• Musikfestspiele Potsdam: Des kranken Mannes Juwel

Musikfestspiele Potsdam : Des kranken Mannes Juwel

Die Musikfestspiele erinnern an die Kraft der Musik – nach 1945, in der Renaissance und auf dem Balkan

Peter Buske
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Foto: Wikipedia
17.06.2018 22:10

Die Cecilienhofnacht 1945

Im Schloss Cecilienhof tagten vom 17. Juli bis 2. August 1945 die drei mächtigsten Männer der Welt: Stalin, Truman und Churchill, an dessen Stelle später Attlee trat. Hier berieten sie nach den Schrecken der nationalsozialistischen Zeit und des Zweiten Weltkrieges über die Zukunft Deutschlands und Europas. Große europäische Geschichte, ja Weltgeschichte wurde also im Schloss verhandelt. Mit der Potsdamer Konferenz nahm aber auch der Kalte Krieg seinen Anfang. An diese Tage vor 73 Jahren erinnerten die Musikfestspiele während der „Cecilienhofnacht 1945“. Das diesjährige Europa-Thema war dafür ein guter Anlass.

Rund 650 Gäste gaben sich am und im einstigen Schloss des Kronprinzen Wilhelm, das von ihm bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges bewohnt wurde, ein Stelldichein: in historischen Räumen sowie auf dem Rondell vor dem Haupteingang. Im Weißen Salon, während der Konferenz in Stalins Arbeitszimmer, erklangen neun Lieder des Briten Benjamin Britten – die er 1945 nach den „Heiligen Sonetten“ des Renaissancedichters John Donne geschrieben hatte. Die Zwiegespräche mit Gott und die Selbstbefragung im Angesicht des Todes zeigen Brittens Fähigkeit zur intensiven dramatischen und lyrischen Gestaltung. Der Tenor Mark Milhofer erfasste die Stimmung, das Gefühl und die verbale Musik jedes Gedichts ganz genau und machte sie als prägnante Kurzszenen erlebbar, die unter die Haut gingen. Dazu kam das brillante und sensible Klavierspiel von Christopher White.

Brittens Kollege Dmitri Schostakowitsch in Leningrad musste sich immer wieder mit stalinistischen Angriffen auseinandersetzen. 1944 wurde sein 2. Streichquartett in A-Dur op. 68 uraufgeführt. Die von den Kunstzensoren geforderte Volkstümlichkeit schien sich der Komponist zunächst zu Herzen zu nehmen, doch nach wenigen Takten geht ein Riss durch die schöne Melodie. Ein insgesamt düsteres und expressives Werk hat der Komponist hinterlassen, das mit seiner modalen Harmonik einen unverkennbar slawischen Ton anschlägt. Das Berlin Chamber Players Quartet mit Laura Rajanen, David Gorol, Dorian Wezel und Zoé Cartier musizierte das Streichquartett im Marschallsaal mit einer wunderbaren Palette an Klangfarben und anspruchsvoller Liebe zum Detail.

Draußen vor dem Schloss beherrschten Andrej Hermlin und das Swing Dance Orchestra sowie sein Sohn David Hermlin mit Trio die Bühne. Sie fühlen sie sich dem Swing verpflichtet, der mit großem Erfolg aus den USA nach Europa überschwappte, Musik, die zum „Überlebenselixier“ in rauen Zeiten wurde und die Befreiung und Lebensfreude nach 1945 symbolisierte. Das Dance Orchestra und das Trio spielten die Klassiker von Benny Goodman, Paul Whiteman oder Glenn Miller originalgetreu. Dazu gehört, dass sie mit Ausnahme des Gesangs auf Mikrofone verzichten. Das war zunächst irritierend. Man gewöhnte sich schnell daran, dennoch: die eher kammermusikalisch gespielten Stücke des Trios mit Klarinette, Klavier und Schlagzeug verlangen einen intimen Rahmen, nicht das weite Rund des Rondells, wo der Klang sich mehr oder weniger verflüchtigte.

Da war das Swing Dance Orchestra besser dran. Es konnte mit großer Besetzung und einer ebensolchen Palette seiner klanglichen Möglichkeiten die Zuschauer für sich einnehmen. Solist war David Hermlin, der mit seiner butterweichen Stimme und quirligen Stepkünsten Furore machte. Hier wurde erneut deutlich: Musik kann ohne politische Verträge über Grenzen hinweg verstanden werden. Klaus Büstrin

Madrigalkunst mit „Voces Suaves“

Für Luxus hatte man einst an den italienischen Fürstenhöfen viel übrig. Speis’ und Trank sorgten für leibliches Wohl. Für seelische Erbauung sorgten die nicht weniger opulenten Beigaben aus Musik und Dichtung. Waren sie auf kunstvolle Weise zusammengefügt, servierte man sie als Madrigale. Als musikalisch-poetische Köstlichkeiten wurden sie zwischen 1570 und 1620 zur Lieblingsform gesellig-künstlerischen Musizierens.

