Kultur : Mut zur Hässlichkeit

Puppenspieler Michael Hatzius brillierte im Waschhaus mit schrägen Figuren

Oliver Dietrich

Der größte Beweis, dass man sich wunderbar hinter Figuren verstecken kann, ist eine Echse. Und ein Huhn. Ein Hase. Eine Möhre. Eine Zecke. Michael Hatzius hat sie alle im Gepäck – und war damit am Freitagabend in der fast ausverkauften Waschhaus-Arena: „Echstasy“ heißt sein aktuelles Programm, ein allzu offensichtliches Wortspiel, das den großartigen Gaga-Humor des Puppenspielers unterstreicht.

Es war zum Brüllen komisch, was der Puppenspieler Hatzius da auf der Bühne inszenierte: Diese anarchische Kreativität funktioniert so gut, weil die Niedlichkeit aus den Puppen entfernt und mit trumpeskem Größenwahn aufgefüllt wird. Was man gerade an der Titelfigur merkt, ein bräsiger Echsenkopf auf einer Gummipellerine, die Hatzius sich auf den Schoß setzt – und völlig dahinter verschwindet: „Ich bin die Echse“, sagt das Ungetüm mit der Zigarre in der linken Hand. „Ich bin seit dem Urknall auf der Welt, und ich hab die erste Zellteilung noch mit der Hand durchgeführt.“

Sicherlich kennt jeder irgendjemanden, der den Duktus der Echse verinnerlicht, dieses nach Pointen geiernde Krawallgesülze, das Hatzius mit rauer Stimme und Ostberliner Akzent perfektioniert hat. „Wie viele Kängurubabys müssen jedes Jahr sterben, weil die Eltern gezwungen sind, den Gürtel enger zu schnallen?“, referiert die Echse, die nach eigenen Angaben die Dinosaurierkatastrophe vor 65 Millionen Jahren überlebt hat, weil sie sich in einem nicht abgeschlossenen Kassenhäuschen versteckt hat. Hier steht nämlich nicht die Wahrheit im Vordergrund, sondern das Labern um des Laberns willen.

Und diese großartige Schlagfertigkeit, die Hatzius aus der Figur herauskitzelt: Damit hätte Autohändler Sven aus Babelsberg nicht gerechnet, der sich als Freiwilliger auf die Bühne begibt und von der Echse vorgeführt wird – die zu jedem Blödsinn das letzte Wort haben wird. Oder wenn Hatzius sich eine Zecke über die Hand stülpt, die eine Blutkonserve rumschiebt und Infektionen drahtlos mit dem Smartphone überträgt.

Das Beste an der Inszenierung ist nämlich dieser ausgeprägte Mut zur Hässlichkeit, mit dem Verlierern eine Stimme gegeben wird – und den Versagern ihr Versagen gar nicht erst bewusst wird. Dabei gelingt es Hatzius, sich trefflich von jeder Erwartungshaltung loszusagen: Immerhin ist die Überraschung die Quintessenz, das Unerwartete. Und darüber lässt es sich noch am besten lachen. Oliver Dietrich