Kultur : Münchner Bier für die Marsianer

Das Symposium „Silence Fiction“ im Filmmuseum untersuchte Science-Fiction im frühen europäischen Stummfilm-Kino

Oliver Dietrich
Wenn die Gedanken dem Zeitgeist vorausschweben. „Himmelskibet – A Trip to Mars“ (1918) von Holger Madsen ist einer der ersten Raumfahrt-Filme der Geschichte.
Wenn die Gedanken dem Zeitgeist vorausschweben. „Himmelskibet – A Trip to Mars“ (1918) von Holger Madsen ist einer der ersten...Foto: Filmstill

Science-Fiction-Filme kennt wohl jeder, zumindest dem Namen nach. „Star Wars“ und „Star Trek“, aber auch die Hits der 80er-Jahre „Terminator“ oder „Zurück in die Zukunft“ – fast scheint es, als sei Science-Fiction eine Erfindung des amerikanischen Kinos. Stimmt aber gar nicht: Die ersten, die sich mit Science-Fiction – also der Wissenschaftserdichtung – beschäftigten, waren die alten Griechen – in Homers „Odyssee“ etwa oder Platons „Politeia“, das einen idealen Staat entwirft. Aber auch cineastisch reicht die Science-Fiction weit zurück, bis in die Stummfilm-Ära: Der Stummfilm „Die Reise zum Mond“ des französischen Regisseurs Georges Méliès, der am Donnerstag im Rahmen des zweitägigen Symposiums „Silence Fiction“ im Filmmuseum gezeigt wurde, ist aus dem Jahr 1902, also mehr als 100 Jahre alt.

Das Symposium zu frühen europäischen Science-Fiction-Stummfilmen war die Idee von Studierenden der Europäischen Medienwissenschaften, ein kooperativer Studiengang der Fachhochschule und der Universität. Die Studentin Esther Riese umreißt die Entwicklung des Genres: „Zunächst ging es nur um die Vorstellung, wie ein Raumschiff funktioniert, später finden sich Propaganda-Filme für den Ersten Weltkrieg, wie im Film ,Die Entdeckung Deutschlands’ etwa.“ Am Donnerstagabend wurde dann die Dystopie „Algol“ aufgeführt, ein Film von Hans Werkmeister und Emil Jannings aus dem Jahr 1920, begleitet von der Kinoorgel im Filmmuseum. Ein einfacher Arbeiter trifft darin auf einen Außerirdischen, der ihm eine Maschine gibt, die unendliche Energie verleiht – und damit eine Macht, die ihn letztlich ruinieren wird.

Ein klassisches Beispiel dafür, was Science-Fiction leisten kann: technische und gesellschaftliche Entwicklungen zueinander in Bezug setzen und die Ambivalenz des Fortschritts sichtbar machen. „Die Gegenwart versucht, eine Zukunft zu imaginieren, die aber viel über die Gegenwart erzählt“, beschreibt FH-Professor Jan Distelmeier die Science-Fiction-Idee im historischen Kontext. Klar, heutzutage lassen sich solche Zukunftsvisionen des Expressionismus ja retrospektiv betrachten. Und oft entsteht Science-Fiction in Krisenzeiten, besonders in Form von Dystopien, also Anti-Utopien. So tauchten nach dem Zweiten Weltkrieg und Hiroshima vermehrt Motive der Postapokalypse auf, in der nicht einmal die heilige Macht der Liebe etwas retten kann.

Über diese heute verstaubt wirkende Science-Fiction, die im Filmmuseum gezeigt wurde, lässt sich natürlich trefflich diskutieren, zumal sie ob der antiquierten Vorstellungen oftmals unfreiwillig komisch wirkt: So erfindet der Wissenschaftler im Film „Die Entdeckung Deutschlands“ aus dem Jahr 1916 etwa eine Tablette, die schwerelos macht, auf dem Weg vom Mars zur Erde wird der Kopf aus dem Raumschiff gesteckt, um zu sehen, wie weit es noch ist. Das Raumschiff landet dann in München, wo die humanoiden Marsianer Bier aus dem Hofbräuhaus ausgeschenkt bekommen, in Berlin steigen sie im noblen Hotel Adlon ab, „ein Roadmovie mit Slapstick-Einlagen“, wie Referent Willi Röhricht feststellt. Dabei ist der Film, der ein schönes Land mit herzlichen Bewohnern zeigen soll, reine Propaganda: Die Verlagerung in den Weltraum dient dazu, neutrale Augenzeugen zu imaginieren und das Deutsche Reich gut dastehen zu lassen – Zielpublikum war inmitten des Ersten Weltkrieges das neutrale Ausland wie Skandinavien. Die tatsächliche Situation der deutschen Bewohner wurde ausgeblendet: Die waren nämlich so ausgeblutet, dass sie sich nicht einmal eine Kinokarte hätten leisten können. Die dänische Antwort auf diesen Film, „Himmelschiff“ aus dem Jahr 1918, ist ein abendfüllender Science-Fiction-Film, der mit einem immensen Budget und aufwendiger Tricktechnik die Menschen auf den Mars führt – Invasion mal andersherum. Dort treffen sie auf keine bösen und kriegerischen Marsianer, sondern friedfertige Bewohner, die in einer utopischen Idealwelt leben. Mit ihrer Hilfe schafft es die Menschheit, den Weltfrieden auch auf der Erde zu etablieren – eine allzu deutliche Sehnsucht im letzten Kriegsjahr 1918.

„Science-Fiction erzählt Geschichten, die zumindest theoretisch möglich sind“, sagt Student Johannes Fähmel. Das grenze Science-Fiction von der Fantasie ab, ihr lägen immer aktuelle Erkenntnisse der Wissenschaft zugrunde. Zwar sei die Darstellung von Science-Fiction bisher vor allem von Technik geprägt, „aber auch Soziologie ist eine Wissenschaft“, so Distelmeier. Somit würden manche Filme gar nicht erst als Science-Fiction identifiziert, weil der gewohnte technische Charakter fehlt, der auch in den Stummfilmen erkennbar ist.

Dass Science-Fiction sowohl in der Literatur als auch im frühen Film immer visionär war, bewies schon Jules Verne: „Mit dem Antrieb hat Verne sich geirrt, aber nicht mit seiner Vision“, sagt Fähmel. Letztendlich flog der Mensch ja wirklich zum Mond.