Um Madrigale a cappella und zumeist fünfstimmig überzeugend und nicht langweilend aufführen zu können, bedarf es einer diffizilen Ausdrucksgestaltung und tonmalerischen Variabilität. Und die wiederum verlangt nach lieblichen Stimmen, über die das aus Basel stammende Ensemble „Voces Suaves“ in achtfacher Ausführung – vom lieblichen Sopran über einen samtenen Altus bis hin zum orgelnden Bass – verfügt. Aus dem schier unerschöpflichen Madrigal-Fundus haben die „Lieblichen Stimmen“ ein spezielles, in drei thematische Abschnitte gegliedertes Programm für die Musikfestspiele im Raffaelsaal zusammengestellt.

Farbenreich und geschmeidig, voller Leichtigkeit und enormer Lebendigkeit tragen sie eingangs Claudio Monteverdis „Ecco mormorar l’onde“ vor und stimmimaginieren die Bewegungen von Wasser, Blättern, heiterem Himmel und perlendem Tau auf angenehmste Weise. Einen satirischen Blick aufs Sterben aus Liebe wirft der Dialog „Tirsi morir volea“ von Giaches de Wert, bei dem drei Frauen vier Männerstimmen gegenüber stehen. Allesamt Charakterstimmen, die über einen traumhaft schönen Pianissimoklang verfügen, aus dem sie sich in eine finale Liebesleidenschaft steigern. „Wie kömmt’s, o zarte Filli mein, dass in meiner Äugelein Amor sich logieret ein“, vermeldet später Johann Hermann Schein.

In ähnlicher Bandbreite wird von „schmerzhaften Liebesmartern“ (Luca Marenzio) berichtet oder „brennend sehnlicher Not“ (Leonhard Lechner). Dann vertreibt Thomas Weelkes mit seiner Aufforderung „Komm her, Musik, des kranken Mannes Juwel“ jegliche Sorgen. Im dritten Teil des pausenlos dargebotenen Programms mit Kompositionen unter anderem von John Dowland, Giulio Caccini und Heinrich Schütz kommen „Amarilli und andere Hirtinnen“ zu Wort.

Zum Schluss entbietet Giaches de Wert mit „Cara Germania mia“ eine Liebeserklärung nicht nur an Deutschland, sondern auch an Italien. Diese Vorahnung eines einheitlichen Europas wird achtstimmig vorgetragen. Für klangliche Abwechslung sorgt Ori Hamelin, der auf Laute und Chitarrone viele Madrigale begleitet und in zwei Solostücken seine zupfende Fingerfertigkeit vorzeigt. Mit einem Lobgesang aufs Musizieren danken die „Voces Suaves“ dem begeisterten Applaus. Peter Buske

Christina Pluhar: „All’Improvviso Balkan“

Es ist merkwürdig, dass europäische Kulturen sich einerseits relativ nahestehen und trotzdem weit voneinander entfernt sind. Selten steigt jemand tiefer ein, um die Wurzeln fremd anmutender Musik zu erkunden. Die Musik des Balkan zum Beispiel wird im westlichen Europa zumeist als exotisch angesehen, manche Songs geraten sogar in die Pop-Kategorie.

Christina Pluhar aber, die Grande Dame der Alte-Musik-Szene, und ihr Ensemble L’Arpeggiata tauchen in die zunächst fremde Welt der Balkan-Musik ein. Dabei entdecken sie faszinierende Klangwelten entlang der Balkanrouten von Griechenland über Mazedonien und Serbien nach Kroatien oder über Bulgarien die Donau aufwärts nach Bosnien. In der Nacht zum Sonntag teilten sie mit den Zuhörern vor der prachtvollen mediterranen Kulisse der Sanssouci-Orangerie, mit ihrer Illumination und beim abschließendem Feuerwerk besonders wirkungsvoll, ihre musikalischen Erlebnisse.

Musik ist wie eine Reise, eine Annäherung an immer wieder neu zu entdeckende Klangwelten. Zum Balkanprojekt von L’Arpeggiata gesellten sich exzellente Künstler: der Chor Bulgarien Voices Agelite, Gesangs- und Instrumentalsolisten aus Griechenland, Bosnien, Bulgarien, Belgien und Italien. Die Lieder erzählen von Glück und Unglück, Sehnsucht und Trennung – und von Menschen, die die Balkanroute als Flüchtlinge gehen, auf der Suche nach Frieden und Geborgenheit.

Christina Pluhars ambitioniertes Programm ist von großer Aktualität. Die musikalische und interpretatorische Qualität des Ensembles, das mit Instrumenten wie Zink, Theorbe, Barockgitarre, Kontrabass, Piano, Akkordeon, Gadulka oder Lyra vielfältige Klänge hervorzaubert, ist bewegend, vielschichtig und verbindend. Mal im barockem Stil, mal folkloristisch oder improvisiert, Meist klingt das melancholisch, ja traurig, doch unwiderstehlich, um dann heitere Tanzrhythmen aufleben zu lassen. Großer Wert wurde auf die Improvisationen gelegt. Die traditionelle Musik wurde so auf schönste Weise in unser Heute geholt – vor lauter Begeisterung trennte man sich offenbar ungern vom improvisierten Musizieren. Etwas weniger wäre mehr gewesen. Nach dem zweistündigen pausenlosen Konzert sagte eine Besucherin: „Auch diese Musik ist Europa. Wir vergessen es oft.“ Klaus Büstrin

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