• Neues Festival für Vokalkunst: Die Dimensionen der Stimme

Neues Festival für Vokalkunst : Die Dimensionen der Stimme

Stimmakrobatik und musikalisches Grenzgängertum: Der Vokalkünstler Alex Nowitz, Komponist der „Bestmannoper“, gründet das Festival „Designing Voices“ in Potsdam und Berlin.

Babette Kaiserkern
Komponist und vokaler Performancekünstler. Alex Nowitz lebt seit 28 Jahren in Potsdam.  
Komponist und vokaler Performancekünstler. Alex Nowitz lebt seit 28 Jahren in Potsdam.  Fot: Oscar Loeser

Potsdam - Experimente mit den Klangfarben der menschlichen Stimme sind für Alex Nowitz ganz normal. Seine Praxis als Performer und Komponist beginnt jenseits von Sprechen und Singen. Die theoretische Basis für diesen Ansatz legte Nowitz erst kürzlich in einer Doktorarbeit mit dem Titel „The Monsters I Love - On Multivocal Arts“ (Die Monster, die ich liebe - Über vielstimmige Kunst). Während fünf Jahren als Stipendiat an der Universität der Künste in Stockholm erforschte er Bedingungen und Beziehungen der „multivokalen Stimme“, besonders in der modernen Oper. 

Beim erstmalig stattfindenden Festival „Designing Voices“ in Potsdam und Berlin stehen ab Dienstag (2. November) sechs Tage lang diese neuartigen Wege zwischen Akustik und Elektronik, Stimme und Instrument im Fokus. Alex Nowitz erweist sich als belesener Gesprächspartner, der mit Begeisterung seine Ideen vorstellt. 

Ausgebildeter Tenor und Countertenor

Er erläutert die vier Kategorien der Stimme als Sprechstimme, in Schauspiel und Gesang, oder mit erweiterten Stimmtechniken wie beim Untertongesang. Die vierte Kategorie ist die entkörperlichte Stimme, die in unserer Zeit meistens aus Lautsprechern dringt oder, wie einst bei Pythagoras, unsichtbar hinter einem Vorhang erklingt.

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Gern schlüpft der ausgebildete Sänger (Tenor/Countertenor) in verschiedene Rollen. Wie die des schrulligen Professor Sonorius bei einem musikpädagogischen Projekt der Kammerakademie Potsdam mit dem Titel „Wenn Mannheimer Raketen leise in Espressotassen landen“. Kürzlich trat Nowitz als gieriger Unternehmer bei der Pariser Opernpremiere „Au Cur de l'océan“ auf, einem Projekt des Pianisten Frédéric Blondy. Seine eigene, 2006 uraufgeführte Oper „Die Bestmannoper“ erregte großes Aufsehen. Darin geht es um den Fall Alois Brunner, der im Dritten Reich Adolf Eichmanns Helfer wurde und mehr als 120 000 Juden in den Tod trieb.

Ein Festival für musikalische Grenzgänger

Im Zentrum des neuen Festivals „Designing Voices“ stehen Auftritte von Composer-Performern, also zugleich Komponisten und Interpreten. Aus dem kleinen, feinen Kreis der multimedialen Stimmakrobaten wurden die norwegische Sängerin Tone Åse, die Schweizer Improvisationskünstlerin Franka Baumann und die Deutsche Ute Wassermann eingeladen. 

Das Spektrum der musikalischen Grenzgänger wird ergänzt von den Instrumentalisten Frédéric Blondy (Piano), Sabine Vogel (Flöten). Matthias Bauer (Bass) und Biliana Voutchkova (Violine). Lecture-Performances, die Inszenierung mit Wortbeiträgen verbinden, und rein akustische Darbietungen ergänzen das weitgefächerte Programm, das aus dem Deutschen Musikfond und vom Land Brandenburg unterstützt wurde.

Am Strophonion. Alex Nowitz präsentiert beim Festival „Designing Voices“ in Potsdam und Berlin Performances aus Stimme und Klängen.
Am Strophonion. Alex Nowitz präsentiert beim Festival „Designing Voices“ in Potsdam und Berlin Performances aus Stimme und...Foto: Thomas Liebe/Promo

Meister am Strophonion

Gespannt sein darf man auf den Altmeister der Avantgarde-Musik Sten Sandell, der auf den Orgeln der Französischen Kirche in Potsdam und der St. Matthäus-Kirche in Berlin spielen wird. Sandell wurde für ihn wie ein „älterer Bruder“ in seiner schwedischen Zeit und sein Doktorvater, sagt Nowitz. Gemeinsam bringen sie an Orgel, Strophonion und Stimme eine Uraufführung zu Gehör.

Denn Alex Nowitz ist nicht nur Stimmkünstler und Komponist, sondern er spielt auch ein Instrument, das eigens für ihn am Amsterdamer Studio für Elektronische Musik entwickelt wurde. Das Strophonion verbindet auf kuriose Weise Bewegungen beider Hände mit elektronischer Klangerzeugung.

Das Timbre entscheidet

Im 20. Jahrhundert sei nicht mehr die Tonhöhe das Entscheidende, sondern das Timbre, sagt Alex Nowitz und beruft sich auf den Urahnen der Freien Atonalität Arnold Schönberg. Apropos Klangfarbe: Auch nach 28 Jahren Leben in Berlin und Potsdam hört man immer noch die bayrische Klangfarbe in seiner Stimme heraus.

Nowitz wurde 1968 bei Landshut in Niederbayern geboren, spielte E-Bass in vielen Bands und begann ein musikpädagogisches Studium in München, das er in Potsdam abschloss. Hier war er von Anfang an beim Festival Neuer Musik „Intersonanzen“ dabei. Der Titel bezeichnet das Anliegen, das Alex Nowitz bis heute bewegt: Gegensätze zwischen Konsonanz und Dissonanz überwinden, indem Zwischenbereiche erschlossen werden, auch und gerade neue Klangwelten der menschlichen Stimme.

„Designing Voices“, von 2. bis 7. November, Tagesticket Potsdam: 13 Euro, www.designing-voices.nowitz.de

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