Kultur : Persönliche Einblicke

Jana Simon las aus „Sei dennoch unverzagt“

Astrid Priebs-Tröger

Eine lange Schlange hatte sich am Freitagabend im neuen Bildungsforum Potsdam gebildet. Überwiegend Frauen im Alter zwischen 35 und 75 wollten sich die Buchvorstellung in der Reihe „Druckfrisch“ nicht entgehen lassen. Die „Zeit“-Journalistin Jana Simon stellte ihr jüngstes Buch „Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf“ vor. Und schon wenn man den Einband betrachtete, ahnte man, dass das Interesse nicht hauptsächlich ihr, sondern Christa und Gerhard Wolf galt.

Jana Simon, geboren 1972, ist das erste Enkelkind des prominenten Schriftstellerpaares. 1998 begann sie einen Dialog mit ihren Großeltern, der eigentlich als Familienprojekt gedacht war. Die damals 25-Jährige wollte mehr über ihre Herkunft und über das Leben der sogenannten Kriegskindergeneration wissen, um später ihren eigenen Kindern davon erzählen zu können. Die insgesamt sechs Gespräche, die sie mit Christa und Gerhard Wolf führte, begannen 1998 und endeten 2012.

Gleich zu Beginn der Lesung wurde deutlich, dass zwischen Jana Simon und ihren Großeltern ein besonderes Verhältnis bestand. Christa Wolf legte der 16-Jährigen 1988 ihre bis dahin erschienenen Bücher unter den Weihnachtsbaum, was diese nicht sonderlich begeisterte. Jana Simon sagte, sie hätte sich mehr über eine Madonna-Platte gefreut. Und doch verstaubte das Präsent nicht im Bücherregal, denn die Großmutter animierte ihre Enkelin zum Lesen, weil sie ihr in jedes Buch handschriftlich persönliche Notizen und Fragestellungen hineinschrieb. Das sei ihr wie ein Angebot vorgekommen, etwas über sich erzählen zu wollen, sagte Jana Simon.

Zehn Jahre später hat sie dieses Angebot aufgegriffen. Entstanden ist daraus ein sehr persönliches und authentisches Dokument über das Leben von Christa und Gerhard Wolf, die, obwohl sie dem realen Sozialismus bereits zu Beginn kritisch gegenüberstanden, der DDR bis zum Schluss die Treue hielten. Jana Simon, die fast ein halbes Jahrhundert später Geborene, fragt ihre Großeltern nicht als Journalistin, sondern als Enkeltochter, die vieles von dem, was diese erlebten und erlitten, nicht mehr nachvollziehen kann. Und weil sie ihnen keinen Druck macht, sondern beide wirklich verstehen will, entsteht eine Offenheit, die die beiden sonst wohl nicht zugelassen hätten.

Ihre Großmutter, sagte Jana Simon, hätte Interviews vor ihrer Freigabe immer sehr bearbeitet. Und so ein Bekenntnis wie „Ich weiß es nicht“, das sie ihrer Enkelin 2008 machte, als sie privat darüber sprachen, wie sie heute die Welt sieht, wäre ihr offiziell wahrscheinlich nicht über die Lippen gekommen. Es erschütterte und erleichterte zugleich, gerade in diesen Gesprächsausschnitten zu erleben, wie Christa Wolf, die als moralische und literarische Instanz in der DDR galt, auf ein normales menschliches Maß geschrumpft war. Berührend auch Christa Wolfs Erzählungen über die ersten Begegnungen mit ihrem Mann oder die Probleme, die sie in den 1950er-Jahren als junge arbeitende Mutter hatte.

Gefragt nach dem Glück und Unglück der Familie antwortete Jana Simon, dass sich politische Umbrüche und Krisen wie das 11. Plenum von 1965 oder auch die Wendezeit bei Christa Wolf immer in Krankheiten niederschlugen. Erstes endete in einer Depression und kurz vor dem Mauerfall erkrankte die Schriftstellerin an einer lebensbedrohlichen Bauchfellentzündung.

Aus dem fast andächtig lauschenden Publikum kam schließlich die Frage, ob in den Generationengesprächen eine gesellschaftliche Utopie entwickelt worden sei, was die Enkelin verneinen musste. Astrid Priebs-Tröger

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