• Peter Walther über Hans Fallada: „Immer ein trotziges Dennoch“

Peter Walther über Hans Fallada : „Immer ein trotziges Dennoch“

Der Potsdamer Literaturwissenschaftler Peter Walther nähert sich mit einer umfassenden Biografie Hans Fallada – einem Autor, der so populär war wie zerrissen.

Grit Weirauch
Nicht zu beneiden. Zumindest, was die psychische Grundstruktur angeht: Biograf Peter Walther beschreibt, dass Hans Fallada schon als kleines Kind mit Schlaflosigkeit zu kämpfen hatte.
Nicht zu beneiden. Zumindest, was die psychische Grundstruktur angeht: Biograf Peter Walther beschreibt, dass Hans Fallada schon...Foto: Fotoarchiv, Aufbau-Verlag

Herr Walther, Hans Fallada ist ein von Dämonen getriebenes Genie: Er schrieb Literatur von Weltrang, Bestseller in den 1930er- und 1940er-Jahren, war mehrmals inhaftiert, jahrelang morphinsüchtig, gewalttätig und Zeit seines Lebens immer wieder in psychiatrischen Heilanstalten untergebracht. Ein Leben, das Sie auch als Biograf umgehauen hat?

Bei den Archivrecherchen und der Durchsicht der Briefe, der Korrespondenz und der Lebenserinnerungen ist mir es so ergangen, wie es hoffentlich auch dem Leser ergeht: Ich bin von einem Erstaunen ins andere getaumelt. Was das für ein widersprüchliches Leben ist – im Privaten genauso wie im Künstlerischen und auch im Politischen! Man muss sich jemanden vorstellen, der, weil er auf seine Frau geschossen hat – er hat danebengeschossen – 1944 im Gefängnis sitzt und davon bedroht ist, als auffällig gewordener Süchtiger, Schlafmittelabhängiger, Alkoholiker, auf ewig da zu verschwinden oder zum Opfer der Euthanasie zu werden. Und dann fängt er mit einer Schreiberlaubnis im Gefängnis an, seine Erinnerungen an die Nazizeit, in der er ja noch mittendrin ist, aufzuschreiben – und schreibt sich seinen ganzen Hass von der Seele, die Zumutungen durch die Diktatur, den ganzen Gesinnungsterror. Es gelingt ihm, dieses Manuskript rauszuschmuggeln, und zwar unter dem Vorwand, er müsse doch Papier für einen staatswichtigen Auftrag holen … Er kommt mit frischem Papier wieder ins Gefängnis und schreibt weiter – und zwar an einem antisemitischen Roman.

Ein Auftragswerk des Reichspropagandaministeriums, für das er Feuer und Flamme ist ...

Dieses Buch hat ihm natürlich einen gewissen Schutz geboten. Und wenn sich Fallada darauf einlässt, einen Roman zu schreiben, einen Handlungsraum zu imaginieren, Figuren zu entwickeln, Handlungsabläufe zu entwickeln, dann kennt er innerlich keine Grenzen. Dann nimmt er das genauso ernst, wie wenn er ein Buch in eigenem Auftrag schreibt.

In seiner Haltung war er aber kein Nazi?

Ganz grundsätzlich, von seiner inneren Haltung und seiner inneren Statur her, war er nie ein Nazi gewesen, konnte es gar nicht sein.

Warum nicht?

Er war in einem sehr deutschen Sinne unpolitisch, mochte diese parteipolitischen Dinge überhaupt nicht. Das war ihm ganz fremd, das Aushandeln von Kompromissen, der politische Kuhhandel. Das gehörte nicht in die Sphäre der Kunst, und des Lebens erst recht nicht. Eine alte Position, wie sie sich auch bei Stefan George findet, von dem es heißt, ihm sei unwohl gewesen in einem Zimmer, wo eine Zeitung lag.

Ihre Biografie fängt mit einem großen Knall an. Es war auch der Knall in Falladas Leben. Er tötet als 18-Jähriger seinen Schulfreund ...

... mit einem als Duell getarnten Doppelselbstmord. Da verabreden sich zwei Schüler, die lebensmüde sind. Sie geben ein Duell vor und verschleiern auf diese Art, dass sie sich eigentlich umbringen wollen. Und das klappt nur zur Hälfte. Ausgerechnet der kurzsichtige Rudolf Ditzen, also Fallada, trifft den schießgeübten Hanns Dietrich von Necker, seinen Freund, und der bittet dann noch um den Gnadenschuss. Das ist ein Trauma fürs Leben. Rudolf Ditzen schießt, weil er weiß, er bringt sich mit dem letzten Schuss selbst um, dem Freund in die Brust, und dann sich selbst auch noch zweimal. Er aber überlebt.

In Falladas Erinnerungen kommt dieses Erlebnis kaum vor. Warum nicht?

