Kultur : Plädoyer für die wilden Kinder

Bernd Sahling beim 200. Potsdamer Filmgespräch

Astrid Priebs-Tröger
Moderierte das Filmgespräch: Knut Elstermann.
Moderierte das Filmgespräch: Knut Elstermann.Foto: Manfred Thomas

Es ist kaum vorstellbar: 1000 Kinder im großen Kinosaal des Berliner Hauses der Kulturen der Welt folgen 90 Minuten lang konzentriert einem Film, der kein Action- oder Märchenformat ist. Doch genau das passierte, als Bernd Sahlings Streifen „Kopfüber“ auf der Berlinale Premiere feierte. Am Dienstagabend war der Regisseur mit Darstellerin Inka Friedrich, Co-Autorin Anja Tuckermann und Produzent Jörg Rothe beim 200. Potsdamer Filmgespräch im ausverkauften Filmmuseum zu Gast und alle berichteten von der beeindruckenden Berlinale-Resonanz.

Das Thema von „Kopfüber“ ist brisant, denn statistisch gesehen sitzt in beinahe jeder Schulklasse ein Kind, das Symptome der Aufmerksamkeitsdefizitstörung, kurz ADHS, aufweist. Und auch in Bernd Sahlings Film wird der Zuschauer schnell mit der Symptomatik – wie beispielsweise Leseschwäche, extremer Vergesslichkeit und aggressivem sozialem Verhalten – konfrontiert. Doch schon nach wenigen Minuten zeigt Sahlings Film ganz andere Seiten des 12-jährigen Sascha. Gemeinsam mit Freundin Elli ist er mit dem Fahrrad unterwegs, um auf Baustellen deren faszinierende Geräuschkulisse aufzunehmen, um daraus am Computer eindrucksvolle Toncollagen zu kreieren. Oder die Fahrradwerkstatt, die der Junge sich auf der Dachterrasse des Hochhauses, in dem er wohnt, ganz allein eingerichtet hat.

In diesen Szenen wird dem Zuschauer eine von Erwachsenen unbeaufsichtigte Kindheit vorgeführt, die man sich in der heute durch und durch regulierten Welt für Kinder nur wünschen kann. Elli und Sascha sind abenteuerlustig und umsichtig zugleich, leben ihre Kreativität selbstbestimmt aus und bewegen sich zudem noch ausgiebig. Doch kaum ist Sascha im Familien- und Schulalltag zurück, ist seine Konzentration wie weggeblasen, er stellt sich quer und missachtet Ge- und Verbote. So sehr, dass seine alleinerziehende Mutter (Inka Friedrich) Hilfe beim Jugendamt sucht. Ein Erziehungsbeistand wird ihm an die Seite und dessen Geduld auf harte Proben gestellt. Frank regt an, Sascha einem Arzt vorzustellen, um die Ursachen für die extreme Lese- und Rechtschreibschwäche zu ergründen. Die Diagnose ADHS bringt auf den Punkt, was Sascha manchmal – „ich habe Buchstabensuppe im Kopf“ – schon an sich selbst bemerkte.

Fast märchenhaft kommt jetzt die Lösung seiner Schulprobleme in Form von Tabletten und begleitenden Therapien daher. Doch der äußere Schein trügt, denn Sascha, der nun medikamentös eingestellt ist und die Anforderungen der Erwachsenenwelt erfüllt, verliert darüber beinahe seine Freundschaft mit Elli und vor allem seine Lebendigkeit. Regisseur Bernd Sahling, der in den 90er Jahren selbst als Familienhelfer arbeitete, ist mit „Kopfüber“ das Kunststück gelungen, einen komplexen und komplizierten Sachverhalt sensibel in berührende Bilder zu bringen. Es gelingt ihm, diese wilden Kinder aus der Problem-Ecke zu holen und den Zuschauer spüren zu lassen, wie groß deren Leidensdruck, aber auch deren Potenzial ist.

Das war auch im von Knut Elstermann moderierten Gespräch mit der Filmcrew zu erleben, als Inka Friedrich von den echten Konzentrationsschwierigkeiten des Sascha-Darstellers berichtete, die ihr am Set oftmals den letzten Nerv raubten. Doch alle berichteten auch, dass ihnen der Junge gute Ideen lieferte und sich mit dem Film selbst ein großes Geschenk gemacht habe. Man spürte hier genauso wie im Film, dass die Diagnose ADHS zwei Seiten einer Medaille spiegelt: Denn die Aufmerksamkeitsdefizitstörung betrifft Kinder und Erwachsene gemeinsam. Zwar scheint es für sie hirnorganische Ursachen zu geben, mindestens genauso wichtig sind jedoch familiäres und soziales Umfeld und, je nach Bedarf, ein Mehr oder Weniger an wirklicher Aufmerksamkeit für Kinder. Eine echte Herausforderung in unserer immer schneller werdenden komplexen Welt! Bernd Sahlings Film, der im Herbst in die Kinos kommt, ist ein echtes Plädoyer dafür. Astrid Priebs-Tröger

 

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