Kultur : „Petrus, mach das Licht aus!“

Oxy and friends und das Theater Mad Mix in der langen Mittsommernacht in der Schiffbauergasse

Astrid Priebs-Tröger

Das Programm quoll über, die Schiffbauergasse am Samstagabend zur besten Fernsehsendezeit jedoch nicht. Dafür ist rhythmisches Klatschen zu Capoeiravorführungen aus den Studios der fabrik zu hören, gleich davor ist ein Büfett aufgebaut und Hip Hop tönt auch über den ziemlich leeren Platz vor dem Waschhaus. Gegenüber vom Museum Fluxus+ bauen Jugendliche von der Theatergruppe Mad Mix inzwischen die Kulissen für ihr Freilichtspektakel „Mondial – oder: replace the moon face!“ auf. Doch noch sind zwei Stunden Zeit, ehe sie an der Reihe sind.

Denn erst einmal ziehen vor allem jugendliche Zuschauer gar nicht planlos in die gleichnamige neue Inszenierung der „Scharfen Sterne“ im T-Werk. Und auch die fabrik füllt sich zusehends. Hier laden zum zweiten Mal die Tänzer der Oxymoron Dance Company ihre Freunde ein. Das sind diesmal insgesamt drei Tänzer und 22 Tänzerinnen. In drei jeweils knapp halbstündigen Inszenierungen zeigen sie, wie es sich beispielsweise anfühlt „under pressure“ seinen eigenen Weg zu finden. Timo Draheim tanzt mit ausdrucksstarken Bewegungen und Gesten, aber leider viel zu vielen Worten, diesen im wahrsten Sinne des Wortes anstrengenden und augenscheinlich ziemlich schweißtreibenden Prozess.

Ihm folgen die zwei Dutzend Laientänzerinnen aus Eisenhüttenstadt. Diese jungen Frauen im Alter zwischen 14 und 22 Jahren haben unter der Regie von Anja Kozik in ganz wenigen gemeinsamen Proben ihre Lust auf das Tanzen und das Leben in schöne Bilder gefasst. Wunderbar ihre ganz unterschiedliche körperliche Präsenz bei Ballett-, Modern- und Street Dance-Passagen, die auf der expressiven Musik- und Klangcollage von Christoph Kozik gut zur Geltung kam. Auch die Überraschungsgäste Mio und Robozee sorgten mit „Reflection“ für Begeisterung bei den Besuchern in der fabrik.

Gegen 22 Uhr war der Mond gerade untergegangen, sodass die Theatergruppe Mad Mix mit ihrer auf dem Grimmschen Märchen „Der Mond“ basierenden Freilichtaufführung zur rechten Zeit auf dem Plan stand. Die Wiese vor dem Fluxus+ füllte sich und schon im Publikum ertönte mehrsprachiges Stimmengewirr. Das setzte sich in der verspielt fantastischen Inszenierung von Ulrike Schlue und Nikki Bernstein fort. Jugendliche aus fünf verschiedenen Ländern, die ihren „Europäischen Freiwilligendienst“ in Deutschland leisten, haben daran mitgewirkt und ihre eigenwillige Sicht eingebracht.

Die Königin der Nacht und Petrus sowie einiges lichtscheues Gesindel und dazu noch brave Wanderer und Dorfbewohner nebst Esel – sie alle erliegen der Faszination und den Urgewalten des Mondes. Das wird deutsch, italienisch, französisch, spanisch, baskisch, dänisch und russisch, aber vor allem mit Bewegung, Musik und Licht und Schatten erzählt und ganz nebenbei erfährt man noch auf märchenhafte Art und Weise, warum der Mond eigentlich immer kleiner wird. Als fast am Schluss die Königin der Nacht ihr Herz an Petrus verliert, haben die Zuschauer zwar lange noch nicht genug gesehen, verstehen aber sofort deren Wunsch: „Petrus, mach das Licht aus!“. Wer dann in der zwar trockenen, aber ziemlich kühlen Sommernacht noch etwas erleben wollte, konnte direkt am Tiefen See den experimentellen Klängen von Nora Volkova lauschen oder kurz vor Mitternacht das erste Konzert der sonntäglichen Fête de la Musique erleben. Astrid Priebs-Tröger

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