• Potsdamer Fotograf: Die stille Erinnerung der Räume

Potsdamer Fotograf : Die stille Erinnerung der Räume

Ralph Gräfs Ausstellung „Zimmer frei“ mit Bildern verlassener Gebäude im Treffpunkt Freizeit.

Dirk Becker
Leere ist nur eine Empfindung. Ralph Gräf zeigt in seinen Bilder, welche Geschichten verlassene Räume noch erzählen können.Alle Bilder anzeigen
Foto: Ralph Gräf
08.01.2014 19:50Leere ist nur eine Empfindung. Ralph Gräf zeigt in seinen Bilder, welche Geschichten verlassene Räume noch erzählen können.

Was ist das überhaupt: Leere? Letztendlich doch nur ein Gefühl, ein Wort, ein Verwirrspiel der Wahrnehmung. Eine Empfindung, die mal angenehm, ein anderes Mal ganz das Gegenteil sein kann. Denn allzu oft geht das Bewusstsein von Leere mit dem Gefühl einher, dass uns etwas fehlt, etwas nicht stimmt. Der Potsdamer Fotograf Ralph Gräf spielt mit diesem Empfinden von Leere. Auf seinen Bildern zeigt er leere Räume in leeren Häusern. Gebäude, die von den Menschen, die sie gebaut und viele Jahre bewohnt, benutzt hatten, verlassen wurden. Jetzt leer und ungenutzt, ihrer Bestimmung beraubt, sind sie nur noch stille Zeugen von etwas, das einmal war.

Doch Gräf, der am heutigen Donnerstag unter dem Titel „Zimmer frei“ eine Ausstellung mit 20 Bildern leerer Räume im Treffpunkt Freizeit eröffnet, geht es nicht um den maroden Charme, der diesen verlassenen Zimmern und verlassenen Häusern innewohnt und so oft in der Fotografie thematisiert wird. Ihm geht es nicht um die Spuren des Verfalls oder wie die Natur langsam Stück für Stück diese menschlichen Spuren überlagert und in sich aufnimmt, sie irgendwann tilgt. Betritt Ralph Gräf verlassene Gebäude, ist er auf der Suche nach den stillen Erinnerungen, die jede scheinbare Leere an solchen Orten bereithält. „Es ist schon vorgekommen, dass ich vor dem Fotografieren mit dem Besen durch die Zimmer gegangen bin“, sagt Gräf. Nicht verdreckt, nicht zerstört, so, als würde der Eindruck entstehen, diese Räume seien vor nicht allzu langer Zeit verlassen worden. Ralph Gräf möchte den Betrachter mit seinen Bildern auf eine gedankliche Reise schicken. „Wie haben hier die Menschen gelebt? Was ist hier passiert? Und lassen sich diese Räume vielleicht sogar wieder nutzbar machen?“ Das sind die Fragen, die den Fotografen bei seiner Arbeit, seiner Suche bewegen. Darum auch der anspielungsreiche und humorvolle Titel der Ausstellung „Zimmer frei“.

Auch wenn Ralph Gräf nicht vordergründig der Aspekt des Maroden interessiert, spielt er doch mit der Ästhetik im Verlassenen. Eine melancholische Kühle geht von seinen klar komponierten Aufnahmen aus, die Gräfs genaues Gespür für die Wirkung von Innenarchitektur zeigen. Gräf findet hier Schönheit. Sein Blick ist ein behutsamer, verständnisvoller. Und es scheint, als würden die Räume sich ihm öffnen, ihm Ahnungen und Andeutungen ihrer Geschichten, ihrer Erinnerungen offenbaren. Immer aber bleibt der Verfall, eine Form von Siechtum deutlich sichtbar.

Da ist das Bild von einer Zimmertür, leicht geöffnet, als hätte hier nur mal kurz jemand den Raum verlassen. Doch die Türklinke fehlt, die Farbe am Rahmen ist rissig, der nur teilweise Blick in das Zimmer zeigt, dass hier keine Möbel mehr stehen. An der Türschwelle liegt heller Staub, Spuren von Bauschutt oder herabgefallenem Putz. Nur die blasse Ornamenttapete und die irgendwie vergessen wirkende Wandlampe zeigen einem, dass dieser Raum schon vor langer Zeit verlassen wurde. Oder das Zimmer mit den nackten Wänden, die so wirken, als bräuchte es hier nur einen Maler und Tapeten, um diesen Raum wieder bewohnbar zu machen. Doch der genaue Blick zeigt, dass es hier wohl viel mehr braucht als nur Farbe und Tapete.

Im Jahr 2006 kam Gräf von München nach Potsdam, wo er seit dem als Professor für Zellbiologie am Institut für Biochemie und Biologie der Universität Potsdam forscht und lehrt. Seit dieser Zeit ist er mit seiner Kamera unterwegs und sucht verlassene Räume und Gebäude. „Aber das wird immer schwieriger“, so Gräf. Die Bilder in der Ausstellung „Zimmer frei“ sind vorwiegend auf dem ehemaligen Kasernengelände Krampnitz und der ehemaligen Militärstadt Wünsdorf entstanden. In Krampnitz hatte Gräf viel Zeit für seinen künstlerischen Blick auf die verlassenen Zimmer. Zusammen mit einem weiteren Fotografen war er Ende 2011 über drei Monate regelmäßig auf dem Gelände, weil sie den Auftrag erhalten hatten, den Zustand der Gebäude zu dokumentieren. In Wünsdorf war er mit der Agentur „go2know“ unterwegs, die Fototouren an „geheimen Orten in Berlin und Umgebung“ anbietet. Die Zeiten, dass man solche Gelände oder Gebäude betreten kann, ohne vom Wachschutz entdeckt oder von Ruinentouristen gestört zu werden, seien schon lange vorbei, so Gräf.

„Zimmer frei“ ist der Auftakt von insgesamt fünf Ausstellungen des Potsdamer Fotoclubs im Foyer des Treffpunkts Freizeit. Seit 2012 sind hier regelmäßig hochkarätige Bilder zu sehen. Aufnahmen, die fast immer zu Reisen und Geschichten im eigenen Kopf einladen. Bei Gräf ist es eine Wanderung durch unsere baulichen Hinterlassenschaften. Über Treppen und Flure, durch Hallen und Zimmer. Ästhetisch reizvoll und immer auch nachdenklich stimmend. Auch wenn Gräf mit seinen Bildern nach einer möglichen Wiederbelebung dieser Gebäude fragt, bleibt da doch das Gefühl, Detailaufnahmen von Dinosaurierskeletten zu betrachten. Die Zeiten für diese Räume sind schon lange vorbei. Aber leer sind sie deshalb nicht.

Die Ausstellung „Zimmer frei“ wird am heutigen Donnerstag um 19 Uhr in der Galerie im Treffpunkt Freizeit, Am Neuen Garten 64, eröffnet und ist bis zum 28. Februar, montags bis freitags, von 8 bis 21.30 Uhr geöffnet. Weitere Informationen unter www.fotogalerie-potsdam.de