• „Paradise Now“ in der Potsdamer fabrik: Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

„Paradise Now“ in der Potsdamer fabrik : Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

„Paradise Now“ von Regisseur Michiel Vandevelde gastierte in der Potsdamer fabrik und ging der westeuropäischen Geschichte nach.

Astrid Priebs-Tröger
Spürbare Leidenschaft. 
Spürbare Leidenschaft. Foto: Kurt van der Eist/promo

Potsdam - Gereckte Fäuste, geweitete Augen, schreiende Münder. Menschengruppen, die triumphierend beieinanderstehen oder gefesselt am Boden liegen. Im Tanzstück „Paradise Now“ von dem Regisseur Michiel Vandevelde, das am Freitag- und Samstagabend in der fabrik gastierte, stellten 13 jugendliche Performer von dem belgischen Theater Fabuleus in stummen tableaux vivants, lebenden Bildern also, ein halbes Jahrhundert westeuropäischer Geschichte nach. Und riefen damit die gleichnamige Originalversion von The Living Theatre aus dem Jahr 1968 in Erinnerung.

Ähnlich wie die 16-jährige schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg, die im Januar auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos den Zustand der Welt mit „Unser Haus brennt“ beschrieb, sprechen die Jugendlichen gleich im Prolog von „troubling and turbid times“, beunruhigenden und trüben Zeiten, und fragen danach, was zu tun ist. Anhand von 50 ikonischen Bildern leiten die jungen Darsteller das Publikum zum Jahr 1968. Das Vietnamkriegsmassaker von My Lai deuten sie an, den Boxkampf zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier oder den Women's March von 2017. Aber auch das legendäre Woodstock-Festival, das erste iPhone oder das Titanic-Liebespaar Jack und Rose von 1997 kommen in der dichten Bilderfolge vor.

Kriegerische Zeiten

Diese Jugendlichen, die die Enkel der sogenannten 68er-Generation sind, – das wird einem im Verlauf dieser fotografischen Erinnerungen schlagartig bewusst – leben tatsächlich in bewegten und vor allem kriegerischen Zeiten. Sie haben neben dem Kalten auch den Vietnam-, den Bosnien-, den Irak- oder den Syrienkrieg in ihrer DNA. „Momentan gibt es keine Alternative für diese Welt“, sagt einer von ihnen im Stück und es klingt mehr als hoffnungslos. Denn aus „make love not war“ ist ein langer Marsch durch die Institutionen geworden und der kreative und widerständige Geist der 68er-Bewegung erstickte dabei auch in den bürokratischen Mühen der Ebenen.

Im ersten Teil von „Paradise Now“ wird dieses Ersticken fühlbar. Die körperlich wunderbar unterschiedlichen Darsteller in farbiger Streetwear verkörpern perfekt und distanziert zugleich die fotografischen Oberflächen. Man erkennt wesentliche Momente wieder – doch man fühlt sie nicht.

Das ändert sich, als die jungen Frauen und Männer im Jahr 1968 und bei der legendären Performance „Paradise Now“ des Living Theatre angekommen sind. Sie stürzen sich couragiert auch in die Nachstellung dieser ganzkörperlich orgiastischen Theaterarbeit. Und: die Energie, mit der die Hippie-Großeltern zur Revolution bewegen wollten, ergreift jetzt sie. Die Darsteller rollen in der fabrik wie in Ekstase über den Boden, tanzen walpurgisnachthaft im Kreis, lassen immer wieder lüstern ihre Zungen kreisen und nehmen sich lustvoll und erschöpft in die Arme. Eigene Körpergrenzen verschwimmen, das gelöste Individuum ergießt sich in die Gruppe und das gemeinsame Energielevel steigt, steigt und steigt.

Tiefste Sorgen und Gedanken

Und auch die große Erschöpfung, die darauf folgt, wird sicht- und fühlbar. Wenig später stellen sie die anfängliche Bilderfolge noch einmal in umgekehrter Reihenfolge her. Was für ein Unterschied! Sie haben sich berühren lassen und berühren. Umso mehr im dritten und letzten Teil der von Kristof van Baarle dramaturgisch perfekt gebauten Performance. Jetzt haben die dreizehn ihren eigenen Raum erobert, in den sie auch die Zuschauer aus dem Theaterraum einladen, nachdem sie vorher direkt zwischen diese in die Reihen gesprungen sind, um dort zu tanzen und zu umarmen. 

Im Zwielicht mit Zuschauern auf dem Boden liegend, offenbaren Aron, Anton, Lore, Esra, Bavo, Abigail, Zulaa, Wara, Bo, Jarko, Judith, Margot und Sarah ihre eigenen tiefsten Sorgen und Gedanken. Sie schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Sanftheit und Aufruhr. Das ermöglicht einen ungemein berührenden Einblick in die Verfasstheit dieser Enkelgeneration, die ganz am Ende von „Paradise Now“ sagt: Für uns ist die Gegenwart die schwierigste Zeit, in der wir leben.