• Musik für Hirn und Herz - und eine Hand

Kultur : Musik für Hirn und Herz - und eine Hand

Oehring, Prokofjew und Ravel im Sinfoniekonzert

Christoph GuddorfD

„Musik ist wie kein anderes Medium in der Lage, die Menschen zu erreichen - sie krabbelt übers Rückenmark ins Hirn und ins Herz.“ Mit ihr will der Komponist Helmut Oehring bereits Geschehenes dokumentieren, Schattenseiten heutigen Lebens bündeln und Gefühle ins Gedächtnis einbrennen. „Ich verschlüssele zunächst außermusikalisch-inhaltliche Themen; der Vorgang des Entschlüsselns und des Zurückverwandelns spielt sich bei dem Dirigenten, den Musikern und Hörern auf der emotionalen Ebene ab und ist daher tiefer und nachhaltiger verständlich und wirksam, als es Zeitung oder Film vermögen.“

Schaurig-leises Trommeln und sirenenartige Posaunenklänge lassen die „Schrecken des Krieges“ erahnen, die den spanischen Maler Francisco de Goya zu seinem berühmten Zyklus „Los Desastres de la Guerra“ veranlassten, der Szenen aus dem Spanien der Napoleonischen Kriege zeigt. Oehring hat sich damit innerhalb eines Werkzyklus, zu dem neben dem Orchesterstück Goya I. Yo lo vi auch ein Oratorium, ein Streichquartett sowie eine Oper gehören, auseinandergesetzt. Die Radierung „Yo lo vi“ – übersetzt: „Ich sah es“ – zeigt, wie eine Mutter ihr zu Tode erschrockenes Kind vom Kriegsschauplatz wegzerrt. Neben Goya ist aber noch ein weiterer Künstler für das im Sinfoniekonzert mit dem Brandenburgischen Staatsorchester unter Leitung von Howard Griffiths erklingende Orchesterwerk bedeutsam. In Ludwig van Beethoven erkennt Oehring einen geistigen Bruder Goyas: Durch Taubheit gesellschaftlich isoliert, in ihren revolutionären Idealen enttäuscht, strebten beide in ihrer Kunst nach neuen Strukturen, nach politischer Stellungnahme. „Goya I. Yo lo vi“ ist eines der wenigen Stücke des Berliner Komponisten, das weder elektronisches Material noch die Gebärdensprache verwendet, sondern Beethovenzitate.

Der österreichische Pianist Paul Wittgenstein, dem im Ersten Weltkrieg der rechte Arm amputiert werden musste, wäre wohl am Ende seiner Karriere angekommen, hätte er nicht aus seiner Not eine Tugend gemacht: Er arrangierte selbst allerhand Literatur und beauftragte Komponisten wie Ravel, Prokofjew, Hindemith, Strauss und Korngold, Werke für eine Hand zu schreiben.

Ravels Beitrag, das einsätzige Konzert in D-Dur (mit Christian Seibert am Klavier), fasziniert nicht nur durch die technische Herausforderung, die Verknüpfung verschiedenster Artikulationen in einer Hand und die Schaffung eines Klangraums, der akustisch von dem eines kompletten, zweihändigen Klaviersatzes kaum zu unterscheiden ist, sondern ebenso mit einerseits wuchtig-monumentaler, andererseits feingliedriger und exotischer Orchestration sowie einer unglaublichen Intensität, Kraft und Sinnlichkeit.

Ballettsuiten werden meist als die kleinen Schwestern der großen Bühnenmusiken betrachtet und von den Komponisten meist nachträglich für den Konzertgebrauch bearbeitet. Bei Prokofjews „Romeo und Julia“ verhält es sich anders. Denn kurioserweise kamen die Suiten noch vor der Premiere der kompletten Ballettmusik zur Erstaufführung, da die Tänzer sich von der eigenartigen Instrumentierung, dem ständig wechselnden Rhythmus und dem kammermusikalischen Charakter irritiert fühlten. Heute ist kaum mehr vorstellbar, dass zunächst die Suiten für die allgemein geschmähte Musik und ihre „Tanzbarkeit“ werben mussten, fließen in „Romeo und Julia“ doch alle Eigenschaften von Prokofjews Kompositionskunst zusammen: motorische Aggressivität und melodischer Reichtum, brutale Klangentladung und kammermusikalische Intimität. Christoph Guddorf

17. Januar, Großer Saal, 19.30 Uhr : Sinfoniekonzert