• PNN-Serie über Potsdamer Ufer (5): Klein Glienicke: Mit Quittenbrot durch die Geschichte

PNN-Serie über Potsdamer Ufer (5): Klein Glienicke : Mit Quittenbrot durch die Geschichte

In der Sommerreihe Potsdamer Ufer stellen wir besondere Orte am Wasser vor. Heute: Klein Glienicke. Hier war das Wasser für 28 Jahre hinter Mauern verschwunden, auch heute ist der Blick nicht überall frei. Schön ist es im Puppenstubendorf trotzdem.

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Foto: J. Bergmann
24.08.2016 21:55

Irgendwas brummt immer. Schiffsmotoren, Rasenmäher, Baumaschinen. Auch an diesem Flecken Potsdams wird gebaut. Geradeaus verläuft die Sackgasse zur alten Enver-Pascha-Brücke, rechts entstehen neue Stadthäuser. Mit Blick, wenn man ihn denn hat, über Teltowkanal und Griebnitzsee. Im Baumschatten am Straßenrand ruhen sich zwei Bauarbeiter aus. Man wird beäugt und begrüßt. Dann macht die überraschend bergige, schmale Lankestraße eine scharfe Kurve und Klein Glienicke liegt vor einem. Wie ein Puppenstubendorf.

Eine Menge Geschichte

Die Parkbrücke von Potsdam hinüber ist Aussichtspunkt auf Weltkulturerbe, Babelsberger Park, das Jagdschloss auf der Wannseeseite – und auf eine Menge Geschichte. Der Berliner Mauerweg führt hier entlang, bis 1989 ging es an dieser Stelle nur mit Passierschein weiter. Am Fuße der Brücke erinnert eine Stele an Maueropfer. Morgens um zehn machen hier zwei Radfahrerinnen Halt und lesen die Tafeln. Ein paar Meter Sandweg führen ans Ufer heran und weiter zum Hintereingang des Biergartens Bürgershof. An schönen Tagen war hier in den 1920er-Jahren die Hölle los. Da kamen die Dampfer wie heute Ausflugsbusse, die Bootsstege waren praktischerweise zweietagig gebaut, für kleine Jollen und größere Schiffe. Der Bürgershof war eines der größten Ausflugslokale Deutschlands, vielleicht fand hier die erste professionelle Massenabfertigung von Touristen statt. Heute spürt man wieder ein wenig davon, an Feiertagen ist der Garten voll, Fahrräder und Bollerwagen überall.

Ein Haus weiter wohnen Tilman Muthesius und Christiane Gerhardt. Sie können immer am Wasser sitzen. „Ich gehe jeden Morgen eine Runde schwimmen“, sagt Muthesius. „Der Teltowkanal ist nicht dreckig. Hier wachsen Binsen, das ist ein Marker für Wasserqualität.“ Es geht flach hinein, Sand schimmert einen halben Meter in der Tiefe. Auch am nördlichen Ufer der Glienicker Lake, da wo der Weg wieder am Ufer entlang führt, hinter dem Schlosspark, findet man mehrere kleine Badestellen. Man muss nur ein bisschen aufpassen, dass man sich im weichen Untergrund nicht die Füße an den Muscheln aufschneidet.

Muthesius, der Geigenbauer, und Gerhardt, Musikwissenschaftlerin und Gambenlehrerin, hat es aus Hannover über einen Zwischenstopp in Babelsberg nach Klein Glienicke gebracht. Vor allem der verfallene Saal des Ausflugslokals Havelschlösschen, eines von ehemals fünf im ganzen Ort, hatte es ihnen angetan. Heute wird er als Kammermusiksaal regelmäßig für Konzerte genutzt. In der ehemaligen Fleischerei hat Muthesius seine Werkstatt eingerichtet.

Dass hier die streng bewachte Staatsgrenze verlief, ist heute schwer vorstellbar

Als sie sich Mitte der 1990er für das Haus bewarben, war das noch von Hausbesetzern bewohnt, das schöne Ufergrundstück war Autofriedhof und Hanfplantage. Heute ist die Natur hier gerade so gebändigt, dass es wieder ein Garten ist, die alten Obstbäume durften bleiben, Kräuterbeete und Stauden kamen dazu. Am Haus rankt Wein. Die Luft der kleinen Senke, die noch zum fruchtbaren Naturraum Bäketal gehört, ist satt und schwer. Dass hier von August 1961 bis 1989 die streng bewachte Staatsgrenze verlief, zwei Mauern mit Todesstreifen dazwischen, sodass zuletzt für die Bewohner der Waldmüllerstraße nur noch ein schmaler Streifen hinterm Haus geblieben war und das Wasser nur vom Obergeschoss zu sehen war, das ist schwer vorstellbar. „Wenn man buddelt, findet man überall im Ort noch Kabelreste und Betonbröckchen“, sagt Gerhardt.

