• Museum im Minsk: Plattners vielschichtige Sammlung von DDR-Kunst

Museum im Minsk : Plattners vielschichtige Sammlung von DDR-Kunst

Die DDR-Kunstsammlung von Hasso Plattner mag durchaus umstritten sein, eines ist sie aber nicht: einseitig. Langweilig schon gar nicht. Und es stellt sich die Frage: Wohin mit dem "Jahrhundertschritt"?

Willi Sitte "Selbstbildnis" von 1984.
Willi Sitte "Selbstbildnis" von 1984.Foto: Manfred Thomas

Potsdam - Es gab nicht nur die strammen Arbeiterporträts, die fröhlich singenden Pioniere und rosarot gepinselten Stadtansichten: Kunst aus der DDR lässt sich nicht in einen Topf werfen und mit dem Etikett sozialistischer Realismus beschriften.

Das zeigt bestens auch die Sammlung von Hasso Plattner. Im Westen sozialisiert und als millionenschwerer Unternehmer nimmt er sich der Kunst der DDR an, die vielerorts noch immer naserümpfend in die politische Schmuddelecke gestellt wird. Plattner sammelt sie: nach eigenem Gusto, unbeeindruckt von politischen Ressentiments und Geschmäckle. Und will sie jetzt auf den Berg stellen: auf den „Brauhaus“.

Nicht jedem wird die Auswahl seiner gesammelten Werke gefallen. Es sind vor allem die namhaftesten Künstler darunter, die sich teils mit dem SED-Regime arrangierten, es unterstützten, wie Willi Sitte, Bernhard Heisig, Werner Tübke.

Daneben finden sich aber auch Künstler in seiner Sammlung, die aneckten, es schwer hatten im normierten Ausstellungskanon, wie Harald Metzkes, Erika Alex-Stürmer, Hartwig Ebersbach. Sie kämpften gegen Ausstellungsverbote, politische Repressionen, wurden von der Staatssicherheit beobachtet. Unabhängig von offiziellen Vorgaben malten sie oft expressiv und rätselhaft, setzten die Selbstbefragung vor die kollektive Nabelschau.

Plattners Sammlung trennt nicht in Schwarz oder Weiß. Das tat auch nicht die Ausstellung „Hinter der Maske. Kunst in der DDR“, die voriges Jahr im Barberini zu sehen war und weit mehr als die Plattner-Collection zeigte. Damals fragte zum Beispiel der mitausstellende Maler Lutz Dammbeck entrüstet: „Warum werden gerade die Staatskünstler von gestern heute wieder gesammelt und gekauft, von Mäzenen hofiert?“ Dammbeck gehörte 1984 zu den Initiatoren des „1. Leipziger Herbstsalon“, der zugleich der letzte war und als „konterrevolutionär“ eingestuft wurde.

Derzeit sind im Museum Barberini sechs Räume mit Kunst aus der DDR gefüllt: mit 40 Arbeiten von 15 Künstlern aus der hauseigenen Plattner-Sammlung. Viele wirken fernab einer glorifizierenden Staatskunst bildmächtig über ihre Zeit hinaus. Wie die Werke von Stefan Plenkers, die durch ihre expressive Klangfülle faszinieren. Wir betreten seine traumartigen abstrakten Räume oder lauschen seiner „Vision in Weiß“, in der maskenhafte Frauengesichter im polyphonen Klang miteinander verschmelzen. Offensichtlich fiel Picassos Kubismus in Plenkers’ Malwelt hinein. Denn natürlich: Auch die Künstler aus der DDR schauten auf die Moderne, auch wenn sie sie zumeist nur aus Abbildungen in Büchern kannten und nicht zu den Originalen reisen durften. Auch der frühe Willi Sitte ließ sich von Picasso inspirieren, wie das leichtfüßig auftrumpfende Bild „Besuch der Harpyie“ von 1955 zeigt. Und dann dieser ganz andere Sitte: Als „Selbstbildnis mit Tube und Schutzhelm“ aus dem Jahr 1984, das dem Bild des sozialistischen Realismus die Krone aufsetzt. Hasso Plattner fand an beiden Bildern Gefallen. Das ist sein gutes Recht. Und nun schaut der Besucher im Barberini auf einen Maler, der eine sehr weite Wegstrecke zurückgelegt hat und sich nach der Formalismusdebatte Ende der 1950er-Jahre letztlich der Staatsräson beugte.

Ab 26. Oktober folgen weitere Werke aus der Plattner-Sammlung mit Kunst aus der DDR, die im Barberini zu sehen sein werden: rund 80 Werke sollen es dann sein. Aber diese Schau ist begrenzt bis zum 2. Februar 2020.

Es ist also eine wunderbare Aussicht, dass diese Kunst bald ihr eigenes Haus erhält – und nicht am Rande von Picasso oder demnächst der Alten Meister oft übersehen wird.

Potsdam, die Stadt ohne Kunsthochschule, vereint dann viele Handschriften: Maler und Bildhauer, die aus der Leipziger, Berliner oder Dresdner Schule hervorgegangen sind. Ein großer Schritt. So wie Wolfgang Mattheuers „Jahrhundertschritt“: das erste Werk aus der Sammlung Hasso Plattners, das vor zwei Jahren vors Museum Barberini zog. Wird er umziehen und vor dem Minsk rückwärtsblickend die Geschichte neu vermessen?