Kultur : Nach Finnland ...

Gunilla Heilborn und ihr „Fünfjahresplan“

Astrid Priebs-Tröger

Am Montagabend war Halbzeit bei den Tanztagen. Und draußen herrschte bestes Sommerwetter, sodass bei 30 Grad die Besucher nur nach und nach tröpfelten und den Zuschauerraum der „fabrik“ gerade mal zur Hälfte füllten. Dort erwartete das Publikum eine Vorstellung, die in der Hauptsache Sprechtheater und erst in zweiter Linie Tanz bot. Die 47-jährige Schwedin Gunilla Heilborn gilt schon lange als Grenzgängerin zwischen Tanz, Performance, Video und Text und so war es für Eingeweihte nicht verwunderlich, dass der 2009 entstandene „Fünfjahresplan“ genau in dieses Konzept passte.

Bevor die einstündige Inszenierung losging, wurde die Bühne ordentlich vernebelt. Sie erinnerte mit ihren Klapphockern, der Matratze, der Wäschebox und dem Trinkwasserkanister an ein spärlich eingerichtetes WG-Zimmer. Zuerst betrat eine Performerin mit Kassettenrekorder die Bühne, machte ein paar Tanzschritte, legte sich auf den Boden und sagte: Ich bleibe hier liegen, bis Sie mir sagen, dass ich was anderes tun soll. Was sie aber zum Glück nicht wahr machte. Dieser ersten Irritation sollten unzählige weitere folgen, ernsthafte und absurde, philosophische und skurrile Gedankensplitter und mehr oder weniger tiefschürfende Sentenzen, die darum kreisten, wie sich die vier jungen Leute, die sich in diesem Kellerraum freiwillig versammelt hatten, ihr Leben in den nächsten fünf Jahren oder überhaupt vorstellen.

In unserem Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten – die pointierte Szene „Brotkauf“ belegte dies bildhaft – fällt es den drei Frauen und dem einen Mann jedoch unglaublich schwer, überhaupt einen Wunsch, ein Ziel, eine Perspektive zu denken, geschweige denn umzusetzen. Sie sind alle merklich unterkühlt, heute nennt man das cool und nicht mal den Ansatz von erotischem Balzverhalten oder Zickenkrieg gibt es in der Wohngemeinschaft. Die einzige Aktivität ihrer Mitglieder besteht im Be- und Zerreden dessen, was der eine oder die andere ansatzweise für sich entwickelt hat. Dabei nehmen sie keinen Bezug aufeinander, sodass eine unglaubliche Collage von vielen banalen, einigermaßen absurden (Geschichten-)Anfängen entsteht.

Das ist an einigen Stellen komisch, ermüdet aber zusehends und man ist froh, wenn so etwas wie die Proben zu einem Raubüberfall stattfinden. Da legen die vier Darsteller (Henrik Vikmann, Louise Peterhoff, Kristiina Viiala und Lisa Östberg) Eigenschaften wie Konzentration, Körperspannung und Abenteuerlust an den Tag, die ihnen im „wirklichen“ Leben vollkommen abhanden gekommen zu sein scheinen. Und als eine von ihnen dabei richtig Feuer fängt, wird die ganze Aktion als viel zu brutal schnell zu den Akten gelegt. Noch einmal gibt es einen Lichtblick, als sich jemand entschließt, die Gruppe zu verlassen, und, ausgerechnet nach Finnland zu gehen. Aber auch dieser Weg erweist als Sackgasse. Aus diesem banal-absurden Gedankenkeller, den Gunilla Heilborn mit kühler Ironie und subtilem Witz in Szene setzte, gibt es kein Entrinnen, außer das wirkliche Leben, das dann in der warmen Abendsonne draußen im Fabrikgarten tobte.

Astrid Priebs-Tröger

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