Kultur : Nähe und Distanz

Die Potsdamer Fotografin Barbara Thieme war in Gambia unterwegs

Astrid Priebs-Tröger
Abwartend. Auf ihren Reisen nach Afrika sucht die Potsdamer Fotografin immer nach dem richtigen Maß an Nähe zu ihren Protagonisten – hier eine Hebamme in Gambia, die nach eigenen Aussagen 90 Jahre alt ist.
Abwartend. Auf ihren Reisen nach Afrika sucht die Potsdamer Fotografin immer nach dem richtigen Maß an Nähe zu ihren Protagonisten...Fotos: Barbara Thieme

Der Blick aus der obersten Etage des Potsdamer Rechenzentrums ist beeindruckend: Das Portal des Langen Stalls, die Nikolaikirche und das Mercure scheinen zum Greifen nah. Doch an den Wänden des Ateliers von Barbara Thieme hängen Fotos von Straßenszenen aus Tel Aviv und Porträts von alten Frauen mit bunten Kopftüchern aus Weißrussland. Und genau diese Spannbreite umfasst auch das Werk der Potsdamer Fotografin: Architekturfotografie – sie hat unter anderem den Baufortschritt des neuen Potsdamer Landtags dokumentiert – und Porträts.

Barbara Thieme wurde Mitte der 1950er-Jahre in Karl-Marx-Stadt geboren und wuchs in Potsdam-Babelsberg auf. Nach einem Bauingenieurstudium arbeitete sie lange als Stadtplanerin in Berlin, bis sie Mitte der 90er-Jahre in einer Künstlerwohngemeinschaft in Schloss Batzdorf bei Meißen alternative Wohn- und Arbeitsformen erprobte. Nachdem ihre beiden Töchter erwachsen waren, kehrte Thieme 2006 nach Potsdam zurück. Auch, um hier ihre betagte Mutter im Alltag zu unterstützen.

Schon einige Jahre davor hatte sie begonnen, sich intensiver mit Fotografie zu beschäftigen. Fotografiert hat sie eigentlich immer, doch erst 2003 zeigte sie ihre Bilder in der Öffentlichkeit, damals noch auf Schloss Batzdorf. Als sie nach Potsdam zog, professionalisierte sie ihre Arbeit immer mehr. Sie besuchte Workshops und hatte Konsultationen bei Göran Gnaudschun, Jens Walter-Seefeldt und Viola Vassilieff, zudem erfuhr sie Unterstützung durch ihren Bruder, der als Dozent für Fotografie in Berlin arbeitet.

So ausgerüstet war sie 2003 mit einer Freundin zum ersten Mal in Afrika, besuchte den Senegal und Gambia. Und die Menschen, denen sie dort begegnete, ließen sie seitdem nicht mehr los. Fast ein Dutzend Mal war Barbara Thieme inzwischen dort. Sie organisierte von Potsdam aus finanzielle Unterstützung für mehrere Schulkinder, führte in Workshops Grundschüler ins Malen mit Farben ein und entwickelte schließlich mit der ihr eigenen Gründlichkeit und Ausdauer das Projekt „Unterwegs in Gambia“.

Ein Buch präsentiert jetzt ihre eigenen Fotografien – Porträts von Gambiern – sowie dreizehn afrikanische Biografien und Fotografien aus dem Alltag ihrer Protagonisten, die diese selbst gemacht haben. Barbara Thieme erzählt, dass es anfangs nicht leicht war, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Und wie sie gemeinsam mit einem Assistenten vor Ort versuchte, den Dorfältesten des gambischen Ortes Kartong von ihrem Projekt zu überzeugen. Und ihn schließlich sogar zum Mitmachen bewegen konnte.

Doch bis dahin war sie zumeist mehrere Wochen lang vor Ort, lebte – weitab vom Tourismus – das normale Leben in diesem Fischerdorf mit. Bis vor Kurzem noch ohne öffentliche Stromversorgung und nur mit wenigen privaten Wasseranschlüssen. Denn sie wollte den Menschen auf Augenhöhe begegnen und sie nicht nur zu exotischen Objekten ihrer Fotos zu machen. Thieme erzählt, wie wichtig es war, das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz zu finden.

„Darf ich mit zur Geburt?“, fragte sie die fast 90-jährige Hebamme von Kartong. „Ja, aber ich habe heute noch nicht gefrühstückt“, antwortete diese und als Thieme ihr 50 Dalasi gab, wurde sie gleich am nächsten Tag zu einer Gebärenden mitgenommen. Ob diese vorher gefragt wurde, war ihr nicht klar und da in Gambia auch viele Muslime leben, hielt sich die Fotografin instinktiv daran, die gebärenden Frauen keinesfalls unterhalb des Bauchnabels abzulichten. Weniger zurückhaltend war sie, als eine Frau, die eine sehr schwere Geburt hinter sich hatte, zwei Stunden danach zu Fuß nach Hause laufen sollte: Barbara Thieme wies deren Ehemann an, ein Taxi zu bestellen und bezahlte dies.

Nach anfänglichem Ärger über diese Einmischung wurde sie dennoch zur Namensgebungszeremonie eingeladen und erfuhr, dass das Kind mit zweitem Namen Barbara heißen würde. Inzwischen, sagt Thieme lachend, hat sie schon mehrere Namensvetterinnen in Kartong. Auf ihren zahlreichen Porträts, die in Potsdam bereits in Ausstellungen im Rathaus und im Frauenzentrum zu sehen waren, stehen zumeist Frauen und Kinder im Mittelpunkt.

Und man kann spüren, wie sehr sie deren Lebendigkeit und Energie beeindrucken. Doch „nur porträtieren, das reicht mir nicht“, sagt die Fotografin. Man kann in ihrem Buch „Unterwegs in Gambia“ auch die Geschichten von Menschen unterschiedlicher Stammeszugehörigkeit, sozialer Herkunft und verschiedenen Alters lesen. Wie die eines blinden Jugendlichen, der unermüdlich dafür kämpft, trotz seiner Behinderung das Abitur zu machen.

Besonders fasziniert war Barbara Thieme auch von den weisen Frauen von Kartong, das eine der ältesten Siedlungen an der Südwestküste von Gambia ist. An der Kultstätte „Heiliges Krokodilbecken von Folonko“ beten diese zweimal wöchentlich für Gesundheit und Fruchtbarkeit. Auch dort war die Fotografin dabei. Ihre Bilder erzählen eindringlich von der Magie dieser Frauen und dieses Ortes.

Die Ausstellung „Unterwegs in Gambia“ wird am 8. März im Potsdamer Frauenzentrum (Schiffbauergasse 4 h) eröffnet. Am 18. April hält Thieme einen Vortrag in der Potsdamer Urania (Gutenbergstraße 71/72).