Kultur : Ohne Sicherheit

Choreografinnen aus Korea und Polen im Doppel

Astrid Priebs-Tröger

Der zweite Doppelabend bei den Tanztagen gehörte am Sonntag ganz den Frauen. Die Südkoreanerin Kyung-Ae Ro und die Polin Malgorzata Haduch passten wunderbar zusammen, nicht nur, weil sie beide in den Niederlanden studiert haben und in ihren Heimatländern zu den Nachwuchstalenten im Bereich Choreografie zählen, sondern auch, weil sie bekanntes Terrain verlassen und sich auf die Suche nach dem Unkonventionellen begeben.

Kyung-Ae Ro hat sich in ihrer Performance „Unspezific Language“ dafür interessiert, wie es sich anfühlt, nicht in Balance oder Kontinuität zu sein. Ihre drei Performerinnen Eon Jin Jeong, Rai Kyung Lee und Hee Seung Lee – nur eine von ihnen ist professionelle Tänzerin, die anderen arbeiten als Schauspielerin und Grafikdesignerin – verlassen immer wieder das Gleichgewicht, meiden die Stabilität. Es kostet sie auf der hellerleuchteten Bühne viel Kraft, festen Boden unter die Füße zu kriegen, nicht zu straucheln oder im Kreis zu taumeln. Die Choreografin sagte im Zuschauergespräch, dass es sie inspiriert habe, wie kleine Kinder laufen lernen, nämlich genau die Phase, wo sie sich erst langsam in der Ausbalancierung des aufrechten Ganges zu Hause fühlen.

Ziemlich provozierend wirkte die Sequenz, in sich eine Performerin bemüht, genau diese Stabilität zu erlangen, während die andere, sie scheint einer anderen Spezies anzugehören, lässig daneben steht und Zähne putzt. Als sich aggressiver maschinenähnlicher Lärm über das in viele kurze Sequenzen zerfallende Geschehen auf der Bühne legt, hat man fast das Gefühl, dass die Kakophonie der Geräusche eine ebensolche in den Bewegungen auslöst. Und es scheint, als sei die Performerin mit dem rotierenden Kopf ein Teil eben dieses Geräusche erzeugenden technischen Monstrums.

Dieser Teil des „Frauenabends“ erlebte Sonntag seine Deutschlandpremiere und Sven Till, der Kyung-Ae Ro auf einem Nachwuchstanzfestival in Seoul entdeckt und nach Potsdam eingeladen hat, hofft, dass sich in den kommenden Jahren eine kontinuierliche bilaterale Zusammenarbeit entwickeln lässt. Die wünschte man sich als Zuschauer auch, als die polnische Tänzerin und Choreografin Malgorzata Haduch ihr Solo „Zona Segura“ (Sichere Zone) getanzt hatte. Ihre Choreografie beeindruckte neben den expressiven tänzerischen Ausdrucksmöglichkeiten Haduchs vor allem auch durch das ausgeklügelte Licht- und Sounddesign (Licht: Jan Cybis).

Da wechselten völlige Dunkelheit und schmerzend kalte Helligkeit mit Phasen, in denen eine rote Warnleuchte den schwarzen Bühnenraum förmlich mit Unheil überzog oder ein einzelner Scheinwerfer die Schönheit des nackten Tänzerinnenkörpers verstärkte. Licht und Musik (Andy Moore, DJ Rupture, Kaffe Matthews) spiegelten und erzeugten kongenial die inneren Zustände der Tänzerin, die von angsteinflößendem Ausgeliefertsein bis hin zu unbeschwerter, beinahe kindlicher Gelöstheit erzählten. Ihre Schultern zuckten wie ungebändigt, und sie versuchte mit einem verzerrten Lächeln im Gesicht, die emotionale Balance aufrecht zu erhalten. Dies ereignete sich in minutenlanger Dunkelheit und ließ die Zuhörer auch die „dunklen“ weiblichen Qualitäten und Freiheiten hautnah miterleben. Aus dieser jedoch nur scheinbar „sicheren Zone“ begab sich die Tänzerin danach völlig nackt ins kalte gleißende Neonlicht und setzte sich von Neuem den Blicken der Außenwelt aus.

Zwanzig Minuten voller starker Kontraste und konträrer Gefühlszustände, die die Zuschauer mit eigenen Ängsten und Untiefen intensiv konfrontierten. Genauso stark wie die Tänzerin, die mit ihrem kräftig gebauten weiblichen Körper so gar nicht dem heutigen Magerkeitswahn entspricht. Hohe Konzentration des Publikums und langanhaltender Beifall für beide Aufführungen machten auch diesen Doppelabend zu einem lange nachwirkenden Erlebnis.Astrid Priebs-Tröger

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