• Potsdam: Mit reichlich Pathos: Max Mutzke spielte im Nikolaisaal

Potsdam : Mit reichlich Pathos: Max Mutzke spielte im Nikolaisaal

Oliver Dietrich
Foto: Henning Kaiser/dpa

Potsdam - Ist das wirklich schon so lange her? Max Mutzke, der junge Abiturient aus dem süddeutschen Waldshut-Tiengen, gewinnt die Pro7-Casting-Show „SSDSGPS“ – „Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star“ – bei Stefan Raab. Ja, das waren die Hochzeiten des Entertainers Raab, der ja gar nicht mehr von der Mattscheibe wegzudenken war. Und eben kurzerhand beschloss, selbst einen Teilnehmer aus einem Kreis der Talentierten zu filtern, zu produzieren – und zum Eurovision Song Contest 2004 zu schicken, der damals in Istanbul stattfand. Und Mutzke setzt sich tatsächlich durch: Sein Soul-Song „Can’t wait until tonight“, der komplett aus Raabs Feder stammt, steigt auf Platz 1 der deutschen Charts, in Istanbul gelingt Mutzke ein ganz passabler achter Platz. Das lief schon deutlich schlechter bei deutschen Beteiligungen.

Jetzt, 13 Jahre später, kann man immer noch einen kleinen Max-Mutzke-Hype spüren: Das Konzert am Samstagabend im Nikolaisaal war seit Wochen ausverkauft, begleitet wurde Mutzke vom grandiosen Babelsberger Filmorchester, ganz klar ein Star also. Mutzke genießt den Abend sichtlich: Sein dunkelgrauer Anzug und die Heinz-Becker-Gedächtnismütze stehen ihm hervorragend, er tigert über die Bühne und bewegt mit seinen außergewöhnlich großen Händen den Mikroständer sacht hin und her – ein Profi halt. Neben ihm, am Bühnenrand, tanzt Laura M. Schwengber; und übersetzt die Songs in fließende Bewegungen – und in Gebärdensprache: Mit der unaufdringlichen Idee, Musik auf diese Weise auch außerhalb des akustischen Kanals spürbar zu machen, ist dem Nikolaisaal etwas Außergewöhnliches gelungen.

Selbst in die Pause wird Max Mutzke mit Standing Ovations verabschiedet

Dabei ist der Sound an diesem Samstagabend eher naja: Das Orchester unter dem strahlenden Dirigenten Enrique Ugarte ist fantastisch zu hören, aber ausgerechnet Mutzkes Stimme verliert sich im Vielklang der Instrumente. Dabei erlaubt sich der Nikolaisaal so gut wie nie akustische Aussetzer. Zu stören scheint es keinen, denn schon nach dem ersten Song hagelt es frenetischen Applaus, als sei der die dritte Zugabe gewesen. Ein Hoch auf dieses Publikum! Das lässt sich sowieso nicht lumpen: Sogar in die knapp halbstündige Pause wird Mutzke mit Standing Ovations verabschiedet.

Sein Oeuvre ist jedoch nicht mehr als soulige Pop-Musik, ganz gut gemacht sicherlich, das Rad erfindet er jedoch nicht neu. Aber was er macht, macht er unglaublich sympathisch: „Das ist unsre Nacht, sie ist für uns gemacht“, swingt er im lässigen Motown-Sound mit dem Filmorchester, ein Statement „gegen diesen Sumpf von Rassismus“, gegen diese „unfassbaren Idioten“. Der zaghafte Versuch des Publikums, im Takt zu klatschen, setzt sich – Gott sei Dank! – nicht durch.

Die "Creep"-Pop-Variante hätte sich Mutzke sparen können

Da verzeiht man Mutzke auch gern, dass der Rest des Abends doch arg zuckrig geriet, mit „Welt hinter Glas“ etwa, in dem es um die urromantische Sehnsucht nach dem Meer geht. Auch wenn seine Stimme sehr gegen die Crescendi des Orchesters ankämpfen muss: Mutzkes Augen glänzen und nach fast jedem Song knuddelt er den Dirigenten. Als er für zwei Songs das Orchester weglässt und nur die Band auf die Bühne bittet, darf seine Stimme etwas mehr in den Vordergrund. Warum er jedoch ausgerechnet den schwermütigen Radiohead-Klassiker „Creep“ in eine Pop-Variante transformieren musste, bleibt sein Geheimnis – und eine Sache, die er sich vielleicht hätte sparen sollen.

Am besten fährt er dann doch mit reichlich Pathos: Mutzke setzt auf Effekt statt auf Tiefgang: „Du fehlst mir immer mehr“, haucht er ins Mikrofon, vermisst wird eben immer gern. Seinen Nummer-1-Hit schiebt er demzufolge auch ganz ans Ende des Sets: Es werden sicherlich viele nur gekommen sein, um „Can’t wait until tonight“ zu hören. Das ausflippende Publikum hat er sich redlich verdient.