• Nachts in Berlin: Eine Reise durch die Nacht

Nachts in Berlin : Eine Reise durch die Nacht

Der Berliner Fotograf Christian Reister hält Momente aus der Berliner Nacht fest. Heute eröffnet seine Ausstellung in Potsdam.

Humorvoll und
Humorvoll und

Ein älterer Mann in einem Imbiss, der sich am Stehtisch mit einem Papagei unterhält. In seiner linken Hand ein Kindl, hat er sich zu dem Tier hinuntergebeugt und die Lippen gespitzt. Woanders hat sich ein Liebespaar gefunden, steht eng umschlungen in einer Pizzeria. Und dann wären da die vier Jungs mit Kapuzen auf ihrer Streiftour durch die Straßen. Oder die vier Vögel, weit oben am grauen Himmel. Berlin bei Nacht. Ein Barmann hält ein Glas empor. Vor lauter Überraschung, fotografiert zu werden, hat er den Mund geöffnet – und Christian Reister hat abgedrückt. Ertappt. Über 200 solcher Momentaufnahmen hat er bei seinen nächtlichen Spaziergängen während der vergangenen zehn Jahre gesammelt. „Rauschen“ heißt seine Ausstellung, die am heutigen Donnerstag in der Fotogalerie Potsdam eröffnet wird und rund 40 seiner Arbeiten zeigt.

Der Berliner Fotograf sieht sich als Flaneur. Seine Bilder entstehen zufällig, keines ist inszeniert. Zu einigen Personen hat er sich dazugesellt, ist mit ihnen ins Gespräch gekommen und hat sie erst dann mit ihrem Einverständnis abgelichtet – so war es bei dem Mann mit dem Papagei. Andere Protagonisten hat er im Nachhinein gefragt, und manchmal blieb er auch komplett unbemerkt. Eins der Fotos zeigt etwa den Blick durch ein Fenster: Eine nackte Frau räkelt sich auf der Fensterbank und streckt ihre weit geöffneten Beine von sich. Ihre Pose ist für andere Augen bestimmt, so viel ist sicher. Findet im Zimmer vielleicht ein ganz anderes Fotoshooting statt?

Reister, 1972 geboren, fotografiert seit 2010. Auch auf Reisen durch andere Städte hat er seine Eindrücke festgehalten: in Warschau, in Wien, auf einem Road trip von Chicago bis Santa Monica. Witziges, Skurriles, Sonderbares – immer spielt auch die Tristesse eine Rolle.

In seinen Fotobüchern, die er im Eigenverlag veröffentlicht, baut Reister oftmals eine Beziehung zwischen zwei Eindrücken auf, indem er zwei Fotos gegenüberstellt. Alle drei Monate bringt er außerdem sein Fotomagazin „Driftwood“ mit einer limitierten Auflage von 50 Exemplaren heraus. Das Thema ist immer ein anderes. 35 Interessierte aus elf Ländern haben das Heft bislang abonniert.

Das Rauschen im Bild

Reister trägt immer eine Kamera bei sich. Das Modell sei ihm eigentlich egal. Hauptsache, die Kamera passe in die Hosentasche, sagt er. Manche Fotos der Berlin-Serie entstanden digital, andere analog und alle sind schwarz-weiß. 2011 entschied sich der Fotograf, weniger aufwändige Technik zu benutzen. Was komponiert werden könnte, lässt er roh – rotziger und punkiger seien seine Bilder geworden, sagt er selbst.

Erscheinen ihm die digital aufgenommenen Fotos zu scharf, bearbeitet er sie im Nachhinein, sodass sie grobkörniger werden. Auf einigen Fotografien sind die Protagonisten kaum auszumachen. Sie rauschen durch das Bild, sind verschwommen oder zu pixelig abgebildet, als dass sie erkannt werden könnten. Die Nacht hat sie. Oder ihnen gehört die Nacht? Viele sind vertieft in Gedanken oder Gespräche, nehmen ihr Außen kaum wahr. Andere wollen auffallen, provozieren. So wie der fahrige Mann zwischen den Autos, in Boxershorts und viel zu kurzer Lederjacke, mit Resten einer Perücke im Gesicht.

Typisch Berlin, kann man stöhnen: verrückte Typen, viele Flaschen, Einsamkeit in der Großstadt. Das jedoch würde den Arbeiten nicht gerecht werden. Dafür sind sie zu vielschichtig, tragen meist gleich zwei sehr intime Momente in sich: den des Beobachteten und den des Fotografen. Auch dann, wenn Reister die analogen Filme nicht direkt hat entwickeln lassen. Ein halbes Jahr liege so ein Film manchmal in seinem Atelier am Rosa-Luxemburg-Platz herum. Er wolle sich von seinem persönlichen Eindruck lösen, das Foto später nur als Foto betrachten, sagt er. Reister hält das Rauschen fest, das Rauschen durch die Nacht. Das, was in der Erinnerung verschwimmt.

Auch durch die schwarz-weiße Farbigkeit erhält die Berlin-Serie etwas Schwermütiges. Er suche gezielt nach Momenten, die humorvoll sind und gleichzeitig düster, sagt Reister. Auf einer Fotografie kehrt ein Straßenfeger eine Treppe, seine Bewegungen verwischen seine Gestalt – im Gedächtnis bleibt nur die Warnweste. Durch die reduzierte Farbigkeit tauchen auch grafische Elemente auf. Die Motive wirken insgesamt abstrakter, und die Fragen, die sie aufwerfen, werden somit sichtbarer. Wohin geht die Gestalt, die sich in eine Decke gehüllt hat? Was tuscheln die beiden da zwischen den Kühlschränken? Ist der Papagei, der nebenbei eine Erdnuss knackt, sein einziger Freund? 

Christian Reister: „Rauschen“, Vernissage heute, 19 Uhr, Fotogalerie Potsdam, Treffpunkt Freizeit, bis zum 12. Juni.

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