• Potsdamer Bands und die Coronakrise: „Jammen im Videochat ging gar nicht“

Potsdamer Bands und die Coronakrise : „Jammen im Videochat ging gar nicht“

Wie bewältigen Potsdamer Bands die Coronakrise? Pulsar Trio, Kaskadeur und Ernstgemeint berichten über eine Ausnahmezeit zwischen Streaming-Konzerten und Instrumenten-Basteleien. 

Erik Wenk
Pulsar Trio wollte zwischen März und Juli eigentlich in Hamburg, in Nepal, Indien, Tunesien und der Schweiz auftreten.
Pulsar Trio wollte zwischen März und Juli eigentlich in Hamburg, in Nepal, Indien, Tunesien und der Schweiz auftreten.Foto: Benjamin Maltry

Potsdam - Geschlossene Clubs, abgesagte Konzerte, verschobene Festivals: Für Musiker, die vor Live-Publikum spielen, kam die Coronakrise lange Zeit einem Auftrittsverbot gleich. Auch wenn allmählich wieder kleine Konzerte und Open Airs möglich sind - von einem Normalbetrieb ist die Musikszene weit entfernt. Das gilt auch für Potsdamer Bands wie das Pulsar Trio, die man dieser Tage zumindest zu Hause „live“ erleben kann: Vor kurzem hat das erfolgreiche Weltmusik-Projekt, bei dem Piano, Schlagzeug und Sitar miteinander vereint werden, sein viertes Album „Live in Berlin“ veröffentlicht.

„Unsere Fans haben immer wieder gesagt, dass sie gerne mal ein Live-Album von uns haben wollten“, sagt Sitar-Spieler Aaron Christ. Dazu habe man den 500. Auftritt von Pulsar Trio zum Anlass genommen, diesen im Studio aufzunehmen. Geschehen ist dies im vergangenen September in Berlin, allerdings ohne Publikum: „Es ist eine Art Querschnitt unserer Lieblingsstücke aus den letzten 13 Jahren, es sind auch zwei neue Stücke dabei“, sagt Christ. „Wir haben das Ganze als Live-Session in einem Take aufgenommen und hatten einen guten Flow.“

Die Potsdamer Band Puslar Trio hat die Corona-Zwangspause genutzt, um ein Live-Album zu produzieren.
Die Potsdamer Band Puslar Trio hat die Corona-Zwangspause genutzt, um ein Live-Album zu produzieren.Foto: Promo

 

Pulsar-Trio: Hoffen auf die Einnahmen vom Live-Album

Nur zu gerne hätte die Band das Album mit einer ausgiebigen Tour gekrönt, doch Corona machte dem einen Strich durch die Rechnung: Zwischen März und Juli waren zahlreiche Auftritte geplant, unter anderem in der Hamburger Elbphilharmonie, in Nepal, Indien, Tunesien und der Schweiz. „Da sind uns ganz viele tolle Gigs weggebrochen, dieses Jahr wäre sehr international für uns gewesen“, sagt Christ.

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Selbst das Live-Album stand plötzlich auf der Kippe: Nur dank der Soforthilfen konnte es produziert und veröffentlicht werden. Christ hofft nun, dass viele Fans es auch kaufen, denn ein Großteil ihrer Einnahmen erwirtschaftet die Band durch Live-Auftritte. „Wir alle leben von Pulsar Trio, das ist unsere Haupteinnahmequelle“, sagt Christ. Große Rücklagen gebe es nicht, und vielen anderen Kollegen ginge es ähnlich: „Es ist eh schon immer schwierig, von der Musik allein zu leben“, sagt Christ. Er selbst hat wieder angefangen, Musikunterricht zu geben, um den Wegfall der Konzerte auszugleichen.

Pulsar Trio hofft, über den Verkauf des neuen Albums einige der Verluste wieder einzupielen. Titel: „Live in Berlin“.
Pulsar Trio hofft, über den Verkauf des neuen Albums einige der Verluste wieder einzupielen. Titel: „Live in Berlin“.Foto: Promo

Stonehenge: Wiedergeburt als Kaskadeur

Auch die ehemalige Potsdamer Heavy-Prog-Band Stonehenge, die sich vor kurzem in „Kaskadeur“ umbenannt hat, hatte im April eigentlich ein neues Album geplant: „Wir hatten das Ganze aber schon vor Corona auf September verschoben, das war eine glückliche Fügung“, sagt Sänger und Gitarrist Enrico Semler. Eine ganze Reihe von Deutschlandkonzerten, die im Frühjahr stattfinden sollten, musste dennoch abgesagt werden. „Das war ein ziemlicher Hammer für uns“, sagt Semler. „Wir versuchen gerade die Herbst-Tour zu planen, aber das ist schwierig, weil viele Clubs noch unsicher sind“, sagt Semler.

