Kultur : Ode an die Schwerkraft

Astrid Priebs-Tröger

Herbst ist Erntezeit. So auch in der fabrik. Bereits zum dritten Mal präsentieren dort junge internationale Tänzer, Choreografen und Performer die Ergebnisse ihrer Potsdamer Residenzen. Und sie können eine reiche und vielgestaltige „Ernte“ einfahren. Denn die Vielfalt zeitgenössischer Choreografie und Performance wurde schon am Eröffnungsabend am Mittwoch überzeugend dargeboten.

Drei unterschiedliche Programmteile waren in 100 Minuten zu erleben. Der junge ecuadorianische Tänzer und Choreograf Fabián Barba kreierte einen Tanzabend, wie er in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hätte stattfinden können. Der Zuschauerraum der „fabrik“: Ein schwerer rotsamtener Vorhang und filigrane Lüster zitierten die Vergangenheit. Und als der androgyne Tänzer in die Kleider und die Bewegungen Mary Wigmans, einer der Pionierinnen des modernen Tanzes, kongenial schlüpfte und einen Abend aus Teilen von Wigmans „Schwingende Landschaft“ (1929), den „Visionen“ und der „Feier“ (1926) kreierte, war die Illusion beinahe perfekt.

Seit mehreren Jahren beschäftigt sich der „Urenkel“ – er wurde 1982, und damit fast 100 Jahre nach Wigman, in Quito geboren – mit dieser herausragenden Vertreterin des Modern German Dance. Er hat aus wenigen erhaltenen Filmaufnahmen, zeitgenössischen Zeitungskritiken und Notaten der Meisterin ihre aufsehenerregenden expressiven Figuren rekonstruiert und mit Einfühlung und Eleganz einstudiert, die bei der Potsdamer Deutschlandpremiere bejubelt wurden. Sie beeindruckten ebenso wie die raumgreifenden Choreografien der Meisterin und das am damaligen deutschen Film orientierte Beleuchtungs- und Schatten(spiel)konzept.

Dass man sich der Illusion nicht vollständig hingeben konnte, ist nicht nur den vielen Umziehpausen – Barba präsentierte neun eindrucksvolle Kostüme der Tänzerin – sondern vor allem der ganz individuellen Ausstrahlung des Urenkels zu verdanken. Bei aller Werktreue wurde deutlich, dass Wigman in seinem Körper zwar auch Spuren hinterlassen, aber der moderne Tanz sich in vielfältige andere Richtungen entwickelt hat. Zwei Kostproben dieser Entwicklungen wurden nach der Pause dargeboten. Dass die zehnminütige Notation „Vom Blatt 1“ etwas mit Tanz zu tun haben sollte, erschloss sich nicht auf den ersten Blick, zumal eine Akteurin (Sabine Ercklentz) im Programm auch als Komponistin aufgeführt war.

Sie „erspielte“ zusammen mit der Choreografin Antonia Baehr eine Partitur der besonderen Art und machte sehr humorvoll klar, dass es wenig bringt, sich sklavisch an das Geschriebene zu halten. Ganz anderen Zusammenhängen widmeten sich drei weitere Erben Mary Wigmans. Hermann Heisig, Nuno Lucas und Irina Müller trieben den Drang des Menschen, immer höher hinaus zu wollen, mithilfe ihrer durchtrainierten Körper und unzähliger Schaumstoff-‚Bierdeckel'' auf die berühmte Spitze. Anfangs streben allein ihre extrem unterschiedlichen Körper springend, kletternd und ringend in die Höhe. Doch anstelle von Gottgleichheit stellt sich, da auch viel Egoismus im Spiel ist, zunehmende Ermattung ein.

Doch der Mensch in seinem „Höher – Schneller – Weiter“ lässt sich nicht so schnell von der Schwerkraft entmutigen und ist sogar zur Zusammenarbeit bereit, wenn Höhe unumschränkte techno- und ideologische Macht impliziert. Das war großartig und witzig auf den Punkt gebracht und als Ode an die eigentliche Herrscherin, die Schwerkraft, sehr locker anzusehen. Astrid Priebs-Tröger

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