Kultur : Nicht Riff, sondern Leuchtturm

Der Germanist und Medienkritiker Roland Reuß sprach über „Das Buch als Individuum“

Gerold Paul

Niemand würde es sich heute antun, ohne größere Not schlechten Wein und schlechtes Fleisch auf den Tisch zu bringen. In Sachen Bücher und Information ist man da nicht mehr so wählerisch. Man kauft das rasch durch die Druckmaschine gejagte Paperback, holt sich scheinbar verlässliche Information aus dem Internet. „Ramsch, schäbig, verantwortungslos“, wetterte der Germanist und Medienkritiker Roland Reuß vom Heidelberger Institut für Textkritik am Mittwoch über die immer platter werdende Buch- und Informationslandschaft. Ort und Kampfplatz solcher Rüffel war die Druckerei Rüss in der Ulanenstraße. Die Fachhochschule Potsdam als Veranstalter organisiert hier schon seit November Vorträge zum Thema „Das Buch im digitalen Zeitalter“.

Hat es nun noch Zukunft oder ist es nur noch ein „Riff“ in den heutigen Netzwerkströmen? Für den streitbaren Literatur- und Medienprofessor, der nicht nur kritisch, sondern mit seinen Studenten auch per Computer und Netz zu arbeiten weiß, war und bleibt das mit Geduld geschriebene und mit Liebe und Sorgfalt produzierte „Individuum Buch“ das Maß aller Dinge. Klar, dass bei einem so hohen Qualitätsstandard die meisten Verlagsprodukte genauso durchs Sieb rutschen wie fast alles, was das Internet mal schnell und unverbindlich anbietet. Überraschenderweise setzte Roland Reuß weder das Buch noch Mediales an den Anfang seiner Ausführungen, sondern den aktuellen Geist der Gesellschaft. Er beklagte den grassierenden Verlust der Urteilskraft, die zunehmende Immunisierung gegen Kritik. Mit Blick auf den Bundestag sprach er sogar von einem „Putsch der Exekutive“, wo man mit „Geht nicht anders!“ alle Fehler inkurabel, das heißt unheilbar, machen will. „Dass nur noch die Staatsmeinung gilt, können Sie doch nicht wollen", beschwört Reuß die Gäste.

Nachdem er so die kritische Intelligenz heraufbeschworen hatte, ging es ans große Federlesen: Die Verlage arbeiteten aus Profitgründen meist oberflächlich, das digitale Buch-Portal von Google sei ein „großer Schlamperladen“, unbrauchbar für jeden ernsthaften Wissenschaftler. Auch die Deutsche Forschungsgesellschaft hält er für reformbedürftig, weil sie nur noch den Mainstream bediene. Freier Informationsfluss im Netz? Was macht ein User in Ghana eigentlich mit den unlesbaren Faksimiles von Hölderlin? „Dilettantisch, idiotisch, absurd“ nannte er solch Arbeiten an und mit der anonymen „Verblödungsmaschine“. Alles möglichst husch-husch, und zum Nulltarif! Ein Buchautor indes braucht nicht nur Geduld, mit seinem Namen übernimmt er auch die Verantwortung für den Text: Sein „Das gilt jetzt!“ wird von Medienleuten stabile Referenz genannt. Genau das Gegenteil von Wikipedia also, wo jeder herumklieren darf.

Es geht Roland Reuß also gar nicht um die Frage Buch oder Internet, sondern um Qualität hie wie da. Kein Verlag, sagt er, könne sich eine Fehlerquote von zehn Prozent leisten. Fürs Internet wäre das eine traumhafte Zahl! Ein Buch behalte auch nach 100 Jahren seine Stabilität, wie alles Gedruckte. Was aus den Internet-Infos nach nur einem Jahrzehnt wird, weiß keiner. Er glaubt, dass die Verantwortung unabhängiger und mutiger Verlage in dem Maße wächst, wie die Urteilskraft schwindet, der „rechtsfreie Raum“ (Urheberrecht, Internet) und die „totale Vergesellschaftung des Publikationswesens“ aber zunähmen. Fazit: Das Buch wird bleiben! Doch nicht als Riff, sondern als Leuchtturm! Gerold Paul

Nächster Vortrag in der Veranstaltungsreihe der Informationswissenschaften zum Epochenwandel der Informations- und Netzwerkgesellschaft am Mittwoch, dem 8. Februar, über Zukunft und Vergangenheit des eBook um 18 Uhr in der Druckerei Rüss, Ulanenweg 4