Kultur : Noch Whisky?

Heiner-Müller-Lesung im Kunsthaus „sans titre“

Daniel Flügel

Eine Waffe war auf Joerg Waehner gerichtet, als er am 1. Dezember 1991 Heiner Müller interviewte. Arg verkatert saß er an diesem Vormittag in Müllers Neubauwohnung und blickte in den Lauf einer Beretta, die auf dem Glastisch neben Müller lag. „Relikt einer Theaterinszenierung“, beruhigte Müller mit einem Grinsen unter dem dicken Brillenrahmen, die Haare nach hinten gekämmt und an der obligatorischen Zigarre saugend seinen Gast. Es hätte nur noch der Whisky gefehlt, doch war es an jenem Adventssonntag wohl noch zu früh. Am letzten Freitagabend allerdings, bei einer szenischen Lesung im recht gut besuchten Kunsthaus „sans titre“, auf der dieses Gespräch in Teilen noch einmal geführt wurde, ließen sich Waehner und der Heiner Müller spielende Journalist Robert Mießner den Whisky nach Herzenslust schmecken.

Ende 1991 war Müller als Theaterautor bereits so gut wie verstummt. Sein letztes Stück, den Zyklus „Wolokolamsker Chaussee I – III“, hatte er vier Jahre zuvor geschrieben. Erst 1996, nach seinem Tod, erschien noch das Fragment „Germania 3. Gespenster am toten Mann“. Seit der Wende schien Müller also weniger Dramatiker denn öffentliche Person zu sein. Nicht nur, dass er sich regelmäßig interviewen ließ und als Untergangsexperte seine geschichtsdunklen Sentenzen in die TV-Kameras nuschelte. Vor allem fungierte er als Präsident der Ost-Berliner Akademie der Künste, traf Vorbereitungen, um als Mitglied einer kollektiven Leitung das Berliner Ensemble ab 1992 weiterzuführen und arbeitete zudem an seiner Biografie „Krieg ohne Schlacht“.

Als Joerg Waehner nun den zum Medienstar gewordenen Heiner Müller in dessen Wohnung am Berliner Tierpark besuchte, um mit ihm ein Gespräch über Franz Kafka zu führen, geschah dies nicht zum ersten Mal. 1987 hatten sich die beiden dort kennengelernt, und es war Müller, der die Idee hatte, ein gemeinsames Projekt zu entwickeln. Ausgangspunkt war Kafka. Auch diesmal sprachen sie wieder über die Probleme beim Umgang mit Kafka-Texten, das Sichreiben an deren Bedeutung. Er habe noch nie einen gelungenen Versuch gesehen, Kafka aufs Theater zu bringen, meinte Müller. Denn Kafka beschreibe ganz präzis Gesten ohne Bezugssystem. „Und das ist so, als ob du in einem Theater bist, wo das Wesentliche im Unsichtbaren bleibt.“ Das eigentliche Bild, so Müller, werde nie gezeigt. Schnell waren die beiden in den Kosmos Kafka eingetaucht, hatten sich einen mitunter recht sperrigen Gegenstand nach dem anderen aufgeladen, wie etwa auch den Vater-Sohn-Konflikt in Kafkas Texten, der auf den Zerfall der bürgerlichen Welt und den Verlust von Autoritäten gezielt habe. Und da dies eine gesellschaftliche Frage sei, landete Müller auch hier wieder im Gewaltstrom der Geschichte, schweifte er ab, bis hin zur viel zu kurzen Decke der Marktwirtschaft und der Armut in der Dritten Welt, die sich als „Jahrhundert der Völkerwanderung“ entladen werde. Allein, wie man denn nun Kafka fürs Theater produktiv machen könne, wusste auch Müller am Ende nicht recht zu sagen.

Anderthalb Stunden dauerte dieses Gespräch mit Müller damals, bevor Waehner das Diktiergerät abschaltete. Gut 20 Jahre später ist es nun erstmals vollständig in dem mit acht originalen Siebdrucken Waehners ausgestatteten und in kleiner Auflage erschienenen Kunstbuch „Kafka ist Fortinbras“ bei der Berliner Edition Maldoror, dem bibliophilen Organ der Künstlergruppe „Herzattacke“, abgedruckt worden. Ein Liebhaberstück. Zum Preis von 700 Euro allerdings auch eine nette Wertanlage. Daniel Flügel