Kultur : Nur ungebrochene Biografien

Der Verein „Sichten und Ansichten e. V.“ porträtierte Brandenburger, die zur Wende Jugendliche waren

Astrid Priebs-Tröger

„Meine Kindheit verbrachte ich beschaulich im Schatten der Mauer.“ „Meine Kindheit war sehr schön und unbeschwert.“ „Ich verbrachte eine gute Kindheit.“ So oder ähnlich beginnen die meisten der dreizehn Berichte, die in der 84-seitigen Broschüre „Junge Brandenburger im Porträt. Wie die friedliche Revolution ihre Kinder entließ“ versammelt sind. Der Potsdamer Verein „Sichten und Ansichten e. V.“, der 2008 gegründet wurde, hat sie am Montag während eines Pressegesprächs vorgestellt.

Mit dieser Publikation will er „insbesondere junge Menschen motivieren, ihre Lebensbedingungen aktiv mitzugestalten und sie ermutigen, sich für unser Gemeinwesen zu engagieren.“ Das schreibt die Vereinsvorsitzende Simone Ahrend im Vorwort, die zudem gemeinsam mit Politikwissenschaftler Tino Erstling das Projekt über ein Jahr lang als Fotografin realisierte. Beide haben, wie sie beim Gespräch sagten, vor allem Menschen aus ihrem Bekanntenkreis befragt, die zur Wendezeit zwischen 13 und 16 Jahre alt waren.

Dabei fällt auf, dass keiner der Befragten ernsthaft mit dem in der DDR bestehenden System kollidierte. Das mag zum einen daran liegen, dass die Porträtierten sehr jung waren, aber es liegt auch daran, dass es den Autoren nicht gelang, wirklich vielfältige Lebenswelten von Eltern widerzuspiegeln. Nahezu alle Kindheiten spielten sich im ländlichen Brandenburger Raum ab, und die sozialen Milieus sind ähnlich (klein-)bürgerlich. Man vermisst Geschichten von sogenannten unangepassten Familien, beispielsweise aus dem kirchlichen, umweltpolitisch engagierten oder künstlerischen Milieu oder aus den Großstädten. Stattdessen haben alle Kinder gern bei den Pionieren mitgemacht, die politische Indoktrination erst weit nach der Wende oder gar nicht mitgekriegt. Keiner der Befragten erzählt von „gebrochenen“ Biografien aus seinem Umfeld.

Somit entsteht der Eindruck, dass das Leben im Osten vor allem beschaulich, erträglich reglementiert und sozial ausgeglichen war. In den Elternhäusern wurde gar nicht oder nur punktuell über Politik oder die schlechte Versorgungslage diskutiert. Und wenn sich Ansätze in den Gesprächen zeigen, z. B. bei der heutigen Radiojournalistin Britta Streiter, dann haben die Interviewer nicht nachgefragt. Denn dass der Vater Parteimitglied und ihre Mutter kirchlich geprägt war, brachte öfter Konflikte im Alltag mit sich, die hier ausführlicher hätten erzählt werden können. Schade, denn so plätschern die Erzählungen der sechs Frauen und sieben Männer ohne Höhepunkte vor sich hin. Eine Fehlstelle ist auch, dass es nicht gelang, jemanden zu interviewen, der sich heute gar nicht mit der neuen Zeit arrangieren kann beziehungsweise. unter Arbeitslosigkeit, sozialer Ausgrenzung leidet oder einfach andere Lebensziele hat.

Die Maueröffnung kam für die meisten überraschend. Lediglich das bunte Warenangebot und die Reisemöglichkeiten spiegelten für sie damals die neue Freiheit. Nur die jetzige Lehrerin Grit Oehmke erzählt von ihrem früh erwachten Interesse für Politik, sie „beschäftigte sich mit dem Grundgesetz und war unglaublich stolz, wählen zu gehen“, für alle anderen verlief der Alltag ziemlich schnell wieder in normalen Bahnen. Sie absolvierten Ausbildungen, gingen studieren und arbeiten heute zumeist hart, um ihre inzwischen gegründeten Familien mit einem guten Lebensstandard zu versehen.

Von keinem der Befragten hört man etwas von gesellschaftlichem Engagement, mit Ausnahme der SPD-Politikerin Klara Geywitz, die „ein gewisses Helfersyndrom antreibt“, sich politisch zu engagieren. Oder haben die Interviewer auch hier nicht nachgefragt? Denn es erschreckt schon einigermaßen, dass die meisten der heutigen Mittdreißiger so wenig über den eigenen Tellerrand gucken und vor allem in den Dimensionen guter Job, eigenes Haus und Ausbildung für die Kinder denken. Missstände hierzulande werden nur am Rande und vorsichtig verbalisiert.

Wie soll bei so einem Leseeindruck die im Vorwort formulierte Zielsetzung, Jugendliche zu motivieren, sich für unser Gemeinwesen zu engagieren, erreicht werden? Das Einzige, was bei den meisten, die in beiden Systemen leb(t)en, ungebrochen funktioniert, scheint die Leistungsorientierung zu sein, die ja schon zu DDR-Zeiten mit öffentlichen Belobigungen beim Fahnenappell hoch motiviert wurde. Astrid Priebs-Tröger

Die Broschüre kann unter www.sichtenundansichten.de für eine Schutzgebühr von 5 Euro bestellt werden

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