Er verdrängt das ganz stark. Man sieht ja auch diese Rauschzustände, die er sich verschafft: Das ist das Bemühen, das Furchtbare, was er selbst verursacht hat, was ihm aber auch geschehen ist, zu verdrängen, zu vergessen. Er ist wirklich nicht zu beneiden, was diese psychische Grundstruktur angeht. Schon als Kind leidet er unter Schlaflosigkeit und wacht um 3 Uhr, 4 Uhr morgens auf. Und dann liest er. Schleicht sich in das Zimmer des Vaters und liest querbeet. Liest aber auch die Akten des Vaters. Das kann man später an den Romanen sehr gut sehen, wie er bestimmte juristische Formen verinnerlicht hat. Er liest und ist fasziniert von diesen menschlichen Schicksalen.

Der Ausgangspunkt für die Menschenkenntnis, die seine Literatur ausmacht?

Absolut. Seine Stärke ist aber auch, und das macht ihn heute noch so interessant, dass er es hinbekommt, Figuren, die gerade noch Lichtgestalten sind, mit denen man sich gerade noch identifiziert hat, auf einmal umkippen zu lassen. Sie werden entweder zum genauen Gegenteil oder bekommen starke Schatten. Es gibt einen schönen Satz von ihm: Jeder hat seine faule Stelle. Die Schärfe, mit der er die Figuren zeichnet, und mit der er herausarbeitet, dass das Gute und das Böse nie in Reinform vorkommen, sondern bei den Menschen immer in unterschiedlichen Mischungen, das macht eigentlich das Interessante und das Zeitlose seiner Literatur aus.

Dann hat es dieses Leben mit all den Aufenthalten in Psychiatrien und Gefängnissen gebraucht, um so etwas zu schreiben?

Das muss man sagen. Es gibt eine schöne Beobachtung von Robert Musil, der gesagt hat, dass das Werk von Fallada von einer lebendigen Melancholie geprägt ist. Das trifft es ziemlich genau. Es ist nicht diese spätromantische Todesverliebtheit wie bei Thomas Mann, die ironisch verfeinert ist. Sondern es ist immer ein trotziges Dennoch. Den Figuren ist im Grunde das Scheitern schon eingeschrieben, aber sie machen trotzdem weiter. Sie wissen, sie landen wieder im Gefängnis. Und trotzdem versuchen sie, sich etwas aufzubauen. Das sind natürlich alles Identifikationsangebote für Leser. Da zeigt er seine Stärke, die darin besteht, dass er eigentlich Fatalist ist – er sagt, er ist kein Besserer, kein Lehrer, nur ein Schilderer –, diesem Fatalismus aber eine Lebensbejahung entgegensetzt, gegen alle Bitterkeiten, die das Leben mit sich bringt.

Sie hatten eine unglaubliche Fülle von Quellen zur Verfügung. Das ist ein Glücksfall für einen Biografen, oder?

Dass so viel überliefert ist, dass es so viel Material gibt, das ist ein Segen, aber auch ein Fluch zugleich. 8000 Briefe, die im Archiv lagern. Zum Glück sind die meisten maschinengeschrieben überliefert. Kompliziert wird die Sache dadurch, dass er seine Erinnerungen auch noch in zwei Büchern literarisiert hat. „Damals bei uns daheim“ und „Heute bei uns zu Haus“ – zwei Bestseller der frühen 40er-Jahre. Hinzu kommen noch die Zeitzeugen und die Spuren in der öffentlichen Überlieferung, Gefängnisakten, Krankenakten. Diese Fülle an Material ist also zuerst ein Fluch – weil man das alles kennen, lesen muss. Aber im zweiten Schritt ist es ein Segen, weil man, und das war auch mein Prinzip, nicht zu spekulieren braucht. Man muss nicht als Erzähler in den Kopf reingucken, sondern man kann weite Strecken dieses Lebens mit dem Material selbst erzählen. Die Biografie ist schon eine Art Collage, aber man merkt es gar nicht, weil die Originaltexte sich in die fließende Erzählung einfügen. Und so war es möglich, dieser Person ganz nahe zu kommen. Interessant ist alles, was konkret ist – wie hat er ausgesehen, wie hat er gewirkt, aber auch was war mit dieser Krankheit. Da war es wichtig zu wissen, dass er Schaum vorm Mund hatte, dass er seinen Wärter würgen wollte, dass er mit einem Messer durchs Zimmer gelaufen ist, dass er ständig mit einer Pistole rumfuchtelte.

Falladas Krankenakten sind noch vorhanden? Wer hat die denn aufbewahrt?

Fans, Enthusiasten Falladas, nachdem die Akten eigentlich nach 30 Jahren hätten vernichtet werden müssen. Meist wurden sie privat überliefert von Klinikdirektor zu Klinikdirektor.

Der Fallada als besonderer Fall?

Ja. Es gab in Jena einen berühmten Psychiater, Binswanger hieß der. Der war nicht nur Psychiater von Fallada, sondern auch von Johannes R. Becher und von Nietzsche. Der hatte ganze Generationen von Literaten behandelt. Die Leute wussten, dass die Akten Goldstaub sind und nicht vernichtet werden dürfen.

Waren Ihnen diese Krankenakten zum ersten Mal zur Veröffentlichung zugängig?

