• Musikfestspiele Potsdam Sanssouci 2016: Flötentöne, Alte Musik – und Jazz

Musikfestspiele Potsdam Sanssouci 2016 : Flötentöne, Alte Musik – und Jazz

Französische Barockmusik und Werke, die an Friedrichs Hof entstanden, erklangen im Nikolaisaal. Im Ehrenhof von Sanssouci gab es Jazz, Historisches und eine Referenz ans Moulin Rouge

Michel Blavet sollte es zunächst sein. Doch schließlich wurde Johann Joachim Quantz der engste Musikberater und Flötenlehrer des preußischen Königs Friedrich der Große. Blavet, der einen Ruf als erster Flötist der Pariser Oper und der Hofkapelle in Versailles zur Zeit Ludwig XV. hatte, lehnte das Angebot Friedrichs ab. Nun kamen beide Musiker während des „Flötenkonzerts in Sanssouci“ zu Wort. Ein Blavet-Konzert gab es zum Auftakt, eines von Quantz zum Finale.

Das ursprünglich als stimmungsvolle Freiluft-Veranstaltung im Ehrenhof des Schlosses Sanssouci gedachte Konzert musste wegen des launischen Wetters in den Nikolaisaal verlegt werden. Die unmittelbare Nähe zum Musikzimmer, in dem Friedrich und seine Kapellmitglieder sich zu musikalischen Soiréen trafen, wäre von größerer atmosphärischer Dichte gewesen, doch die eingeblendete Fotografie vom Schloss an der Rückwand des Nikolaisaals war schließlich ein Trostpflaster. Das französische Ensemble Les Musiciens de Saint-Julien unter der Leitung des Flötisten François Lazarevitch, das als Ensemble in Residence 2016 fungiert, stellte ein kammermusikalisches Programm mit französischer Barockmusik und Werken, die an Preußens Hof Friedrichs des Großen entstanden sind, zusammen. Die Interpreten machten die Musik mit ihrem feinsinnigen und klangvollen Spiel zu einer Entdeckung und zu einem Erlebnis. Die Besucher konnten im Nikolaisaal einen Eindruck gewinnen, wie die Musik damals in Potsdam und Paris geklungen haben mag.

Der 1700 geborene Michel Blavet war bei seinen Zeitgenossen als der Flötenvirtuose schlechthin berühmt. Er hinterließ mehrere Bände mit seinen komponierten Werken für die Traversflöte, aus denen Lazarevitch und das siebenköpfige Ensemble das Konzert in a-Moll, das unter dem Einfluss des Italieners Antonio Vivaldi steht, noch zurückhaltend und spröde musizierte. Bei dem galanten Konzert Pierre-Gabriel Buffardins, dem Soloflötisten des sächsischen königlich-kurfürstlichen Orchesters in Dresden, sowie dem Konzert in G-Dur von Johann Joachim Quantz wurde das Spiel François Lazarevitchs dann sanfter und delikater. Wie perfekt beide Komponisten das ihnen so vertraute Soloinstrument zu inszenieren verstanden, wurde im Nikolaisaal hörbar. Mit einem sonnigen Flötenton, souveräner Agogik und lustvoller Durchgestaltung gab der französische Flötist der charmanten Melodik beider Werke ihren Stellenwert. Besonders der zweite Satz des Buffardin-Konzerts, ein Andante, gelang ihm mit verführerischem Musizieren. Lazarevitchs Ensemble-Kollegen waren sensible Begleiter und bei den solistischen Piécen von Antoine Forqueray (Sarabande aus der 4. Suite für Viola dagamba und Basso continuo) und Louis Marchand (Chaconne in d-Moll für Cembalo) markant gestaltende Solisten.

Zum Höhepunkt des „Flötenkonzerts“ wurde die Violinsonate in h-Moll von Franz Benda, einem gebürtigen Böhmen, der aus einer Musikerdynastie stammte und erster Geiger der Hofkapelle Friedrichs des Großen war. Das lyrische und vor allem expressive Stück ist von erster Güte und hörbar von einem Violinvirtuosen geschrieben. In dem Geiger David Greenberg fand die Sonate einen kompetenten Sachwalter. Die feingliedrige Musik verlangt nach einem Höchstmaß an rhythmischer und agogischer Differenzierung. Greenberg leistete dabei Beachtliches. Die vielfältigen virtuosen Passagen vollzog der Geiger in einem atemberaubenden Tempo, immer souverän und unangestrengt. Das Publikum jubelte und spendete langanhaltenden Applaus.

 

Jazz im Ehrenhof von Sanssouci

Eine rot illuminierte Mühle. Was fällt einem bei deren Anblick ein? Natürlich das Moulin Rouge, das historische Pariser Varietétheater. Auch die Historische Mühle in Sanssouci war rot angestrahlt. Ein wenig sollte sie an das Cabaret in der französischen Hauptstadt erinnern. Doch Samstagnacht ging es um die Sommerresidenz Friedrichs des Großen – am Restaurant Mövenpick, im Nordischen Garten und an der Bildergalerie – braver zu als im Moulin Rouge. Dennoch: Die Stimmung reichte von melancholisch, fröhlich bis verrückt-virtuos. Die Musikfestspiele luden zur Sanssouci Jazznacht ein, bei der sich Alte Musik und Jazz trafen. Kein effektheischendes Crossover, sondern eine harmonische Melange wurde geboten. Unterschiedliche Stil- und Spielarten gab es zu hören.

So reiste man wie mit einer Zeitmaschine mit den französischen Musikerinnen und Musiker der Alte-Musik-Szene in die Renaissance und den Barock. Dabei gab es fließende Übergänge zum weiten Feld des Jazz. Michel Godard zeigte an der Bildergalerie, dass ein historisches Instrument wie der Serpent, ein Urahn der Tuba, mächtig „grooven“ kann. Der Countertenor Dominique Visse brachte gemeinsam mit Bruno Helstroffer, E-Theorbe und Jean-Louis Matinier (Akkordeon) im Nordischen Garten in die Gesänge der Renaissance- und Barockmeister Guillaume de Machaut, Tarquinio Merula, John Dowland oder Johann Sebastian Bach etliche jazzige Elemente ein. Auf der kuschligen Terrasse der Historischen Mühle erzählte Carole Martiné in in ihren Jazzchansons und Folkballaden Geschichten von der Liebe und aus dem Alltag. Begleitet wurde ihre warm-verführerische Stimme von den sensiblen Klängen Paul Audoynauds und Romain Vicentes auf der Gitarre und dem Schlagzeug. Ganz so still war es im Mövenpick nicht, denn die Gruppe Papanosh bevorzugte expressive Jazzklänge, bei denen vor allem Raphael Quenehen, Saxofon, und Quentin Ghomari, Trompete, virtuose Klangerlebnisse boten. 

 

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