Kultur : Nackt in der Wüste

Association Woo aus Lyon bei den Tanztagen

Astrid Priebs-TrögerD

Heiß und stickig war es am Mittwochabend in der fabrik. In einem klimatisierten Raum hätte sich echtes Wüstenfeeling auch kaum so prompt einstellen können. Da waren die Zuschauer klimatisch bestens auf das vorbereitet, was sie erwartete. Sieben Akteure der Lyoner Compagnie Association Woo, die bereits im Frühjahr mit „Barokko“ bei „Tanz trifft Klassik“ in der fabrik gastierte, hatten diesmal ihre E-Gitarren dabei.

Josselin Varengo, der wieder für die musikalische Leitung verantwortlich war, hatte die Tänzer dazu gebracht, zur Gitarre zu greifen. Und so ging es los wie in einem Westernfilm: Eine sehnsuchtsvolle Eingangsmelodie, live auf der Zuschauertribüne gesungen und gespielt, ließ gleich darauf „Side by side“ sieben Schatten am Bühnenhorizont hervortreten und sich unaufhaltsam im stampfenden Rhythmus der Musik dem Publikum nähern. Das alles unter einer Beleuchtung, die an einen klaren Sternenhimmel erinnerte. Doch so romantisch blieb es keineswegs. Die E-Gitarren durchbohrten mit ihren harten, auf- und abschwellenden Akkorden die von nun an herrschende Dunkelheit.

Viele einzelne Geschichten wurden in „La Storia“ ohne erkennbaren roten Faden erzählt. Nur die Gitarrenakkorde schienen die Richtung und den Rhythmus der Tänzer und somit der Geschichte vorzugeben. Plötzlich sah man ein nacktes Paar in der Bühnenmitte. Ein Dialog über das Nichts entspann sich bei zwei anderen. Eine Gesangsnummer, bei der der Sänger, mit Pelzen behangen, und zwei Backgroundgirls wild die Hüften schwangen, wirkte wie ein Fremdkörper.

Das Geschehen steigerte sich zu ekstatischen Schattenspielen hinter einer mobilen Papierwand und einem zum Sirenengeheul anschwellenden Gitarrenspiel, bei dem zumeist unverständliche Botschaften ins Mikrofon gesprochen wurden. Am Ende waren alle außer Atem und der Wüstenwind blies unzählige Papierschnipsel auseinander, die am Anfang noch in langen weißen Bahnen Spuren im Sand symbolisierten. Aber, und das ist die Botschaft des Abends, die mehrmals verkündet wurde, „all things are interconnected“. Dass alle Dinge zusammenhängen, wurde in „La Storia“ zwar behauptet, aber permanent ins Gegenteil verkehrt.

Das bescherte jenen, die sich in der Bildsprache der Westernfilme zu Hause fühlen, sicher ein Fest an Ausdeutung und Interpretationsmöglichkeiten. Andere ließ es eher verwirrt im Halbdunkel zurück. Denn die Suche nach den eigenen Erinnerungsschnipseln beanspruchte fast mehr Konzentration als das unkonzentrierte Geschehen auf der Bühne. Ein wenig versöhnt wurde man erst am Schluss, als ein Paar den Song „River of No Return“ - im gleichnamigen Film von 1954 sind das Robert Mitchum und Marilyn Monroe - zum Besten gab. Das anschließende Publikumsgespräch erhellte ein wenig die literarischen und filmischen Quellen, der in Potsdam freundlich aufgenommenen Deutschlandpremiere dieses Stückes, das nach einem Konzept von Jean-Emmanuel Belot und Ennio Sammarco in Residenz in der fabrik entstand. Astrid Priebs-Tröger

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