• Performance-Festival im Rechenzentrum: Experimente gehören dazu

Performance-Festival im Rechenzentrum : Experimente gehören dazu

Im Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum läuft das 3. Performancefestival „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Peter Wagner hat es organisiert. Am Samstag stehen rund 15 Live-Acts auf dem Programm.

Astrid Priebs-Tröger
Peter Wagner vom "Kollektiv: Das Zelt" im Rechenzentrum Potsdam.
Peter Wagner vom "Kollektiv: Das Zelt" im Rechenzentrum Potsdam.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - In Bermudashorts, Sweatpulli und mit Dreitagebart kommt Peter Wagner angeradelt. Zurzeit hat der Regisseur viel zu tun, sein Smartphone klingelt andauernd und er stellt fest, dass er zeitgleich einen anderen Termin verpasst hat. Doch das lässt sich schnell einrenken – mit zurückhaltender Freundlichkeit und eindringlicher Präsenz. Der hochgewachsene 41-Jährige, der in Potsdam als Schauspieler unter der Intendanz von Eric Uwe Lauffenberg gearbeitet hat, organisiert jetzt seit vier Jahren das Performance-Festival „Ist das Kunst oder kann das weg?“.

Diesen Titel trägt es nicht erst seit Corona-Pandemie, sagt Wagner, der es gemeinsam mit Florian Schmidtke 2018 aus der Taufe gehoben hat. Beide sind Schauspieler und kennen sich aus dem Hans Otto Theater, wo sie in der Late Night Show-Reihe ab 2009 zusammenarbeiteten und danach in ihrer Freiberuflichkeit das Livehörspiel-Kollektiv „Das :zelT“ gründeten. „Kunst muss bedrohlich sein und frei, wehtun und Stellung beziehen“, steht – hier verkürzt wiedergegeben – als starkes Eingangs-Statement auf der :zelT- Kollektiv-Webseite. 

Geschlechteridentitäten und Alltagssexismus

Das Kollektiv und das Festival seien jedoch zwei völlig unterschiedliche Dinge, sagt Wagner, der auch als, Autor und Sprecher arbeitet, im PNN-Gespräch. Aber auch beim Festival geht es den ehrenamtlichen Macher:innen, zu denen Nadja Weigand, Kerstin Kusch, Tom Stelter, Ingo Sonsalla und Patrick Rost gehören, auch um Themen, „die wir aktuell für wichtig halten“, so Wagner. Wie zum Beispiel die künstlerische Auseinandersetzung mit Geschlechteridentitäten, Alltagssexismus oder „Wahrheit“. 
Das Festival selbst, das Kunst, Musik, Tanz und Theater gleichberechtigt nebeneinanderstellt, passt gut zu Wagner. „Ich will alles aufsaugen, was es so gibt“, sagt er, und dass er sich schnell langweile und „es nicht mag, wenn Dinge festgezurrt sind.“

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Es gibt vorher jedes Mal eine Ausschreibung, und er selbst spricht Leute an, die er kennt oder die ihm empfohlen werden. Doch wirklich kuratiert wird das Festival nicht. Und so steht dann jeder Beitrag für sich und diese nebeneinander. So nahbar wie möglich und niedrigschwellig will es außerdem sein. „Und man kann sich wirklich mit Sachen konfrontieren, die man sonst vielleicht gar nicht wahrnehmen würde.“

Diskussionen mit dem Publikum

„Das kann auch in die Hose gehen.“ Oder anders gesagt, Experimente gehören im subkulturellen Umfeld einfach dazu. Zuvörderst geht es um Vielfalt, Reibung und Konfrontation – und Peter Wagner diskutiert an den Festival-Abenden unermüdlich mit den Künstler:innen und Menschen aus dem Publikum. 
Seit 2001 lebt Peter Wagner mit einer vierjährigen Berlin-Unterbrechung in seiner Wahlheimatstadt Potsdam, mit der ihn so etwas wie eine „Hassliebe“ verbindet. Denn es gibt in der sanierten Landeshauptstadt, die in den 1990er-Jahren noch von einer vielfältigen Subkulturszene geprägt war, immer weniger Platz für die sogenannte alternative Kultur, die sich inzwischen nur noch im Freiland oder Rechenzentrum konzentriert. 

Und auch diese wenigen Räume seien bedroht. Dabei ist die (sub-)kulturelle Szene nach wie vor vorhanden, doch es fehlen ihren Akteur:innen Möglichkeiten zur Präsentation, zum gegenseitigen Kennenlernen und auch zur Vernetzung. In diese Lücke sprang das Festival, das damals an drei und heute an zwei Tagen stattfindet. Im überschaubaren Hof-Geviert des Rechenzentrums trafen vor Corona insgesamt bis zu 500 Leute zusammen – das ist in diesem Jahr nicht möglich – die sich generationenübergreifend von 18 bis 80 für alle Genres der Darstellenden Kunst interessieren.

Tanz und Puppentheater

Eröffnet wird das Festival am Freitag. Am Samstagabend gibt es auf zwei Bühnen und dem Platz vor dem Rechenzentrum rund 15 Live-Acts zu erleben. Das Angebot reicht von Tanzperformances über Puppentheater, von Zauberkunst über Parkour bis hin zu Lesungen, Hörspielcollagen und zahlreichen Konzerten. Für einige Künstler:innen ist es der erste oder sogar einzige Live-Auftritt vor Publikum in diesem Jahr. 

Diesmal finden auch drei Premieren statt: Die Tanzperformance von Anna Brückner & Nadia Waigand – nackig oder nackt?, in der sie sich als queeres Paar mit dem gesellschaftlichen Wandel in Bezug auf Sexualität auseinandersetzen, und die Theater-Performance "The Ring" von Juliane Götz und Donnie Corvalán sowie ein neues Kurzprogramm des Zauberkünstlers Christian de la Motte.

Peter Wagner, der selbst auch als professioneller Sprecher arbeitet, trat in ebendieser Funktion bereits am Eröffnungstag mit dem Jazz Art Ensemble Niedersachsen auf, das mit „In Wahrheit: Jazz!“ nicht nur die Texte deutscher Dichter vertont, sondern damit zugleich auch ein politisches Pamphlet abliefert. Komplettiert wird das Festival durch zwei Workshops aus den Bereichen Malerei, Grafik und Fotografie, die man heute besuchen kann. 

„Ist das Kunst oder kann das weg?" findet am 6. und 7. August im Innenhof und vor dem Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum in der Dortustraße 46 statt.
Das Programm finden Sie hier: https://www.performancefestival-potsdam.de/
Tagesticket: 12 € ,Tagesticket (ermäßigt): 8 € , Abendticket (ab 22 Uhr): 7 €

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