Kultur : Musik als Kraftfeld

Exxential Bach und I Confidenti präsentierten die Performance „Bach, Passion, Aleppo“

K. Büstrin
Mit Maske und Tuch. Der Pantomime Steffen Findeisen kommentierte das Gesungene szenisch.
Mit Maske und Tuch. Der Pantomime Steffen Findeisen kommentierte das Gesungene szenisch.Foto: promo

Das Kreuz auf dem Altar ist verdeckt, doch es ist auf dem überdimensionalen abstrakten Gemälde des Berliner Politikwissenschaftlers und bildenden Künstlers Bernd Guggenegger sichtbar. Dramatische Lebenswirklichkeiten mit ihren Unruhen, Ängsten, Kriegen, Vertreibungen werden darauf in ihrer ganzen Wucht erkennbar. Neben Guggeneggers Gemälde gibt es zwei kleinere Bilder, die tief verschleierte Gestalten zeigen: Menschen in unendlicher Trauer, erfüllt von Hoffnungslosigkeit. Doch gerade das will die Musik von Johann Sebastian Bach nicht. Sie will Kraftfeld für Verzweifelte und Trauernde sein.

Die Ensembles Exxential Bach, das unter der Leitung von Nikolaikirchen-Kantor Björn O. Wiede musiziert, sowie I Confidenti haben eine Musik-Theater-Performance mit Ausschnitten aus der Matthäuspassion, der Johannespassion sowie der h-Moll-Messe des Thomaskantors erarbeitet. Dazu gesellten sich der Altus Razek-Francois Birat aus Syrien und drei weitere Musiker aus seinem Heimatland mit uralten syrischen Passionsgesängen, unter anderem in aramäischer Sprache, die auch Jesus von Nazareths war. Die katastrophale aktuelle Lage in Syrien ist mit Anlass gewesen, diese Performance zu gestalten. Unter dem Titel „Bach, Passion, Aleppo“ machten sich Kantor Björn O. Wiede und Regisseur Jürgen Hinz daran, aus den verschiedenen musikalischen Kulturen, die inhaltlich eine Einheit bilden, eine Aufführung zu gestalten, die fernab ist von theatralischen Passionsspielen à la Oberammergau. Am Gründonnerstag gab es eine Aufführung in der St. Matthäuskirche Berlin, am gestrigen Karfreitag in der St. Nikolaikirche Potsdam.

Bachs große musikalische Exegesen, Dramatik und sein tief anrührender Glaube sind ein vollendetes und überwältigendes Kunstwerk, sie brauchen eigentlich keine visuelle Übersetzung, die kunstvollen und emotionalen Gesänge aus Syrien ebenfalls nicht. Dirigent Wiede und Regisseur Hinz wissen zwar, dass jedes Hinzufügen weiterer Kunstmittel auch zerstörerisch sein kann. So sahen sie ihre szenische Collage als einen Versuch, als Experiment an. Die zumeist in sich gekehrten Interpretationen trafen den Nerv der Besucher.

Die Auswahl aus den Bach-Passionen folgte nicht vordergründig den dramatischen Geschehnissen, wie sie die Evangelisten Matthäus und Johannes aufgeschrieben haben, sondern den Reflexionen und Bekundungen der Anteilnehmenden und Gläubigen in Arien und Chören. Die Kreuzigung selbst wurde durch das relativ knappe „Crucifixus“ aus dem Credo der h-Moll-Messe musikalisch dargestellt. Auch die syrischen Passionsgesänge sind innige Gebete: das Vaterunser, der Ruf nach Erbarmen, die Trauer der Mutter Jesu oder die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Sehr zurückhaltend wurde das Gesungene szenisch kommentiert, damit keine Dopplung mit der Musik stattfindet. Der Pantomime Steffen Findeisen gab seinen stilisierten Auftritten Prägnanz und eine unmittelbare Emotion. Oftmals waren Tücher Requisiten. Hände wurde damit gebunden, sei dehnten sich zum Kreuz, wurden zu einer Pietà geformt oder der Körper als Zeichen tiefer Trauer verhüllt. In diese behutsame und geschmackvolle Szenerie wusste sich noch am ehesten der Altus Razek-Francois Bitar einbinden zu lassen, weniger die Konzertsängerin Heidi Maria Taubert, Sopran, und die Sänger Moritz von Cube, Altus, der kurzfristig eingesprungene Tenor Stefan Kahle sowie der Bass Sebastian Bluth. Nur wenn sie den Klavierauszug beiseitelegten, öffnete man sich vorsichtig den szenischen Gegebenheiten. Doch den Arien und von den ihnen gesungenen Chören haben sie eine klangliche Wohltat und gestalterische Eindringlichkeit verliehen, sodass der Bekenntnischarakter der Aufführung wunderbar zur Geltung kam. Nur der Eingangschor „Herr unser Herrscher“ (Johannes-Passion) erklang in der Mini-Besetzung dann doch etwas zu asketisch.

Björn O. Wiede nahm Bach ganz beim komponierten Wort. Bei ihm bestimmten Wortklang und die Aussage seinen Aufführungsstil. Auch die zwölf Musiker von Exxential Bach, an der Spitze der gebürtige Potsdamer Thomas Pietsch an der Barockvioline, erwiesen sich mit historischen Instrumenten und dem daraus resultierenden schlanken Ensembleklang weitgehend als gute Wahl für dieses Projekt. Den Gesangssolisten erwies es sich als ein klangschönes Fundament.

Der Sänger Bitar wusste mit den von ihm gesungenen Passionsgesängen Emotionen aufzubauen, die ergreifend ans Herz gingen und doch nicht kitschig wirkten. Seine syrischen Landsleute Mohamed Fityan, Nabil Hilaneh und Joseph Shallah musizierten auf arabischen Instrumenten und gaben den Interpretationen Bitars musikalische Farben, die den Konzertabend einen besonderen und eindrucksvollen Reiz verliehen. K. Büstrin

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.