Kultur : Pinguine im Wickelrock

Das Hans Otto Theater zeigt ein Kinderstück über das Ausprobieren zwischen Geschlechterrollen

Foto: promo

Antonia würde lieber Fußball spielen als zum Keramikkurs gehen. Karl indes, der mit der Schwertersammlung seines großen Bruders nichts anfangen kann und stattdessen eine ganz passable Radiergummisammlung hat, würde gerne mal töpfern. „Nein, ganz öde, das ist nur was für Mädchen“, antwortet ihm Antonia. Da kennen sich die beiden erst ein paar Tage, der zehnjährige Karl ist der neue Junge in der Nachbarschaft von Antonia und ihrer großen Schwester. Ihr Kennenlernen findet plötzlich in einer ganz anderen Dimension statt. „Es geht um die Frage, wer bin ich und wie kann ich ich sein“, sagt Sarah Trilsch. Die 30-jährige Autorin von Theaterstücken und Hörspielen hat vor zwei Jahren ihr erstes Kinderstück geschrieben. „Wenn Pinguine fliegen“ ist ein Stück über Geschlechterrollen, über Erwartungshaltungen und den Mut, sie für sich selbst neu zu definieren, sich die Freiheit zu nehmen, ein eigenes Ich zu finden. Am Mittwoch wird das Stück am Hans Otto Theater uraufgeführt.

Trilsch, die in Berlin lebt, wird auch dabei sein. Ein Stück freizugeben, abzugeben, das sei immer aufregend. „Das Theater hatte mich zu einem Vorgespräch eingeladen – jetzt habe ich ein gutes Gefühl“, sagt die Autorin. „Wir verstehen den Text ähnlich.“ Regisseurin Kerstin Kusch findet es spannend, eine Uraufführung zu inszenieren. „Man kann mit dem Text ganz frei umgehen, das ist sehr schön“, sagt Kusch. Das Potsdamer Theater war 2015 bei der Verleihung des Berliner Kindertheaterpreises im Gripstheater anwesend, als Trilsch für ihr Stück ausgezeichnet wurde – und holte „Wenn Pinguine fliegen“ nach Potsdam. „Das Stück ist dicht dran an der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen“, findet Regisseurin Kerstin Kusch. „Uns haben zudem die Empathie und die Ernsthaftigkeit, mit der hier über Konflikte geschrieben wird, beeindruckt.“

Es gehe dabei aber gar nicht um ernsthafte Geschlechter-Konflikte, sondern um – möglicherweise antrainiertes – soziales Rollenverhalten, sagt Trilsch. Muss man als Mädchen Rosa mögen und mit Barbiepuppen spielen? Muss man als Junge wild sein und Actionfiguren sammeln? Als Antonia den neuen Jungen kennenlernt, hält der sie zunächst aufgrund eines Missverständnisses für einen Jungen. Antonia findet das gar nicht so schlecht. Sie schneidet sich die langen Haare ab und trägt nur noch T-Shirts und Hosen. Karl kann ihr wiederum seine Geheimnisse anvertrauen, zum Beispiel dass er manchmal einsam ist und dann mit seinen Figuren spricht. Natürlich kommt raus, dass Antonia ein Mädchen ist. Sie kann nicht im Stehen pinkeln und ihr Kleiderschrank ist voller Kleider. Aber das Ende des Stücks ist ein Anfang; Karl kommt mit einer zum Wickelrock umfunktionierten Tischdecke zu Antonia und holt sie zum Fußballspielen ab. Antonia nimmt seinen Aufzug sachlich-entspannt zur Kenntnis, so wie Karl ihr jungenhaftes Mädchensein hinnimmt. Sie haben einen Raum gefunden, in dem sie so sein können, wie sie sich gut fühlen. In dem sie auch diese Seite von sich zeigen können.

Die Idee zu dem Stück liegt in Sarah Trilschs eigener Vergangenheit. „Ich war auch so ein typisches Jungsmädchen. Ich ging zum Beispiel nur mit einer Badehose ins Schwimmbad.“ Man muss sich ausprobieren dürfen, sagt sie, erleben dürfen, wie man in der Gesellschaft als Junge oder eben als Mädchen behandelt wird. Wer sich als Mädchen nicht in das rosa Korsett pressen lässt, erfährt möglicherweise mehr Freiheit. Als sie vor einigen Jahren in Workshops mit Schulkindern arbeitete, stellte sie fest: Das Thema ist immer noch aktuell.

Ihre eigenen Erinnerungen hat sie in die heutige Zeit gehoben. Heute spricht und spielt man anders, Karl zockt am Rechner und Antonias pubertierende Schwester dreht YouTube-Videos übers Schminken. Kinder sind ein sehr ehrliches Publikum, sagt Trilsch. „Sie kriegen sofort mit, wenn eine Geschichte nicht authentisch ist.“ Zudem habe sie auf einen schnellen und leichten Erzählrhythmus geachtet und das Stück, das es bereits als Hörspiel gibt, noch etwas gekürzt. Geblieben ist ein sehr übersichtliches Szenario mit drei klaren Charakteren, das es auch ungeduldigen Zuschauern leicht macht, anzudocken. Vielleicht findet sich der Zuschauer auch in der großen Schwester wieder, die das alles zunächst gar nicht versteht. Man könne das nicht trainieren, ein Junge zu sein, sagt sie. „Entweder man ist einer, oder man ist eben keiner. Das ist, wie wenn Pinguine versuchen, zu fliegen.“

Für die Autorin ist es das erste Kinderstück. Sarah Trilsch, die in Leipzig Germanistik und Literarisches Schreiben studierte, schrieb bisher nur für Erwachsene. Aber nun ist sie seit einem Jahr selbst Mutter, das sei vielleicht eine Motivation gewesen, mal für jüngere zu schreiben, sagt sie. Und es werde definitiv bald ein weiteres Kindertheaterstück geben. Steffi Pyanoe

Premiere am Mittwoch, 8. Februar, um 10 Uhr in der Reithalle, Hans Otto Theater