Kultur : Mit wenigen Worten

Die Vorstellungen des am Samstag zu Ende gegangenen 21. Theaterfestivals Unidram erwiesen sich als Publikumsmagneten

Ralph Findeisen
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02.11.2014 19:20

Mit ihrem gleichnamigen Bewegungsstück hat das italienische Kollektiv „Opera“ dem diesjährigen Potsdamer Theaterfestival Unidram in gewisser Weise einen typischen italienischen Abend beschert. Auf ganzer Bandbreite bedient es sich des Zeichenreservoirs, das vom Arlecchino der Commedia dell’Arte über Pinocchio andeutungsweise bis hin zur Pantomime reicht, und taucht ein in die Musik der italienischen Oper, den Gesang von Caruso und Knaben ebenso wie in den betörenden Sound des Countertenors. Hier wird nicht die Wahrheit mit Wörtern gesucht. Entstehen soll ein theatrales Gesamtkunstwerk, das zusätzlich auf die Chiffren der Malerei, der Skulptur und vielleicht sogar des Films zugreift. Im schematischen Konstrukt aus Schattenspielen, manieristischen Elementen und Traumspektakel werden Erinnerungen an Dario Fo und Frederico Fellini wach.

Opera darf ja durchaus programmatisch als Abgrenzung von der heiteren Opera buffa und der ernsthaften Opera seria verstanden werden. Seltsam, es gibt eigentlich nichts zu lachen. Wenn Harlekin, der verdammte Narr und legitimiertes Negativ der Gesellschaft, zu Beginn vor die Zirkusmanege tritt und mit kindlicher Stimme aus dem Off ankündigt, dass sich offenbar alles in den Köpfen der Zuschauer abspielt, ist der Brückenschlag zum zeitgenössischen Kunstverständnis noch verständlich: Bastle dir deine Aussage selbst. Doch dann wird es beinahe ernster als ernst, abgründig ernst. Als ob der liebe gute alte Arlecchino das Vertrauen in seine Figur verloren hätte, die er doch so gern wieder auferstehen lassen würde. Er weint erschöpft, ohne dabei lustig zu sein. Will er seine Masken nicht? Ist er das geworden, was er zum Schein immer nur komödiantisch vorgetragen hat, ein hoffnungsloser Verlierer? Heillos verstrickt in sein wie auch immer historisch geschwängertes Selbst? So enden die vierzig Minuten in fast schon gespenstiger Stille. Als käme noch etwas. Aber es kommt nichts mehr. Das Publikum betrachtet die Darsteller. Die Darsteller betrachten das Publikum. Trost hat niemand gefunden. Ralph Findeisen

Kein einziges Wort fiel auch, als am Freitagabend die italienische Gruppe Teatropersona ihre Bilderwelten „AURÆ“ bei Unidram vorstellte. In einem schwarzen fensterlosen Raum mit weißen Türen reihte sich Sequenz an Sequenz. Sofort wurde man hineingesogen in eine (Traum-)bilderwelt par excellence. Wie von Geisterhand öffneten sich Türen, Frauen in bodenlangen Kleidern durchschritten den Raum und entschwanden, kaum, dass sie gekommen waren.

Eine der Frauen trug einen Mann und eine weitere Frau in das dunkle Zimmer, stellte beide wie Glieder-Puppen einander gegenüber, und überließ sie ihrer Geschichte. Regisseur Alessandro Serra ist überzeugt davon, dass der Körper das Wesen des Theaters darstellt. Seine ungemein präsenten Darsteller Chiara Michelini, Daria Menichetti und Francesco Pennacchia wirkten so auch eher wie Tänzer denn als Schauspieler. Und ihre präzis einstudierten, expressiven Bewegungschoreografien erzählten, ohne ein einziges Wort verlauten zu lassen, existenzielle Geschichten. Höhepunkt war die Beziehungsstudie zwischen der Frau im weißen Seidenkleid und dem Mann im Gehrock. Origineller hat man eine Trennung auf dem Theater noch nicht gesehen! Grandios, wie er ihr Kleid festhält und sie sich wie eine häutende Schlange aus diesem herauswindet. Ungeschützt verlässt ihr knochiger Körper den bisher gemeinsamen Raum. Das leere Kleid bleibt wie ein Leichnam zurück.

