• Neujahrskonzert im Nikolaisaal: Wenn das Schmachten übertönt wird

Neujahrskonzert im Nikolaisaal : Wenn das Schmachten übertönt wird

Das Neujahrskonzert „Die Goldenen 20er“ im Potsdamer Nikolaisaal überzeugte mit der kraftvollen Katharina Mehrling. Die Musik war allerdings teilweise zu sehr verstärkt.

Peter Buske
Sängerin Katharine Mehrling.
Sängerin Katharine Mehrling.Foto: Nikolaisaal Potsdam/promo

Potsdam - Üblicherweise greifen Neujahrskonzerte gern zum walzernden, marschierenden und galoppierenden Repertoire aus der Feder hinlänglich bekannter Vergnügungsmeister. Nicht so das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt unter seinem Chefdirigenten Jörg-Peter Weigle bei seinem Gastspiel am Mittwoch im Nikolaisaal: Mit schmissigen Songs und verruchten bis vergnüglichen Filmliedern sowie eingestreuten Operettenouvertüren und jazzigen Instrumentalstücken will es dem 100-jährigen Mythos der „Goldenen 20er“ seine Reverenz erweisen. Dazu ist der Klangkörper in Großbesetzung angereist.

Um den wilden Zeiten des damaligen Auf- und Umbruchs auch optisch ein wenig auf die Sprünge zu helfen, tragen die Musikerinnen eine Art von karnevalistischem Kopfputz. Der Maestro gibt sich gleich einem Zirkusdirektor im Frack und mit Zylinder die Ehre. Und führt mit Katherine Mehrling einen Star in die „Manege“, die sich im Folgenden als Diseuse mit Power entpuppt. Sie kann singen, tanzen, deklamieren und sich bühnengerecht bewegen: das pure Hör- und Sehvergnügen.

Das erforderliche Schmachten fehlt

Bevor es eintritt, sorgen die Musiker mit der schmissig und federnd, frivol-aufreizend gespielten Ouvertüre und dem Entr'acte aus der Operette „Madame Pompadour“ von Leo Fall für einen beschwingten Auftakt. Dem Kenner bleiben dabei die eingestreuten Melodien des verführerischen „Joseph, ach Joseph“-Duetts oder Madams Offerte „Heut' könnt einer sein Glück bei mir machen“ nicht verborgen. Aus Streicherschmachten und Harfenschlag entwickeln sich in Eduard Künnekes orientalisch kolorierter Piece „Das Weib des Pharao“ dramatische Zuspitzungen, die sich – leider überlaut – knallig entladen. Davon ist auch Franz Lehárs „Land des Lächelns“-Ouvertüre nicht gefeit, wo der zitierten „Dein ist mein ganzes Herz“-Zutat schlichtweg das erforderliche Schmachten fehlt.

Zwischen Pharao und Lächelland vollzieht sich der beifallsumjubelte Auftritt von Katherine Mehrling, die mit verruchter – und lautstark verstärkter – Stimme versucht, im Marlene-Dietrich-Medley (Song-Block I) das unverwechselbare Timbre der Legende zu kopieren. Wenn man sich dank Friedrich Hollaenders himmlischen musikalischen Einfällen vor blonden Frauen in Acht nehmen soll, die als fesche Lola von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt sind: stets spukt einem das Original im Kopf herum. Woran sicherlich auch die aufgepeppten Arrangements von Ferdinand von Seebach schuld sind. Warum diesen Hits nicht eine eigene, nicht weniger intensive Ausdrucksfülle geben, möchte man die Diva gerne fragen.

Zum Nachdenken anregend

In den abwechslungsreich zusammengefügten und arrangierten Medleys von Berliner Operetten-Musicals (Song-Block II und IV) gelingt ihr stattdessen ganz vorzüglich, das Eigene mit umwerfendem Raffinement vorzutragen. Herrlich angejazzt und witzig gestaltet sind beispielsweise die unverwüstliche Aufforderung des Otto Reutterschen Couplets „Nehm Se'n Alten“ oder der swingende „Känguru Fox“ von Paul Abraham. Nicht weniger überwältigend ihr Vortrag der Filmlieder „Das gibt's nur einmal“ oder „Irgendwo auf der Welt“ von Werner Richard Heymann oder das aus der Feder von Mischa Spoliansky stammende „Lila Lied“, eine weitgehend unbekannte Homosexuellen-Hommage.

Die an diesem Abend erklingenden Stücke stammen allesamt von Komponisten, die wegen ihrer jüdischen Abstammung von den Nazis ins Exil getrieben wurden. Da erhalten oftmals harmlos wirkende Texte plötzlich eine tiefere, zum Nachdenken anregende Bedeutung. Und mitunter eine leider zu vordergründige, dramatisierte und krachentfesselte Ausdeutung. Zu solcherart Betroffenen gehört auch Kurt Weill, der mit Brecht-Songs und dem Sehnsuchtslied „Youkali“ zu Klangwort kommt, und Erwin Schulhoff, aus dessen „Suite für Kammerorchester“ drei Nummern – ebenfalls ziemlich aufgemotzt – erklingen. Trotz Abwesenheit von Johann Strauß & Co. zeigt sich das Publikum aufs Angenehmste unterhalten und spendet lang anhaltenden Beifall. 


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