Kultur : Ohne Ausweg

Nicole Beutlers und Ulrike Quades „Antigone“ bei den Tanztagen

Chantal Willers

Die Tragödie ist immer eine todsichere Sache. Jeder spielt seine Rolle, kann aber vollkommen beruhigt sein, weil er weiß, dass es keinen Ausweg geben wird. Eine Tragödie ist immer eine besonders dramatische Sache. Auch nach Jahrhunderten ändert sich ihr Verlauf nie. Mit „Antigone“ wurde nun eine der ältesten Tragödien der Geschichte von Nicole Beutler und Ulrike Quade als Puppenspiel neu inszeniert und auf die Bühne der 23. Potsdamer Tanztage im T-Werk gebracht.

Das Erste, was man spürt, ist Faszination. Die Faszination darüber, wie die sanften Bewegungen, die zunächst nur im leichten Hin- und Herwenden des Kopfes zu sehen sind, sich immer weiter in den Puppenkörper ausbreiten. Das Zucken wandert den linken Arm hinauf, um schließlich in dem klappernden Rucken der Hand zu münden. Das Zweite, das man spürt, ist Unbehagen. Wenn die Puppe, zwar von der Hand des Tänzers bewegt, ein Eigenleben zu entwickeln scheint. Mit ihm in eine stumme Konversation tritt, den bittenden Blick gehoben, auch dem rechten Arm noch Leben einzuhauchen. Es ist ein beklemmendes Gefühl, denn schon bald gilt der Blick, völlig losgelöst vom eigentlichen Tänzer, nur noch der Puppe. Schon beinahe mag man eine Veränderung der Mimik in ihrem Gesicht erkennen.

Doch ist das natürlich alles Quatsch, denn auf der Bühne sind einzig Silke Hundertmark, Cat Smith und Pere Faura für die Bewegungen verantwortlich. Ihrer eigenen und die ihrer Puppen.

Die Geschichte von Antigone ist altbekannt. Nach dem Tod ihres Bruders Polyneikes müssen die Schwestern Antigone und Ismene entscheiden, ob sie dem Bestattungsverbot trotzen und damit ihr eigenes Leben riskieren oder dem Gesetz folgen und damit ihre Liebe und Familienehre verletzen. Antigone, die ihr eigenes Leben aus Liebe aufs Spiel setzt, stirbt und Ismene muss fortan mit ihrer Entscheidung leben.

In dieser Inszenierung von „Antigone“ ist es Nicole Beutler und Ulrike Quade gelungen, neue Facetten des klassischen Textes an die Oberfläche zu holen. Bedrückender und tatsächlich auch ein wenig unbehaglich, wenn sich die erhängte Puppe der Antigone halb im Licht, halb in Schatten getaucht, in vollkommener Ruhe um sich selbst dreht. Doch die Beklommenheit gehört zu dieser Interpretation der bekannten Tragödie von Anfang an dazu, denn das Einzige, was den Protagonisten am Ende bleibt, ist die Gewissheit, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Chantal Willers

Am heutigen Dienstag und morgigen Mittwoch, jeweils um 20 Uhr, ist „Gravel Works“ von Frédérick Gravel in der „fabrik“ in der Schiffbauergasse zu erleben. Weitere Informationen zum Programm unter www.fabrikpotsdam.de