• Oksana Mas' Kunst in Potsdam: Altar der Nationen

Oksana Mas' Kunst in Potsdam : Altar der Nationen

Oksana Mas schuf ein Prisma, das aus 380 000 Holzeiern besteht, bemalt von Menschen aus 42 Ländern. Zu sehen ist es in der Potsdamer Stubenrauchstraße.

Oksana Mas stellte schon in Venedig auf der Biennale aus. Jetzt zeigt sie erstmals in Potsdam ihre Arbeiten.
Oksana Mas stellte schon in Venedig auf der Biennale aus. Jetzt zeigt sie erstmals in Potsdam ihre Arbeiten.Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Sechs Meter hoch und damit höher als die Grenzanlagen, hinter denen der Griebnitzsee einst verschwand, ist das Kunstwerk am Seeufer. Unterhalb der Stubenrauchstraße findet man an der Stelle bereits Mauerteile mit Bildern von Kiddy Citny. Nun wird diese kleine Galerie temporär erweitert: mit dem riesigen Prisma der ukrainisch-internationalen Künstlerin Oksana Mas.

Initiator des Kunstprojekts ist die S&P Sahlmann Planungsgesellschaft für Bauwesen. Sie nutzt ihren Firmensitz in der Stubenrauchstraße, im ehemaligen Grenzgebiet, erstmals für eine Ausstellung. „Grenzenlos. Was verbindet“ zeigt neben der Skulptur auch Malerei und Skulpturen, die in den Geschäftsräumen ausgestellt werden. Dass hier von 1961 bis 1989 unter Umständen scharf geschossen wurde, ist angesichts der bunten, weithin leuchtenden Kunst im heute grünen Uferstreifen nur noch schwer vorstellbar.

Tausende bemalte Holzeier

Das Prisma von Oksana Mas besteht aus drei senkrechten, im Dreieck angeordneten Seiten, sechs mal sechs Meter groß. Diese Holzplatten sind das Trägermaterial für die eigentliche Kunst: Tausende hühnereigroße, bunt bemalte und lackierte Holzeier, die dicht an dicht aufmontiert wurden. Das ist schon an sich ein Hingucker. Wuchtig durch die Gesamterscheinung, aber durch das Mosaikhafte, das an das pixelige Sehen des Auges anknüpft, in sich wiederum fragil und zart. Und erst, wer zurücktritt, erkennt das Ganze, die großen Bildmotive der Wände. „Für den besten Blick schwimmt man raus auf den See und überwindet die alte Grenze“, schlägt Oksana Mas vor.

Denn der bunte Blickfang erzählt eine ganze Philosophie und Tausende damit verwobener Geschichten. Die des Kunstwerks an sich beginnt in Gent in Belgien. Hier sieht Mas, die in Odessa Kunstwissenschaften, aber auch Philosophie und Religionswissenschaft studiert hat, den Genter Altar, ein monumentales dreiflügeliges Altarbild von Jan van Eyck und Hubert van Eyck aus dem 15. Jahrhundert, das als eines der ersten Zeugnisse der Aufklärung gilt. In Venedig erlebt Mas später die Restaurierung eines Kirchen-Mosaiks. Sie kann über Gerüste laufen und der Kunst, zum Beispiel Heiligen-Gesichtern, plötzlich ganz nah sein. Der Mensch werde angesichts der Dimensionen und der Göttlichkeiten ganz klein. „Das wollte ich zusammen bringen“, sagt Mas. Der Mensch in seiner Winzigkeit als Teil des Großen Ganzen.

Oksana Mas wählt für ihre Prismen besondere Ausschnitte. 
Oksana Mas wählt für ihre Prismen besondere Ausschnitte. Foto: Ottmar Winter

Wünsche, Träume, Ängste

Ihr „Altar der Nationen“, wie das Prisma heißt, besteht aus 380 000 Holzeiern, die sie von Menschen aus der ganzen Welt, aus 42 Ländern, und mit den unterschiedlichsten sozialen Hintergründen bemalen ließ. Das Ei, uraltes Symbol für Extrakt, Konzentration des Lebens, „das ursprüngliche Energiebündel“, sagt Mas, sollte durch die Bemalung eine Botschaft angetragen bekommen. Dadurch wird es zum Träger eines geheimen Codes. „Die Leute sollten ihre Wünsche, Träume, aber auch Ängste, Sorgen und Sünden, was sie belastet, aufmalen“, sagt die Künstlerin. Der so entstandene Bildkosmos enthält eine riesige Vielfalt an Symbolen und Mini-Bildgeschichten, persönliche Schicksalsschläge, verschlüsselt in ein Bildchen, oder Aussagen zu Liebe und Sexualität, Familie, Umwelt, Natur, Religion und Kunst.