Unvorstellbar auch, wenn man den malerischen Ort heute sieht, wie brutal die Grenze damals das Dorf zerschnitt und die Anwohner kaputt und krank machte, ein normales Leben unmöglich wurde. Auch wenn sich viele damit abfanden, ihr einstiges Paradies nicht verlassen wollten oder konnten. Der Historiker Jens Arndt hat für sein Buch „Glienicke. Vom Schweizerdorf zum Sperrgebiet“ ehemalige Anwohner befragt. Gitta Heinrich wohnte seit ihrer Kindheit in der Waldmüllerstraße. Als die Mauer, vier Meter vom Haus entfernt, ihr die große und die kleine Freiheit, Garten und Wasser, nahm, sei sie regelrecht psychisch krank geworden. „Die Ärzte haben das natürlich nicht als ,Mauerkrankheit’ sondern als ,vegetative Störungen’ diagnostiziert.“ Sie blieb noch eine Weile im Ort und entschied sich dann doch, wegzuziehen. Nach und nach zogen damals lauter regimetreue Bürger in den Ort.

Die Idylle hat ihren Preis

Nach der Wende wurde die Bevölkerung dann erneut ausgetauscht. Die rückübertragenen, sanierten Häuser und Wohnungen konnten sich die wenigsten ehemaligen DDR-Bürger leisten. Es kamen stattdessen viele Berliner, die ihrerseits die neue Freiheit am Stadtrand nutzten. Mittlerweile habe sich aber doch eine Art Dorfgemeinschaft zusammengefunden, sagt Muthesius. Man organisiert Straßenfeste, trifft sich am Gartenzaun, diskutiert im Bürgerverein das Verkehrsproblem. „Wir haben hier immer mehr Durchgangsverkehr.“

Eine Bushaltestelle im Ort sucht man indes vergebens. Wenn Tilman Muthesius einkaufen will, segelt er manchmal hinüber zum Aldi in der Berliner Straße, dem einzigen deutschlandweit mit Bootsanleger. Im Ort gibt es keinen Laden, keinen Bäcker, keinen Zeitungskiosk. Die Idylle hat ihren Preis.

An die Touristen gewöhnt

An die Touristen, die immer wieder vor dem Haus stehen bleiben und schauen, haben sie sich gewöhnt. Mittags um 12 Uhr läuten in Klein Glienicke die Kirchenglocken und der Briefträger kommt vorbei, für den Hund holt er ein Leckerli aus der Hosentasche. Muthesius gibt seinen Gästen Quittenbrot mit auf den Weg. Der Baum im Garten trägt gut.

Der Spaziergänger muss sich jetzt entscheiden: Weiter links entlang, um das Schloss herum und dann auf dem Uferweg durch den Park, immer mit Blick auf die Babelsberger Seite? In 500 Metern ist man an der Glienicker Brücke, ein romantischer Spazierweg abseits ausgetretener Pfade. Oder doch lieber rechts herum Richtung Griebnitzsee?

Am östlichen Ende der Waldmüllerstraße kommt man wieder ans Wasser, der kleine schattige Park mit Aussicht heißt Admiral-Scheer-Blick – zu Ehren des kaiserlichen Seefahrers. Ansonsten ist das Ufer hier fest in der Hand der Anwohner. Das war früher nicht anders.

Hierher zog, wem es in Berlin zu hektisch geworden war, wer Ruhe und Privatsphäre suchte. Auch so mancher Promi. In der Griebnitzstraße, wo heute neue Villen stehen, wohnte für kaum zwei Jahre Kurt von Schleicher, letzter Reichskanzler der Weimarer Republik. Am 30. Juni 1934 wurden er und seine Frau im Zuge des Röhm-Putsches in ihrer Villa erschossen. Auch die britisch-deutsche Schauspielerin Lilian Harvey, Film-Star der 1930er- Jahre, die zwei Häuser weiter wohnte, hatte damals Probleme mit den Nazis. Die Gestapo beobachtete sie, weil sie verfolgten Kollegen und Angestellten zur Flucht verholfen hatte. 1939 verließ Lilian Harvey schließlich Deutschland. Die politischen Verhältnisse haben Klein Glienicke immer wieder erschüttert.

Man bleibt hier gerne unter sich

Heute ist es ruhig geworden. An vielen Villen findet man auf Klingelschildern keine Namen. Man bleibt hier gern ungestört und unter sich, manchmal unter allen Umständen.

So wurde vor wenigen Jahren zwischen zwei Grundstücken in der Griebnitzstraße ein kurzer öffentlicher Stichweg ans Wasser angelegt. Mit einem neuen Bootssteg, gedacht für alle Anwohner des Dorfes ohne eigenen Wasserzugang. Doch die Pforte des nagelneuen Weges ist stets abgeschlossen, der Steg gehört allein den Enten. Dem Spaziergänger bleibt der Wanderweg, der am Ende der Griebnitzstraße beginnt. Durch dichten Buchenwald am See entlang, endlich.