: Elena Kondrateva)

Future Kids: "O28" (2019, Frankreich, Regie: Otalia Caussé, Geoffroy Collin, Louise Grardel, Antoine Marchand, Robin Merle und Fabien Meyran)

Future Teens: "Rio" (2019, Russland, Regie: Zhenia Kazankina)

lobende Erwähnung in der Sektion Future Teens: "Kotimatka" (2019, Finnland, Regie: Marika Harjusaari)

Fokus Produktion: "Trading Happines (2019, Vietnam, Produktion: PiaTi, Regie: Duc Ngo Ngoc)

Beste Animation: "Apfelmus" (2019, Österreich, Regie: Alexander Gratzer)

Bestes Drehbuch: "Zeit der Monster" (2019, Deutschland, Jacob Hauptmann)

Bester Pitch: "Plato" (2020, Deutschland, Miriam Suad Bühler)

360°-Film: "The rain that is falling now was also falling back then" (2019, Deutschland/ Rumänien, Regie: Christian Zipfel)

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