• Musik und Frieden beim Musikfestival „Vocalise“

Musikfestival „Vocalise“ : Musik und Krieg und Frieden

Das Potsdamer Musikfestival „Vocalise“ beschäftigt sich in diesem Jahr mit dem Thema „Krieg und Frieden“. Was die Zuschauer dann erwartet.

Der „Völkerapostel“. Der Heilige Paulus, gemalt von El Greco 1610. 
Der „Völkerapostel“. Der Heilige Paulus, gemalt von El Greco 1610. Repro: Vocalise

Potsdam - Der Beginn des 30-jährigen Krieges vor 400 Jahren sowie das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren sind Anlässe, über Krieg und Frieden, Gewalt und Gewaltfreiheit auch musikalisch nachzudenken. Waffenhandel, Cyberkriege und Terrorismus zeigen, dass das Thema nach wie vor brisant ist. Im Krieg kann Musik zur Waffe werden. Sie wird missbraucht und zum verlängerten Arm, um Schlagworte der Propaganda den Gehirnen der Massen einzubläuen. Musik soll als kultureller Stacheldraht Frontverläufe markieren zwischen Nationen und Kulturen. Sie soll anzeigen, wer Freund ist und wer Feind, wer gut ist und wer böse, kulturell erhaben und primitiv. Am 9. November 1938 haben in der Reichspogromnacht die Nationalsozialisten mit ihren Schlägertrupps jüdische Geschäfte und Synagogen zerstört, Tausende Juden misshandelt, verschleppt, ermordet. Spätestens an diesem Tag hätte jeder Deutsche sehen können, dass Antisemitismus und Rassismus bis hin zum Mord staatsoffiziell wurden. Ein Jahr später hat Hitler sie in einen schrecklichen Krieg geführt. Komponisten haben durch ihre traumatischen Kriegserlebnisse nicht nur die fürchterlichen Erlebnisse des Krieges gespiegelt, sondern die daraus entspringende Hoffnung auf Freundschaft und Versöhnung geschöpft.

Potsdamer Chöre werden mitwirken

Dem so gewichtigen Thema „Krieg und Frieden“ nimmt sich das diesjährige Potsdamer Festival „Vocalise“ an, veranstaltet von Musik an der Erlöserkirche e.V.. Sein künstlerischer Leiter Ud Joffe hat Chöre aus der Landeshauptstadt wie den Oratorienchor, die Singakademie, den Nikolaichor eingeladen, an dem herbstlichen Musikfest vom 6. bis 25. November mitzuwirken. Für das Auftaktkonzert am 6. November in der Französischen Kirche (Beginn 19.30 Uhr) konnte das international renommierte Ensemble Profeti della Quinta gewonnen werden. Gegründet wurde es in Galiläa in Israel. Durch die Muttersprache seiner Mitglieder ist das Quintett prädestiniert für die Interpretation der Psalm-Vertonungen von Salomone Rossi (1570-1630) in hebräischer Sprache. Einen besonderen Programm-Akzent versprechen die Hohelied-Vertonungen aus dem Alten Testament des Ensembleleiters Elam Rotem. Das Konzert wird mit Lesungen von Texten bereichert, in denen Menschen sich als Sprachrohr Gottes, als Propheten, verstanden.

Bartholdys Paulus gehört zu kostbaren Werken der Romantik

Felix Mendelssohn Bartholdys Musik durfte während der Zeit des Nationalsozialismus öffentlich nicht erklingen. Als zum Christentum konvertierter Jude war er bei den Nazis dennoch nicht willkommen. Sein "Paulus" gehört zu den kostbaren Werken der Oratorienliteratur der Romantik und darüber hinaus. Es erzählt in bewegender Musik davon, wie der Christenverfolger Saulus zum Christusbekenner Paulus wird. Der Oratorienchor Potsdam musiziert Mendelssohns Werk gemeinsam mit dem Neuen Kammerorchester Potsdam und Gesangssolisten am 10. November um 19.30 Uhr in der Friedenskirche Sanssouci unter dem Dirigat von Kantor Johannes Lang.

Selten aufgeführte Werke stehen auf dem Konzertprogramm der Singakademie Potsdam am 11. November, 17 Uhr, im Nikolaisaal: Gustav Mahlers 1878 bis 1880 entstandene Kantate „Das klagende Lied“, die Motive aus den Märchen der Brüder Grimm und Ludwig Bechstein aufnimmt sowie die aufrüttelnde Kantate „Dona nobis pacem“ des britischen Spätromantikers Ralph Vaughan Williams. Thomas Hennig dirigiert neben der Singakademie auch den mitwirkenden Berliner Oratorienchor sowie das Preußische Kammerorchester Prenzlau.

Ein friedvolles Requiem ohne Drohgebärden komponierte der Franzose Gabriel Fauré. „Es ist so sanftmütig wie ich selbst“, sagte er im Jahre 1900 und später erläuterte er, dass er den Tod „nicht als ein schmerzliches Erlebnis, sondern als eine willkommene Befreiung, ein Streben nach dem Jenseits ansehe.“ In der St. Nikolaikirche wird Kantor Björn O. Wiede das Werk mit dem Nikolaichor und Gesangssolisten am 18. November um 18 Uhr zu Gehör bringen. 

„Ein deutsches Requiem“ in Potsdam

Eine weitere Requiem-Interpretation ist für den 25. November um 17 Uhr in der Erlöserkirche vorgesehen. Ud Joffe bereitet mit der Potsdamer Kantorei und dem Neuen Kammerorchester Potsdam die Aufführung von Johannes Brahms' „Ein deutsches Requiem“ vor. Im selben Konzert kommt die Symphonische Kantate „Ein Jegliches hat seine Zeit“ von Hans Chemin-Petit zu Gehör. Chemin-Petit, gebürtiger Potsdamer und bis Anfang der fünfziger Jahre eine der wichtigsten Repräsentanten des Musiklebens Potsdams, ist mit Kompositionen in seiner Heimatstadt noch selten vertreten. Von daher wird die Bekanntschaft mit der Symphonischen Kantate mit Spannung erwartet.

Weiterhin ist ein Liturgisches Konzert zum Volkstrauertag am 18. November um 11 Uhr mit Mitgliedern des Neuen Kammerchores, des Vocalconsort sowie der Cappella Nuova in der Erlöserkirche geplant. Sie musizieren unter anderem die Musikalischen Exequien von Heinrich Schütz, eine evangelische Begräbnismesse. Als eine besondere Farbe des Festivals gelten die vier Konzerte des Ensembles Mückenheimer an verschiedenen Orten der Stadt mit Friedensliedern der Popkultur. Seit es Kriege gibt, singen Menschen für den Frieden. Billie Holidays ergreifende Anklage „Strange Fruit“ gehört dazu oder der große Hit wie „Blowin' in the Wind“, auch Schlager wie "Ein bisschen Frieden". Die erste Veranstaltung findet am 13. November um 20 Uhr in der Buchhandlung Viktoriagarten, Geschwister-Scholl-Straße 10, statt. Mitsingen ist ausdrücklich erwünscht. 


Das Festival Vocalise findet vom 6. bis 25. November an verschiedenen Orten Potsdams statt.