• Musikfestspiele: Die süßesten Freuden sind die stärksten Waffen

Musikfestspiele : Die süßesten Freuden sind die stärksten Waffen

André Campras Opéra-ballet „L’Europe galante“ in der Orangerie Sanssouci ist eine funkelnde Liebeserklärung an die Liebe.

Peter Buske
Sopransinnlich. Chantal Santon Jeffery in „L’Europe galante“. F.: Musikfestspiele/S. Gloede
Sopransinnlich. Chantal Santon Jeffery in „L’Europe galante“. F.: Musikfestspiele/S. Gloede

Potsdam - Es ist ein durchaus zeitgenössisches Szenario: Junge Leute aus ganz Europa beschließen, eine Party steigen zu lassen. Die geeignete Location findet sich in dem verlassenen Maleratelier, in das sich der rechte Flügel des Orangerieschlosses verwandelt hat – mit einer unvollendeten Leinwandmalerei, Farbtöpfen, Baumkübeln und einer Leiter. Aufgeregt begrüßen sie die zahlreich erschienenen fiktiven wie realen europäischen Gäste, die an dem Abend erfahren sollen, wie in und um Europa nicht gekämpft und intrigiert, sondern geliebt wird.

Diese modern-gegenwärtige Version des Prologs zum barocken Opéra-ballet „L’Europe galante“ von André Campra (1660–1744) geht durchaus mit der Absicht des Originals konform. Mit diesem Werk, in dem sich Musik, Gesang, Sprache und Tanz auf bislang ungewohnte Art verbinden, hat der Komponist ein ganz spezielles französisches Genre erfunden. Anders als die längst in Langeweile erstarrte Tragédie en musique wünsche sich das Publikum „etwas anderes als Opfer, Zauberer, Paläste und Tempel“ auf der Bühne, wie damals ein Pariser Theaterbesucher schreibt. Campra lässt sich von Antoine Houdar de la Motte ein Libretto schreiben, liefert eine in vielen Farben funkelnde Musik, mit der er vier ausgewählte Nationen zu charakterisieren versucht. Klischees inklusive: eine schäferidyllische Pastorale für Frankreich, eine glutvolle nächtliche Serenade für Spanien, eine Karnevalsmaskerade für Italien und eine janitscharenmusikreiche „Tourquerie“ für den Intrigantenstadel im türkischen Serail.

Arbeiten für das Glück der Welt

Natürlich steht der vierteilige Liebeshymnus unter der göttlichen Schirmherrschaft von Venus, die in Gestalt einer aus Stoffteilen bestehenden Stabmarionette erscheint und von zwei Mitwirkenden in flatternder Bewegung gehalten wird. Ihr Credo verkündet die strahlkräftig und sopransinnlich auftrumpfende Chantal Santon Jeffery: „Schmieden wir neue Pfeile für den Sohn der Venus, um viele Herzen zu verwunden.“ Worauf ihr der prachtvoll singende Chor antwortet: „Wir arbeiten für das Glück der Welt: wer verwundet wird, erlebt tausend Zauber.“

Doch ehe das alles bei der Musikfestspiel-Premiere am Dienstag in einer fantasievollen, poetischen, vor Einfällen nur so übersprudelnden Inszenierung (Vincent Tavernier) über die Bühne gehen kann, erscheint die Zwietracht in Gestalt einer ebenfalls stoffflatternden Stabmarionette. Sehr bühnenwirksam tritt sie auch in natura auf, um mit bassbaritonaler Intensität (Philippe-Nicolas Martin) zu verkünden, dass sie Amor aus Europa vertrieben habe. Worauf Mutter Venus kontert: „Lasst Amor herrschen, seinen Zauber funkeln“, und ihr das chorische Kollektiv, das im Verlauf des vergnüglichen Abends nicht weniger exzellent zu spielen und zu tanzen vermag, beipflichtet: „Die süßesten Freuden sind die stärksten Waffen.“ Der Kampf kann beginnen.

Frankreich zieht das erste Los

Er wird von den stilkundigen Barocktänzern der Compagnie de Danse L’Eventail und der historisch informierten Musiziergemeinschaft aus Les Folies françoises und dem Collegium marianum Prag unter Patrick Cohën-Akenine auf die seh- und klangvorzüglichste Weise begleitet. Für die jeweiligen Landes- und Liebesstationen verwandelt sich jeder der spiel- und sangesexzellenten, gegenwartsnah gekleideten Sänger durch landestypische Accessoires wie Armkrausen und Haarkonfigurationen, Hauben und Hüte (Kostüme: Erick Plaza Cochet) in mehrere Figuren. Wie erwartet zieht Frankreich das erste Los. Als flatterhafter Vorzeigefranzose muss Sylvandre (Douglas Williams) ein lobpreisendes Untreue-Statement abgeben, das ihm vom PR-Management auf einzelnen Blättern zugereicht wird. Was die Schäferin Céphise alias Venus gar nicht komisch findet, da schließlich noch eine gewisse Doris (Eugénie Lefebvre) auftaucht, was für eine gehörige Portion von Eifersucht sorgt.

Die zweite Ziehung (vom Publikum) trifft Italien. Misstrauen und Eifersucht auch in dieser Zweierbeziehung, denn Er vermisst von Ihr Dank für seine Treue – ein Schelm, wer hier etwa politassoziativ Arges vermutet. Tatsächlich im nächtlichen Dunkel von Sanssouci spielt sich dann die Rivalität zweier Männer ab, die mit Gesang darüber streiten, wer von ihnen zärtlicher und treuer lieben kann. Im Harem schließlich obsiegt die wahre, einzige und treue Liebe über die Zwietracht in der Welt. Passend dazu ein fliegender Teppich mit dem Sultan (?) an Bord. Zum Venussiegjubel auf der Bühne gesellt sich der des Publikums. 

„L’Europe galante“, heute und morgen um 20.30 Uhr in der Orangerie Sanssouci