Für Kaskadeur soll das ganze auch ein kleiner Neustart werden, wie schon durch die Namensänderung signalisiert wird: „Den Plan hatten wir schon lange, denn es gibt circa 20 Bands weltweit, die Stonehenge heißen. Außerdem ist es einfach kein geiler Bandname“, sagt Semler. Man wolle sich damit auch weiter vom Stonerrock-Image emanzipieren, dass dem diversen Sound der Band schon länger nicht mehr gerecht werde. Das neue Album solle noch mehr stilistische Einflüsse aufnehmen, sagt Semler, betont aber: „Im Herzen sind wir natürlich immer noch die Alten.“

Semler spielt neben Kaskadeur auch noch in den Potsdamer Bands Eat Ghosts und Jolle, mit letzterer hatte er am zehnten April ein Live-Konzert aus dem Proberaum gestreamt: „Ich finde das Format spannend, auch wenn es gerade schon wieder an Attraktivität verliert“, sagt Semler. Dennoch war das Konzert für ihn ein Erfolg: „Der Sound war super und es hat Riesen-Spaß gemacht. Ich würde es gerne wieder machen.“ Trotzdem sei Streaming natürlich kein gleichwertiger Ersatz für Konzert vor Publikum: „Ich habe das Auftreten sehr vermisst und tue es immer noch, eine Weile hat mich das ganz schön runtergezogen“, sagt Semler.

Neuer Name, im Herzen die Alten: Die Potsdamer Band Stonehenge heißt jetzt Kaskadeur.
Neuer Name, im Herzen die Alten: Die Potsdamer Band Stonehenge heißt jetzt Kaskadeur.Foto: Jörg Steinhauer

Ernstgemeint: „Isolieder“ für die Zeit der Krise auf Youtube

Auch die Potsdamer Liedermacher Ernstgemeint haben sich während des Lockdowns mit Streaming beschäftigt: Als kleiner Ersatz für die regelmäßig stattfindende Liedermacher-Liga, die von Mitgliedern der Band mitorganisiert wird, gab es den Youtube-Kanal „Wandschrank TV“, wo Singer-Songwriter „Isolieder“ für die Zeit der Krise präsentierten. „Dadurch konnten auch mal Künstler aus ganz Deutschland bei uns auftreten, die sonst nicht so nach Potsdam gekommen wären“, sagt Ete von Ernstgemeint. „Es ist ganz cool, aber es ersetzt das Live-Konzert trotzdem nicht.“

Die Band hat der Lockdown weniger hart getroffen, da im Frühjahr tatsächlich keine Auftritte geplant gewesen waren. Trotz des Ausfalls einiger Sommerkonzerte kann die Band die Krise zumindest wirtschaftlich verkraften: Alle Mitglieder haben neben der Band noch einen Brotberuf. Dennoch waren die Kontaktbeschränkungen ein Problem, denn schließlich durfte man sich lange Zeit nicht einmal zum Proben treffen: „Wir haben mal versucht, im Videochat miteinander zu jammen, aber das ging gar nicht“, sagt Ete. „Wir waren sehr froh, als wir wieder normal proben konnten, das gemeinsame Musikmachen hat uns schon sehr gefehlt.“

Die Potsdamer Liedermacher Ernstgemeint haben sich coronabedingt mit Streaming beschäftigt: über den Youtube-Kanal „Wandschrank TV“.
Die Potsdamer Liedermacher Ernstgemeint haben sich coronabedingt mit Streaming beschäftigt: über den Youtube-Kanal „Wandschrank...Foto: Promo

Ausbeute der Krise: eine Dokumentation, ein neues Instrument

Um den Leerlauf zu überbrücken, haben die Musiker unter anderem begonnen, eine kleine Dokumentation der Liedermacher-Liga zu erarbeiten, die seit sechs Jahren besteht. „Für so etwas kann man die Zeit ganz gut nutzen“, sagt Ete. Er selber habe in den vergangenen Monaten sehr viele alte Schallplatten gehört: „Quasi als Inspiration.“

Auch Aaron Christ ist während der Coronakrise kreativ geworden: „Ich habe zusammen mit einem Musiktechnologen ein neues Instrument entwickelt.“ Details wolle er aber noch nicht verraten. Bald geht es auch wieder ans Auftreten: Am 24. Juni spielen Pulsar Trio im Rahmen der Reihe „Echt jetzt?!“ im Foyer des Nikolaisaals. Ein Hoffnungsschimmer für die Band, die Streaming strikt ablehnt: „Da haben wir null Bock drauf“, sagt Christ. „Wir sind nun mal eine Live-Band und entweder kann man Konzerte wieder richtig machen oder gar nicht.“

Skepsis gegenüber Konzerten mit Abstandsregeln

Auch Ernstgemeint sind wieder live zu sehen: Am 26. Juni treten sie bei einem Open Air im Lindenpark auf. Die Band freut das, steht Indoor-Veranstaltungen mit Corona-Regeln aber skeptisch gegenüber: „Ich kann mir noch nicht ganz vorstellen, ob ein Konzert mit Abstandsregeln wirklich schön sein kann“, sagt Ete. Enrico Semler hat noch andere Befürchtungen: „Indoor sind maximal 75 Personen erlaubt, aber auch nur, wenn es den Platz dafür gibt.“ Kaskadeur hingegen spiele meist in kleineren Locations. Und Semler sagt: „Es ist unklar, ob es diese kleinen Clubs in ein paar Monaten überhaupt noch gibt.“

Pulsar Trio spielt am Mittwoch, 24. August, um 20 Uhr im Foyer des Nikolaisaals Potsdam. Karten kosten 25, ermäßigt 15 Euro

Ernstgemeint spielt am Freitag, 26. Juni, um 19 Uhr im Lindenpark Potsdam. Eine Karte kostet 12 Euro.



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