Kultur : Nackte Menschlichkeit

Weiblich warme Ursprünglichkeit und männliche Live-Körperkommunikation überraschten bei den Tanztagen

Astrid Priebs-Tröger
Sinnlicher Dialog. Die Performance „In human disguise“.
Sinnlicher Dialog. Die Performance „In human disguise“.Foto: Promo

Langjährige Besucher wissen es: Die Potsdamer Tanztage sind immer für Überraschungen gut. Der Samstagabend stand diesmal ganz im Zeichen der Nacktheit. Die war bei den beiden Deutschlandpremieren des Abends sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne anzutreffen. Die beiden Tänzer, die in der fabrik den Doppel-Abend eröffneten, kamen ohne Ankündigung. Mit ihren Bergschuhen, Pullovern und Rucksäcken wirkten sie wie verspätete jugendlich-urbane Besucher, doch als sie direkt auf die leere Bühne marschierten, begann ihre Performance „The ballet of Sam Hogue and Augustus Benjamin“ mit einer weiteren ungewöhnlichen Aktion.

Gemächlich entledigten sich Thomas Steyaert und Raul Maia ihrer Kleidung, bis sie splitterfasernackt dastanden und in altmodische baumwollene Unterhosen schlüpften. Und augenblicklich schien es so, als hätten sie mit dieser Entkleidung ihre bisherigen kulturellen Schichten und Prägungen abgelegt. Die faszinierende Live-Körperkommunikation, die kurz darauf zwischen beiden begann, benutzte als Tonspur zwar entschlüsselbare Geräusche wie das Rauschen des Windes, metallene Töne oder bekannte Musikkompositionen, doch die beiden hager-muskulösen Gestalten wirkten vor dieser kulturellen Folie erst recht wie Wesen von einem fremden Stern. Expressiv und zerbrechlich, ohne männliche Überlegenheitsgesten, manchmal an Radierungen von Goya oder Grafiken von Klee erinnernd, erkundeten beide ohne erkennbaren roten Faden Bewegungsmöglichkeiten, die ihren Körpern innewohnen.

Doch dies hatte mit herkömmlichen Tanzbewegungen und -symbolen oder pantomimischen Gesten nichts zu tun. Ihre Bewegungen schienen mit keinerlei (bekannten) Bedeutungen oder Emotionen aufgeladen und gerade dadurch konnten vor dem inneren Auge des Betrachters eine Reihe von Bildern und Situationen entstehen: Manchmal assoziierte man durch die Bewegungen der beiden virtuosen Performer beispielsweise Insassen eines mittelalterlichen Irrenhauses, ein anderes Mal wirkten ihre Figuren wie Überlebende einer nicht näher benannten Katastrophe. Vieldeutigkeit ist Absicht des Belgiers Thomas Steyaert und des Portugiesen Raul Maia, die mit ihrem außergewöhnlichen Bewegungslabor überraschende Räume öffnen und einen mit bisher selten wahrgenommenen humanen Schattierungen konfrontieren wollen. Konzentrierte Anspannung und auch Momente der Verstörung im Publikum, das herzlich, aber etwas verhalten applaudierte.

Nach dem Umzug ins T-Werk erwartete einen eine völlig andere Situation. Die Besucher wurden aufgefordert, sich ihrer Schuhe zu entledigen, klarer Schnaps wurde ausgeschenkt und eine junge Frau begann noch im Foyer, sich vollständig zu entkleiden. Fast war man geneigt, es ihr nachzutun, als man im Bühnen- und Zuschauerraum des T-Werks angekommen war, der mit einem riesigen schafwollenen Flies ausgelegten war. Die Sitzpodeste ließen einen an Saunabänke denken und auch die Raumwärme tat an diesem nasskalten Maiabend ungemein wohl.

Aber Nacktheit, noch dazu in unbekannter Gemeinschaft, wirkt auf die meisten fremd, seltsam und ziemlich verwirrend. Wunderbar und sofort faszinierend waren hingegen die vier in Figur, Alter und Ausstrahlung ganz unterschiedlichen splitternackten Frauen, die bald darauf vor das Publikum traten: eine sehr große Ältere mit stattlichem Bauch, eine sehr kleine Junge mit ausgeprägt weiblicher, aber zugleich knabenhaft wirkender Figur und zwei weitere, die dem gegenwärtigen Schönheitsideal noch am ehesten entsprachen. Joanna Haartti, Monika Hartl, Niina Hosiasluoma und Hanna Raiskinmäki präsentierten so die Performance „In human disguise“ der finnischen Choreografin Eeva Muilu und ihrer Landsmännin, der Theaterregisseurin Milja Sarkola.

Und indem sie allgemein-menschliche Verkleidungen, Masken und Verstellungen fast vollständig abgelegt hatten, und nur mit nackter Haut bekleidet – die immer noch viele Unterschiede zeigt – aufeinander zugingen, begann ein grandioser, ungemein sinnlicher und berührender Dialog zwischen diesen Frauen. Er reichte vom ersten vorsichtigen Ertasten der jeweils anderen über gemeinsames Lachen und Weinen bis hin zum großartigen Wüten ungezügelter Weiber. Da war so viel Wärme, Kraft und Ursprünglichkeit! Sodass man sich fast wie auf einem Ausflug ins verloren gegangene Paradies oder zu einem der letzten unzivilisierten Völker wähnte.

Lasst uns Freiräume schaffen – so könnte eine Botschaft von „In human disguise“ lauten. Auf jeden Fall ermutigte diese gelungene Verschmelzung von Tanz und Theater dazu, wieder stärker das eigentliche Wesen eines jeden Menschen, jenseits von gesellschaftlichen Normen und kulturellen Wertungen, in den Blick zu nehmen und auch bei sich selbst zu erspüren. Astrid Priebs-Tröger

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