Bei vielen Sequenzen setzte Serra Geräusche wie das Knarren von Balken und Türen und Musik des ungarischen Komponisten Mihály Vig ein, die die melancholisch-geheimnisvolle Grundstimmung seiner Bilderwelten untermalen und die Zuschauer zusätzlich umgarnen. Diese elegische und dramatische Performance wird mit ihren Bildern noch lange nachwirken. Astrid Priebs-Tröger

Ein Wortschwall stärker als der andere ergoss sich, als das französische Figurentheater „Les Antliclastes“ kurz darauf im T-Werk auftrat. Deutlicher konnte der Kontrast kaum sein: Expressive Farbigkeit und kreischende Jahrmarktsatmosphäre, in der die alte Tradition des Flohzirkus auf schaurig-schöne Art wiederbelebt wird. Miniaturparasiten unter der Lupe, die auf Drahtseilen balancieren, winzige Kutschen ziehen oder Ball spielen. Der ohne Unterleib agierende Zirkusdirektor tut alles, damit die possierlichen Tierchen ihre Kunststücke vollführen.

Doch „Les Antliclastes“ wären nicht sie selbst, wenn sie es dabei beließen. Die originellen Mechaniker und Marionettenspieler um Regisseur Patrick Sims lassen die braunen Viecher ins Riesenhafte wachsen oder schicken sie zu fünft auf einem Tandem über die Bühne. Possierlich und beklemmend zugleich, wenn man weiß, dass Flöhe einst die Pest übertrugen.

Bei den Bildwelten von „Les Antliclastes“ standen auch Artauds Theater der Grausamkeit und der Film „Noir“ Pate. Man darf sich nicht nach dem Sinn fragen, sondern kann sich nur offen für Überraschungen diesem grellen surrealistischen Universum überlassen. Wie der Anspielung auf Antonin Artauds Aufsatz „Das Theater und die Pest“; der Dramatiker ist in der Inszenierung als eine in eine Zwangsjacke gewickelte weiße Raupe zu sehen. „Wie die Pest“, sagte er einst, „ist auch das Theater zur kollektiven Entleerung von Abszessen da.“

„Le virus de la scene“ spielt gekonnt mit den (Ur-)Ängsten von Menschen. Die Flöhe als Zirkusnummern lacht man einfach weg, selbst die Monster-Marionetten sind nur Theater, doch als dazwischen Projektionen von echten Viren und Bakterien aufscheinen, legt sich die Angst vor Infektion ganz kurz mit einem klammernden Griff um den Hals. Wie gut, dass am Ende doch alles wieder nur Theater ist! Astrid Priebs-Tröger

Auch die allerletzte Vorstellung des Festivals am Samstagabend erwies sich als Publikumsmagnet. Zu Recht, denn die belgischen Pantomimen von „Zinneke Kabuki“ zeigten in „Doffice!“ eine umwerfende Art von Körpertheater, das starke physische Pantomime mit absurdem Humor und der Lust am Burlesken verband. Als Ort ihres Nahkampfes wählten sie ausgerechnet ein Büro.

Hier treffen der langgediente Routinier (Michel Carcan) und der hyperaktive Neuling (Othmane Moumen) ohne Ankündigung aufeinander und selbst die Marx Brothers hätten dabei noch etwas lernen können an diesem ersten Tag, den die ungleichen Kontrahenten miteinander verbringen müssen. Mit nichts als einem Tisch und Stuhl kreieren sie alltägliche Büro-Situationen, die grandios Kulturunterschiede sowie Generationen- und Autoritätskonflikte auf den Punkt bringen. Das Lachen über ihre normal-absurden Konfrontationen blieb einem meist im Halse stecken, weil in dem übertriebenen Spiel so viel Wahrheit steckt – über eine moderne Arbeitswelt, die die Konkurrenz zum Maßstab des eigenen Überlebens gemacht hat. Was „Zinneke Kabuki“ allein anhand der Stuhlgeschichte zeigten, hätte sonst ziemlich viele Worte gebraucht. Die beiden Pantomimen aus Brüssel gebrauchten nicht ein einziges.

Und das zeichnete das gesamte diesjährige Festival aus, scheint ein Trend im jungen europäischen Theater zu sein. Der es auch erleichtert, über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg europäisches Theater zu kreieren und zu konsumieren. Welches zudem den Finger am Puls der Zeit hat und gesellschaftliche Orientierungslosigkeit, soziale Ausgrenzung und Sehnsucht nach Rebellion ungemein bildstark zum Thema macht. Astrid Priebs-Tröger

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