Kultur : Originale

Lange Nacht des Offenen Kunstvereins

Astrid Priebs-TrögerD

Shoppend, Bratwurst essend und Glühwein trinkend schiebt sich eine riesige Menschenmenge durch die Innenstadt. Doch nur wenige Meter von der Brandenburger Straße entfernt, auf der wie immer um diese Zeit der längste Weihnachtsmarkt der brandenburgischen Landeshauptstadt tobt, herrscht fast besinnliche Adventsstille. Nur wenige Menschen nehmen den „Umweg“ über die Gutenbergstraße, um vielleicht an solche Ziele zu gelangen, die eine Alternative zum alljährlichen vorweihnachtlichen Konsumterror bieten.

Doch ruhig und menschenleer ist es an diesem Samstagabend auf dem Gelände des Kunstwerkes in der Hermann-Elflein-Straße auch nicht. Auf drei Etagen und in der KUZE-Kneipe findet hier die lange Nacht des Offenen Kunstvereins statt. Zu Theateraufführungen, einer Feuershow, Poetry Slam, Filmen, Konzerten und Lesungen haben die rührigen Macherinnen um Ewa Kowalski, Sabine Raetsch und Ulrike Schlue eingeladen.

Und schon eine halbe Stunde, bevor der Poetry Slam überhaupt losgehen soll, sind nahezu alle Sitzgelegenheiten im Theatersaal mit Menschen oder Kleidungsstücken belegt.

Hier wartet eine Schar Eingeweihter gespannt auf das, was kommen soll. Um dem Andrang Herr zu werden, geben die Veranstalter kurz vorher sogar noch die Bühne für die etwa 90 jungen und jung gebliebenen Zuhörer frei. Zwei Stunden lang folgen die mit großem Amüsement den tiefsinnigen und kurzweiligen Wettbewerbsbeiträgen von insgesamt zehn Slamern, die in ihren selbst geschriebenen Texten wirklich originelle Gedanken bieten, die allesamt frappante Wortakrobaten sind und dazu auch noch gekonnt vortragen können.

Bei Jana kriegt nicht nur der Potsdamer Weihnachtsmarkt sein Fett weg, Julian und Tommy watschen in einer großartigen Dialoglesung Bayern so richtig ab und der durch das Publikum gekürte Gewinner Felix überzeugt nicht nur mit seiner „Eheballade“ sondern auch mit seinem überaus skurrilen Traum, in dem der Deutschen größter Dichter ein wesentlicher Protagonist ist. Fast parallel zum Slam liest Oma Helga, die Mutter von Sabine Raetsch, im obersten Ausstellungsgeschoss vor der Kunstwerkfamilie eine witzige und berührende Weihnachtsgeschichte.

Hier gibt es auch leckeres Essen, den ganzen Abend lang improvisierte Klaviermusik und eine nicht ganz ernst gemeinte Tombola. Am Stand mit Grafiken und selbst gestalteten Kalendern kann man die Ergebnisse der Grafikwerkstatt des Vereins bewundern und gestalterische Kleinode mit lauter Originalen erwerben. In Siebdrucktechnik haben Kinder und Jugendliche die bekannte Geschichte von der „Schönen und dem Tier“ illustriert. Bisher unbekannt war dagegen die extravagante Geschichte vom Fliegenhirten und einer Herde Fruchtfliegen, die Philipp Baumgarten erdachte und gemeinsam mit Max Buschner in Szene gesetzt hat. Ein menschlicher Tannenbaum, die gegenwärtige Krise und der Mittelstand sowie ganz viel Obst spielten darin eine Zwerchfell erschütternde Rolle. Bei so viel originellen Ideen und der ungemein entspannten Atmosphäre wünscht man sich unbedingt eine Fortsetzung der Langen Nacht im nächsten Advent.

Astrid Priebs-Tröger

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