Nein, Klaus Jürgen Neumärker hat sie vor einigen Jahren in einer einzigartigen Studie veröffentlicht, aber in einer Biografie finden sich diese Informationen zum ersten Mal. Sie akzentuieren das Bild Falladas noch mal stark. Denn welche fundamentale Rolle seine Persönlichkeitsstruktur und die sich daraus ergebene lebenslange Erkrankung in seinem Leben gespielt hat, das konnte man vorher nicht sehen. Man hatte nur die „Highlights“. Er selbst hatte viel beigetragen, um das zu verharmlosen. Wenn man die Briefe sieht, die er aus den Krankenhäusern schreibt, denkt man, es ist eigentlich alles toll, er ist nur in einem Sanatorium, um sich von der Erschöpfung zu erholen. Was da wirklich passiert ist, weiß man im Grunde erst durch die Krankenakten.

Welche anderen neuen Quellen gab es?

Durch einen Glücksfall sind Briefe aufgetaucht, die eine ganze Epoche in seinem Leben, die Berliner Zeit während des Ersten Weltkriegs, erhellen. Sie illustrieren seine erste große Liebe, im Grunde das Urmuster seiner Beziehungen zu Frauen. Schon damals ist es so, dass er die Rolle des kleinen Jungen an der Seite einer starken Frau einnimmt. Was umgekehrt nicht bedeutet, dass er auch als kleiner Junge nicht eine gewisse Dominanz in der Beziehung ausgeübt hätte, und vor allem, dass er ständig Affären hatte. Dann gibt es eine Reihe von Materialien, die erst jetzt genutzt werden konnten. In erster Linie ist das die Korrespondenz, die Fallada während seiner Zeit im Reichsarbeitsdienst mit seiner Frau geführt hat. 1943 wurde er eingeladen, als Major nach Frankreich zu kommen und sollte darüber schreiben. Diese Korrespondenz war bislang von den Nachfahren gesperrt gewesen. Der jüngste Sohn Falladas hat jetzt mit dem Abstand der Jahrzehnte im Zuge des historischen Interesses die Briefe freigegeben. Das konnte zum ersten Mal ausgewertet werden und zeigt ganz konkret, in welchem Maße Fallada auch von der Nazi-Indoktrination betroffen war.

Wenn man so viel über die Biografie eines Schriftstellers weiß, läuft man da nicht Gefahr, sein literarisches Schaffen auf die bloßen biografischen Zusammenhänge zu reduzieren?

Fallada ist ein Musterbeispiel für einen Schriftsteller, der nicht erfindet, sondern findet. Sein Vater hat im Familienkreis die Feststellung über ihn getroffen, er hätte eigentlich kein poetisches Talent, weil er nur beschreiben kann, was er selbst erlebt hat. Aber man muss dazu sagen, dass Fallada gerade dann am stärksten ist, wenn er beschreibt, was er selbst erlebt hat. Diese Sachen, die er übernimmt aus der Familiengeschichte, die überformt er natürlich literarisch. Seine Figuren entwickeln sich beim Schreiben selbst. Er hat das im Kopf und jetzt geschieht, was die Surrealisten als „écriture automatique“ beschrieben haben: Im Fortlauf des Schreibens entwickelt sich die Handlung nahezu unbewusst. Aber das passiert bei Fallada in einem hochempfindlichen, auf Figurenabläufe und Charakterisierungen hochspezialisierten Hirn mit einer unglaublichen intellektuellen Leistung. Er bringt es fertig, im Gefängnis ohne jedes Hilfsmittel ganze Romane zu schreiben, mit unzähligen Personen, Handlungsabläufen und Verwicklungen, die im ersten Kapitel vorgedacht sind und sich im letzten erst auflösen. Unglaublich, wirklich ein Riesentalent und leider in diese Zeitläufte hineingeboren.

Haben Sie ein Lieblingsbuch von Fallada?

„Der Trinker“ und „Wolf unter Wölfen“. „Der Trinker“ ist 1950 erschienen und gehört zu diesem Manuskript, das er in der Anstalt geschrieben hat, eine Mischung aus Psychiatrie und Gefängnis, wo er 1944 eingesperrt war. Das ist eine typische Fallada-Geschichte: schwacher Mann und starke Frau, aber die Frau lässt ihn das nicht merken. Und er gleitet immer mehr ab in die Trinksucht: Er fängt erst klein an mit einem Schlückchen hier und da und dann geht das rasant in die Katastrophe. Das ist toll geschildert. Und während des Schreibens kommt immer wieder ein Wärter, der Fallada über die Schulter schaut – „Was schreiben Sie denn da?“ – „Ein Märchen für meine Kinder“.

Das Gespräch führte Grit Weirauch

Peter Walther liest am Sonntag um 11 Uhr in der Villa Quandt aus seiner Fallada-Biografie. Die Veranstaltung ist ausverkauft. Eine Zusatzveranstaltung findet am 23. Februar um 20 Uhr statt. Es moderiert rbb-Inforadio-Redakteur Harald Asel.

ZUR PERSON: Peter Walther, geboren 1965, studierte Germanistik und Kunstgeschichte und promovierte 1995. Er leitet gemeinsam mit Hendrik Röder das Brandenburgische Literaturbüro in Potsdam.