Diese Eier wiederum hat Mas wie Mosaiksteine zu Ausschnitten jener Genter Altarbilder zusammengesetzt. Aber das sieht man nur aus einiger Entfernung: Ikonenhafte Gesichter der Heiligen. Dabei wählte sie besondere Ausschnitte: Das Gesicht der Gottesmutter Maria endet unterhalb der Nase und spielt mit der gefestigten Erwartungshaltung des Betrachters. Dieses Teilgesicht unterm Kopftuch könnte plötzlich auch eine Muslima sein. Vom nackten Adam wählte sie lediglich seine überdimensionale Hand, die ein Feigenblatt vors Geschlecht hält: ein Motiv, das hier am See eine zusätzliche Bedeutungsebene bekommt.

Weitere Kunstwerke im Bürogebäude

Der Uferbereich ist an dieser Stelle frei zugänglich. Bis in den Herbst hinein, solange es die Witterung erlaubt, soll dieser „Altar der Nationen“, der zu einer ganzen Reihe weltweit ausgestellter Ei-Mosaik-Plastiken gehört, in Potsdam bleiben. Im Bürogebäude in der Stubenrauchstraße wird dazu Weiteres von Oksana Mas gezeigt: eine Auswahl an Malerei, knalliges Acryl, Abstraktes als auch Figürliches und einige Skulpturen. So hat sie wuchtige Automotoren verarbeitet, einen mit flüssigem Glas begossen, einen anderen in lindgrünen Samt eingenäht. Das Ergebnis sind provozierende Kontradiktionen, die Gedankenspiele um Weichheit, sterile Technik, Temperaturen und Verschmelzungen anstoßen.

Sehr skurril: zwei liegende Autoreifen, deren Profile beklebt wurden. Einer mit zahlreichen von ihm abstehenden Stacheln, die bei genauem Hinsehen ziemlich lebensecht modellierte, menschliche Finger sind. Der zweite ist mit einer Art Patchworkhaut bezogen, die ein Flickenteppich aus Vaginas darstellen soll. Plattgemacht. Mensch und Technik, Mann und Frau, Oben und Unten. Kraft, Kreislauf, Ewigkeit. Alles eine Sache der Interpretation. Es ist das erste Mal, dass die renommierte Künstlerin in der Landeshauptstadt ausstellt. Die 49-jährige Oksana Mas ist zur Eröffnung aus ihrem derzeitigen Lebensmittelpunkt Spanien nach Potsdam gekommen. Zum ersten Mal erlebt sie zudem ihr monumentales Werk in der Natur. Bisher stand es auf städtischen, urbanen Plätzen. 2011 zeigte sie es auf der Biennale in Venedig. Immer umgeben von Stadtarchitektur. „Hier ist es paradiesisch“, sagt Mas. Das passe doch gut für einen Altar.

„Oksana hatte Potsdam bisher nicht auf ihrer Kunstlandkarte“, sagt ihr Berliner Galerist Jürgen Mewis. Der Kontakt zum Bau-Planungsbüro S & P war über persönliche Verbindungen entstanden. „Architekten und Ingenieure machen Baukunst, das passt doch“, sagt Geschäftsführer Timo Jacob. „Ohne die bildende Kunst sind auch wir nichts.“ Man wolle über weitere Ausstellungen nachdenken. „Kunst verbindet uns alle.“ Grenzenlos.

Zu sehen am Ufer des Griebnitzsees unterhalb der Stubenrauchstraße. Bis zum Herbst sind weitere öffentliche Führungen, auch durch das Haus, in Anwesenheit der Künstlerin geplant. Termine und individuelle Besichtigung bitte per Mail anfragen unter: [email protected]