• Potsdamer Kunst in Corona-Zeiten: Kreatives Abwarten

Potsdamer Kunst in Corona-Zeiten : Kreatives Abwarten

„Kunst in Corona-Zeiten“ heißt eine Werkserie von Künstlern der Potsdamer Sprungbrett-Galerie. Hier sind erschwingliche Werke in kleinen Formaten zu sehen.

Die Galeristinnen Kathrin Behrens und Sandra Schindler (r.).     
Die Galeristinnen Kathrin Behrens und Sandra Schindler (r.).     Foto: Varvara Smirnova

Potsdam - Reden ist Silber, Schweigen ist Gold – diese alte Weisheit dürfte jedem bekannt sein: Manchmal ist es eben besser, nichts zu sagen. Und manchmal muss man auch warten und schweigend hinnehmen, wie gegenwärtig. Die Künstlerin Christine Westenberg gibt mit ihrer Reliefskulptur, deren Titel „Schweigen ist Gold“ den Spruch in Erinnerung ruft, trotzdem ein Rätsel auf. Gerademal acht Zentimeter ist sie breit und zehn Zentimeter lang, wie eine Schmuckschatulle. Abgefackelte Streichhölzer türmen sich auf goldenem Untergrund. Unweigerlich fragt man sich, wie lang es eigentlich dauert, so viele Hölzchen abzubrennen. Hat die im Münsterland beheimatete Künstlerin hier die Zeit des Schweigens zur längeren Aufbewahrung vorbereitet – wie man es eben mit kostbaren Dingen tut?

Die Arbeit ist aber auch deswegen so klein, weil sie im Rahmen einer besonderen Aktion der Sprungbrett-Galerie entstanden ist: „Kunst in Corona-Zeiten“ lautet der Arbeitstitel. Die Potsdamer Galeristinnen, Kathrin Behrens und Sandra Schindler, haben die Künstler der Galerie, 22 an der Zahl, gebeten, Arbeiten in kleineren Formaten anzufertigen. Diese möchten die beiden Frauen peu à peu über die sozialen Medien, Facebook und Instagram, präsentieren und für je 300 Euro verkaufen. „Also bei Weitem unter dem Marktwert“, sagt Behrens. Sie wollen den Künstlern so die Möglichkeit geben, auch während der aktuellen Krisenzeit präsent zu bleiben. Schließlich seien in erster Linie sie die Leidtragenden, da auf lange Sicht keine Ausstellungen stattfinden können. „Außerdem wollen wir das Bewusstsein für Kunst aufrechterhalten“, fügt Behrens hinzu. Sieben der Künstler haben bis jetzt schon elf Arbeiten in diesem Rahmen angefertigt.

Kunst und Einrichtung im Einklang

Im vergangenen November eröffnete Sprungbrett seine Galerieräume in der Charlottenstraße 86. Das Konzept ist einfach: Kunst und Wohnungseinrichtung sollen in Einklang gebracht werden. Behrens und Schindler grenzen sich hiermit von den klassischen Galerien ab. Wer zuhause eine freie Wand hat und einen professionellen Blick für seine Kunstwahl sucht, ist bei Sprungbrett richtig. Kunden könnten ihnen auch ein Foto von der freien Wand zuschicken, sagt Behrens, sie würden dann passende Werke auswählen und Vorschläge machen. 

Sechs Vernissagen waren in diesem Jahr eigentlich geplant. Dass die Galerieräume nun wegen Corona geschlossen sind, sei misslich, so Behrens. Schließlich seien sie so kurz nach der Eröffnung noch darauf angewiesen, Neukunden durch Laufkundschaft zu gewinnen. Die Galeristinnen haben schon eine Förderung beantragt, langfristig gesehen werden sie aber in private Taschen greifen müssen, meint Behrens.

Künstler aus der Region

Rund 400 künstlerische Arbeiten bestücken derzeit schon die digitale Sprungbrett-Galerie. Und viele Werke stammen aus der Region. Zwölf der 22 Künstler sind in Potsdam und Umgebung zuhause. Darunter Vera Oxfort, die im Neuen Atelierhaus Panzerhalle in Groß Glienicke arbeitet. Mit „Dekadenz“ betitelt sie zwei abstrakte Aquarelle, die sie für „Kunst in Corona-Zeiten“ angefertigt hat. Zarte Blau- und Grautöne heben sich hier voneinander ab, zerfasern, fransen aus. Ihre Existenz verwischt, der Verfall ist vorprogrammiert.

Weniger abstrakt und stattdessen sehr deutlich zeichnet die Münchner Künstlerin Brigitte Yoshiko Pruchnow die aktuelle Situation nach. Ihr Beitrag zur Corona-Kunst zeigt zwei Passantinnen, beide mit Mundschutz, beide für sich, dazwischen der nötige Sicherheitsabstand, der mittlerweile zur Normalität geworden ist. Distanz charakterisiert momentan den Alltag. Deswegen lassen Behrens und Schindler nur noch Einzelpersonen in ihre Galerie. Wer die Arbeiten live sehen möchte – wenn schon kein persönliches Gespräch bei einer Vernissage möglich ist – kann sich unter der Tel.: (0160) 99497822 oder via E-Mail an [email protected] anmelden. 


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