• Performance-Besprechung: Klub Girko trat beim Potsdamer Winterzirkus auf

Performance-Besprechung : Klub Girko trat beim Potsdamer Winterzirkus auf

Julian Vogel und Josef Stiller begeisterten mit ihrer originellen Holz-Performance beim dritten Potsdamer Winterzirkus-Abend im T-Werk.

Astrid Priebs-Tröger
Turmbau zu Potsdam. In der fabrik errichteten Julian Vogel und Josef Stiller (l.) einen Stapel aus Holz – um darauf zu balancieren.
Turmbau zu Potsdam. In der fabrik errichteten Julian Vogel und Josef Stiller (l.) einen Stapel aus Holz – um darauf zu...Foto: Jean Philipse/promo

Potsdam - Sie mögen es vor allem gegensätzlich: akkurat und chaotisch, laut und leise, ausbalanciert und wackelig. Und sie lieben Holz. Jede Menge davon war am Wochenende, 24. und 25. Januar, in der Performance des niederländischen „Klub Girko“ mit dem ungewöhnlichen Titel „122 x 244 – and a lot of little pieces“ im T-Werk zu sehen. Seit 2017 arbeiten Julian Vogel und Josef Stiller unter dem Label „Klub Girko“ zusammen.

Sie traten im T-Werk mit ihrer ersten gemeinsamen abendfüllenden Produktion in der neuen Reihe "Potsdamer Winterzirkus“ auf. Das heißt, sie waren eigentlich schon da, als das Publikum eingelassen wurde und bauten emsig und gedankenverloren einen Turm. So ähnlich wie bei dem bekannten Holz-Stapelspiel Jenga. Nur benutzten sie dafür nicht handtellergroße Spielsteine, sondern nahmen sämtliche Parkettriemen von einer der vier, vor ihnen auf dem Boden liegenden, gleichgroßen Holzflächen dafür. Stiller und Vogel arbeiteten so lange, bis die ehemalige Parkett-Fläche in einem rund 1,50 Meter hohen Turm aufging.

Auf diesen stapelten sie sogleich die anderen drei Holzflächen, von denen sich die eine aus gleichgroßen Querstreifen und die andere aus zwei Dutzend Latten zusammensetzte. Fläche Nummer vier kam im Ganzen obendrauf. Auf dieses jetzt tischartige, solid-fragile Gebilde stiegen die beiden jungen Typen, einer im grünen Hemd und der andere im roten Pullover mit hoher Konzentration und Balance hinauf. Und vollführten dort oben ihren ersten gemeinsamen „Tanz“ auf und mit dem Holz. Welche Körperbeherrschung, was für ein Teamgeist!

Neuer Zirkus im T-Werk.
Neuer Zirkus im T-Werk.Foto: Jean Philipse/promo

Neuer Zirkus im T-Werk

Julian Vogel, kurzhaarig und sonst Diabolo-Artist und Josef Stiller mit blondem Zopfdutt und solo Jongleur wollen ihre herausragenden Einzelbegabungen im Neuen Zirkus miteinander verbinden. Vor fast fünfzig Jahren entstand dieser in Frankreich als eine neue Form des Zirkus – Nouveau Cirque genannt – und erobert seitdem mit seiner Verschmelzung von theatralischen und akrobatischen Elemente die Welt.

„122 x 244 – and a lot of little pieces“ könnte man dem ersten Anschein nach als Performance für „Heimwerker, Bastler und DIY-Freaks“ bezeichnen. Doch dieser Eindruck täuscht, genauso wie der Film über industrielle Holzverarbeitung, der im T-Werk-Foyer zu Beginn über einen Bildschirm flimmerte. Denn ihre Liebe zum Stoff Holz leben die beiden Artisten nicht beim Sägen, Bohren, Kleben und Konstruieren aus, sondern mit ihren großartigen Balancefähigkeiten. Schon da oben auf dem Anfangs-Tischstapel kommen diese zum Tragen, genauso wie ihr wunderbares Aufeinander eingespielt sein. Dieses zeigt sich auch, als beide auf dem Handrücken immer wieder lange Latten balancieren oder Vogel völlig unter der großen Einzelplatte verschwindet und Stiller darauf herumtritt.

Klasse, wie Vogel das Gewicht und dessen Verlagerung von unten ausbalanciert. Diese „Nummer“ steigert sich schließlich in eine Akrobatikdarbietung. Beide stehen bzw. liegen mit den Rücken übereinander – und die riesige Holzplatte befindet sich dazwischen, ohne dass man bemerkt hat, wie dieser kraftvolle Balanceakt eigentlich zustande gekommen ist.

Klub Girko mit „122 x 244 – and a lot of little pieces“.
Klub Girko mit „122 x 244 – and a lot of little pieces“.Foto: Jean Philipse

Trockener Humor

Zwischen den hochkonzentrierten, schweißtreibenden Einzelaktionen werfen sich die beiden Männer jede Menge Holz immer wieder gegenseitig zu und lassen es dabei auch richtig krachen, denn neben der Biegsamkeit und der Starre des Materials fasziniert sie augenscheinlich und hörbar auch dessen Klang. So vollführen sie unter anderem mit den unzähligen Parkettriemen fast einen „Stepptanz“ durch den ganzen Raum oder lassen die Latten und Querstreifen immer wieder lautstark auf den Boden klatschen.

Und auch ihr trockener Humor, der sich in mehreren pointierten Aktionen, den jeweils anderen aus seiner Balance zu bringen, zeigt, würzt diese überaus originelle Performance kräftig. Die sich wie oben beschrieben aus vielen Gegensätzen speist. Zum Ende hin liegen sämtliche Parkettriemen chaotisch auf der Bühne verstreut. Und Julian Vogel sammelt diese emsig wieder ein, um daraus wieder akkurate Türme zu bauen, auf denen Josef Stiller dann mit großer Konzentration einbeinig steht.

Wunderbar, dass dieses junge einfallsreiche Duo beim „Winterzirkus“ zu Gast war, der an den kommenden beiden Wochenenden mit weiteren Vorstellungen fortgesetzt wird. Am 31. Januar und 1. Februar ist dort das international bekannte, clowneske Jonglage-Duo „Spot the drop“ zu erleben.