• Potsdam Museum: Rückkehr der Schmuggelware

Potsdam Museum : Rückkehr der Schmuggelware

Fast vernichtet: Das Potsdam Museum erwirbt Bilder von Otto Heinrich aus den 1930er-Jahren.

Alltag 1934. Otto Heinrich malte Potsdam auch zur Nazizeit.
Alltag 1934. Otto Heinrich malte Potsdam auch zur Nazizeit.Foto: Potsdam-Museum

Es könnte eine ganz normale Straßenszene sein, Menschen bei ihren Besorgungen in der Brandenburger und in der Burgstraße. Wäre da nicht die aufdringliche Beflaggung an den Häusern. Schwarz-weiß-rote Reichsflaggen und dazwischen Hakenkreuze auf Rot, zudem an den Fahnen Trauerflor. „Am 2.8.1934 starb Reichspräsident Hindenburg, das könnte der Anlass gewesen sein“, sagt Museumschefin Jutta Götzmann zu den zwei Aquarellen von Otto Heinrich aus dem Jahr 1934. Im vergangenen Jahr konnte das Museum vier Bilder des Potsdamer Malers, jene Aquarelle und zwei Ölbilder, erwerben. Am gestrigen Freitag wurden sie vorgestellt.

Otto Heinrich lebte von 1891 bis 1967, seit 1920 in Potsdam. Er malte vor allem Stadtansichten, den Stadtkanal, die Kirchen, Straßen und Plätze. Nach seinem Tod konnte das Potsdam Museum 600 Werke aus seinem Nachlass übernehmen, insgesamt umfasst die Otto-Heinrich-Sammlung mehr als 900 Werke. Sie werden zurzeit erfasst, digitalisiert und bei Bedarf restauriert. 2018/19 soll es dann eine Ausstellung geben.

Nun sind also vier Werke neu hinzugekommen. Die beiden Ölbilder von 1939 sind in sehr gutem Zustand. Zur Herkunft ist wenig bekannt. Sie waren in einem Münchener Antiquariat aufgetaucht und dem Museum angeboten worden. Das kleinere Bild zeigt einen Berliner Platz, das größere die Breite Straße in Potsdam, im Hintergrund die Garnisonkirche. In der Straße sind Marktbuden aufgebaut, Menschen in dicken Mänteln gehen einkaufen, die Straßen sind regennass. Die Kirche schimmert noch impressionistisch durch den Nebel. Die Menschen in ihren bunten Kleidern malt Heinrich schon moderner, losgelöst von starren Formen. Beflaggung gibt es keine.

Heinrich malte dieses Motiv öfter – ein ganz ähnliches Bild, das 1939 in der Großen Deutschen Kunstausstellung in München gezeigt wurde, fand einen prominenten Käufer: Adolf Hitler war nicht knauserig und investierte damals 3500 Reichsmark in einen Otto Heinrich. Was aus diesem Bild wurde, ist nicht bekannt. Möglicherweise wurde es, wie viele Werke Heinrichs, im Krieg zerstört. Das Gemälde gleichen Motivs, das jetzt dem Potsdam Museum gehört, blieb im Haushalt einer Verwandten erhalten.

Wie nah Otto Heinrich dem System der Nazis stand, darüber kann nur spekuliert werden. Es gebe dazu keine Quellen, sagt Jutta Götzmann. Die Zeit vom Ende der Weimarer Republik bis zum Nationalsozialismus sei, was die Malerei betrifft, generell noch relativ unerforscht. Im Bestand des Potsdam Museums gebe es kaum Werke mit Hinweisen auf die politische Gesinnung der Maler jener Zeit. Umso mehr freue man sich, dass man nun Bilder bekommen habe, die auch für die Forschung von Bedeutung sein könnten, so Götzmann.

Der Fund der beiden Aquarelle von 1934 ist ein echter Glücksfall. Heinrich selbst wollte sie vernichten, dann aber konnten sie noch kurz vor dem Mauerbau 1961 nach West-Berlin geschmuggelt werden. Aufgrund des guten Erhaltungszustands der empfindlichen Aquarelle und der Farbintensität vermutet Götzmann, dass sie kaum ausgestellt wurden. Sicherlich lag das auch an der inhaltlichen Brisanz. Dem Besitzer waren die Hakenkreuze jedenfalls ein Dorn im Auge: An einer Stelle des Gemäldes ist sichtlich versucht worden, sie aus dem Bild vorsichtig herauszukratzen – vergeblich.

Auf dem zweiten Bild, der Burgstraße mit reichlich Nazi-Flaggenschmuck, spiegeln sich Autos und Passanten, in Regenmänteln und mit Schirmen, im nassen Straßenbelag. Das passt tatsächlich zum Wetter im August 1934: Es war kalt und regnerisch, als Hindenburg starb. Das Bild ist für Potsdamer auch interessant, weil es die alte Bebauung an der Alten Fahrt mit der Heilig-Geist-Kirche im Hintergrund zeigt.

Vom Berliner Besitzer gelangten die beiden Aquarelle jetzt über ein Antiquariat ans Museum. Über den Preis der vier Bilder, zu Dreiviertel vom Förderverein getragen, spricht man nicht. Es dürfte nicht wenig gewesen sein, bei Auktionen erreichen Werke von Otto Heinrich vierstellige Summen. Steffi Pyanoe