Kultur : „Planlos“ im Honigmond

Premiere der „Scharfen Sterne“ im T-Werk

Gerold Paul

Schicksalsplaner Otto hat mal wieder Mist gebaut! Anstatt die Wege der Menschen, die man ihm ganz anvertraut hat, ernst zu nehmen, übt er sich in Computerspielen – ein klarer Verstoß gegen die Disziplin, aber auch gegen die Schicksalsplanungsgesetze. Glücklicherweise hat seine Chefin Dr. Kleber (Aglaja Sprengel) aufgepasst. Sie schickt ihn per Staccatostimme auf die Erde, denn nur durch „Menschenkontakt“ kann er seine Schlampereien ausbügeln und dabei retten, was noch zu retten ist.

So findet sich Otto (Milan Dzykonski) zu Beginn des Theaterstückes „Planlos“, das mit der Potsdamer Jugendtheatergruppe „Scharfe Sterne“ am Freitag im T-Werk Premiere hatte, an der Tür einer Bar wieder. „Honey Moon“ steht darüber, eine Bar also, in die „alle rein wollen“, weil dieser Name für Glück und Zweisamkeit steht. Der rigide Türsteher Tom (Leonard Paul Berger) lässt Otto aber im Unterschied zu den drei Mädels nicht ein, obwohl er doch gerade ihr Leben aus allen Bahnen brachte. Josefine, Odette und Fiona nämlich fühlen sich weder angekommen noch unterwegs, ihr Leben scheint chaotisch zu sein. Klar, Otto ist Schuld!

Die Ausgangssituation für diese tiefergehende Komödie ist nicht von Pappe. Letztlich geht es ja um die aktuelle Frage: Selbst- oder Fremdbestimmung? Yasmina Ouakidi hat diesen Text nicht nur aufgeschrieben, sie hat ihn auch mit den „Scharfen Sternen“ inszeniert. Eine phantastische Theatertruppe. Jeder der neun Schauspieler wusste, worum es ging: um einen selbst, um Liebe und Zukunft. Wenn es nach gut einer Stunde der Vorhänge gar nicht genug sein wollten, so war diese Arbeit auch bei der zweiten Vorstellung bestens herübergekommen.

Zwei freistehende Treppen zum Dies- oder Jenseits und eine drehbare Türblende reichen aus, den Spiel-Raum zu geben. Zwischen Meta-Himmel und Discokeller werden nun elementare Fragen mit dem Feuer theatralischer Begeisterung durchgespielt. Odette (Alice Haseloff) verkörpert dabei die gesammelten Selbstzweifel beim Übergang zum Erwachsenwerden, Josefine (Emma Charlott Ulrich) hat ein dickes Tochter-Mutter-Problem, Fiona (Zora Dzykonski) in ihrem universellen Anpassungsdrang ist das nette Gegenteil.

Alle drei Positionen werden freilich mehr behauptet als gespielt. Nicht unproblematisch auch der kontaktscheue Otto. Er weiß nicht immer, ob er nun Pro- oder Antagonist sein soll. Spätestens im Diskokeller „Honigmond“ laufen ihm alle dramaturgischen Fäden ohne Gegenwehr auseinander. Natürlich wird er von den Mädels identifiziert und, wie peinlich, für ihre Missgeschicke verantwortlich gemacht. Aber das Stück gibt auch den Rat: Man kann da korrigieren, sogar ohne Otto! Schade, wenn sich nach einem so phantasievollen, lustigen Spiel letztlich alles so sachlich auflöst und von der Meta-Ebene nach Art dieser Tage kaum etwas bleibt. Alles war nur ein Traum, der kontaktscheue Otto wurde von seiner Mutter in die Disco geschickt, damit er mal vom Computer wegkommt!

Na ja, dafür sah man wenigstens eine schöne, leichte, junge, auch theatralisch anspruchsvolle Inszenierung, präzis bis in die Nebenfiguren. Das sollte Lohn genug sein. Gerold Paul

Nächste Vorstellungen: heute um 11 und um 14 Uhr im T-Werk, Schiffbauergasse 4e, Kartentelefon: 0331/71 91 39

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